Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
612
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angſterregten Herzens, was wollt ihr von mir? ich habe nichts mit euch zu ſchaffen!

Er trat an's Fenſter und ſchaute eine Zeitlang zum ſternenbeſäeten Himmel hinauf.Ich wollte ver⸗ geſſen, fuhr er ruhiger fort,wollte all die Tage, die hinter mir liegen, aus meinem Gedächtniſſe til⸗ gen und ein neues Leben beginnen. Den Glauben an Wahrheit, Treue und Liebe hatte ich verloren. Liebe was iſt Liebe? Egoismus, oder die flüch⸗ tige Laune eines fieberkranken Herzens! Ha, wie es mich erſchütterte, als ich das an meinem eignen Her⸗ zen erfahren mußte, als ich auch die, auf deren Schwüre ich gebaut, für die ich mein Leben in die Schranken geſetzt hatte, als falſch, treulos und mein⸗ eidig erkannte! Und dennoch kann ich ihr Bild nicht zurückdrängen; hohnlächelnd tritt es vor mich hin und deutet auf die Opfer, die ich ihm gebracht habe. Und auch ſie kommen näher und wandeln mir vorüber, voran ein bleicher Jüngling im Todten⸗ gewande, die Rechte krampfhaft auf's Herz gepreßt, dem ein rother Blutſtrom entquillt, ihm nach folgt eine junge, blaſſe Frau, o ich kenne dich wohl, dich und die beiden Kinder, die mit ihren großen ſinnigen Augen mich ſo traurig anſchauen. Hinweg fort was quält ihr mich? Iſt es nicht genug, daß ich um Tagelohn arbeiten, daß ich darben und mich vergeblich nach einem Herzen umſchauen muß, an dem ich ſo gerne mein müdes Haupt bergen möchte? Müßt auch ihr noch den Ocean überſchrei⸗ ten und mich hier, im Winkel des Elends, aufſuchen, um mein lebensmüdes Herz zu foltern?

Der bleiche Mann war auf ſeinen Stuhl zurück⸗ geſunken, eine Zeitlang ſah er ſtier vor ſich hin, dann fuhr er wehmüthig, leiſe fort:Es gab einmal eine Zeit, wo ich glücklich war oder es doch zu ſein glaubte, aber das iſt ſchon lange, lange her! Sie kehrt nicht wieder, ſo wenig, wie ich je in meine Heimath zurück⸗ kehre, der Schatten eines Gemordeten und der weite Ocean trennen mich von ihr, und doch möchte ich ſie noch einmal ſehen. Ungekannt, ein Fremder, Namenloſer, möͤchte ich ihre Fluren und Wälder durch⸗ wandern und einſt mich dort zur Ruhe legen!

In tiefes Sinnen verſunken, blieb er lange re⸗ gungslos, das Haupt in die Hand geſtützt, am Tiſche ſitzen, er ſah nicht, daß das Talglicht herabgebrannt war und zu erlöſchen drohte, ſah nicht, daß das Mor⸗ gengrauen ſchon die ſchwarzen Schatten der Nacht verſcheuchte, der Schlummergott hatte ihn leiſe in ſeine Arme genommen und die Seele über den Ocean in die ferne, ſchöne Heimath entführt. Der Tag brach an, ſchon ſandte die Sonne die Boten aus, die ihr Erſcheinen verkündeten, der bleiche Mann ſaß noch

Novellen⸗Jeitung.

immer da und ſchlief, ſeine Seele konnte ſich noch nicht trennen von dem ſchönen, traulichen Familien⸗ kreiſe, in den ſie nach langer, langer Zeit wieder zu⸗ rückgekehrt war.

Plötzlich ſprang er auf und fuhr mit der Hand über die Augen.Was war das? murmelte er, war's mir doch, als hätte ich eine bekannte Stimme gehört.

Kaum waren die Worte ſeinen Lippen entflohn, als eine melodiſche, tiefe Männerſtimme, die durch die dünne Breterwand aus der Nebenkammer erſchallte, die zweite Strophe des Liedes anhob, deſſen erſte den Schlafenden aus ſeinen Träumen geweckt hatte. Er drückte ſein Ohr an die Wand und horchte.Eins meiner Jugendlieder, murmelte er, als der Geſang verklungen war;an meinem Hochzeitstage, als ich es ſchuf, ahnte ich wohl nicht, daß es einſt nach vie⸗ len Jahren die geheimſten Saiten meines Herzens ſo mächtig erregen würde! Ich muß den Sänger kennen lernen, fuhr er fort, indem er raſch auf die Thüre zuſchritt,nur eine unverdorbene Natur kann mit ſolcher Innigkeit ſingen!

Als er in die Nebenkammer trat, die nur um ein Geringes beſſer meublirt, aber ungleich ordentlicher und ſauberer war, erblickte er einen Mann, der, nach ſeiner Kleidung zu urtheilen, dem Handwerkerſtande angehörte. Das friſche, heitere Auge, die freundliche, offene Miene nahmen ihn ſofort für denſelben ein. Entſchuldigen Sie meinen frühen Beſuch, begann er,ich hörte Sie ſoeben ſingen, und da das Lied lebhafte Erinnerungen in mir weckte, regte ſich der Wunſch bei mir, den Sänger deſſelben kennen zu lernen.

Der Fremde reichte dem Eingetretenen die Hand Seien Sie mir willkommen, erwiderte er,Sie ſind ein Deutſcher, und ſchon das macht mir Ihren Beſuch ſchätzenswerth. Dann bot er ihm einen Stuhl an und nahm ihm gegenüber Platz.Ich habe noch eine Stunde Zeit, fuhr er fort,und wenn es Ihnen recht iſt, bringen wir dieſelbe mit Erinnerungen an unſere gemeinſame Heimath zu. Mein Name iſt Georg Koch, meine Vaterſtadt B. in Preußen.

Der Andere zuckte zuſammen, dann fragte er in gleichgültigem Tone:Und was bewog Sie, Ihre Heimath zu verlaſſen?

Die Geſchichte iſt einfach, erwiderte Koch,mein Vater war, wie ich, Bildhauer, vor einem Jahre ſtarb er plötzlich und hinterließ mir außer ſeinem Segen nichts als ſein Werkzeug. Ein halbes Jahr lang ſetzte ich das Handwerk fort, konnte aber auf keinen grünen Zweig kommen. Da hörte ich, daß hier rüſtige Hände geſucht und gut bezahlt würden, und ohne mich

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