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dieſe Wunder zu betrachten, und eben wollte er in einen Aus⸗ ruf ausbrechen, als Jerym das Wort nahm.
„Alles, was Du hier ſiehſt, Fremdling,“ ſagte er,„wird eines Tages Dir gehören. Wann dieſer Tag erſcheint, kann ich nicht enthüllen, aber ſei überzeugt, daß er kommen wird, und daß Deine Reichthümer denen des mächtigſten Monar⸗ chen der Erde nicht nachſtehen. Die zwölf Walkyrien werden Deinen Schritten folgen; ſie werden Dein Lob und Deine Siege beſingen; ſie werden Deine ermüdeten Arme aufrecht erhalten; ſie werden Dich gegen die Angriffe Deiner Feinde beſchützen. Nach Deinem Tode, denn Jedermann muß ſterben, wird Deine Seele im ſtrahlenden Palaſte Odin's, in der glänzen⸗ den Walhalla wohnen, wohin die tugendhaften Sterblichen beru⸗ ſen werden.“—„Doch nein,“ fügte er mit einer Stimme hinzu, welche dem Ziſchen einer Schlange glich,„dieſer letzte Ruhm iſt Dir nicht beſtimmt.— Rollo, Rollo, Du wirſt die Reli⸗ gion Deiner Väter verlaſſen; Gulweika, die Göttin der Hab⸗ gier, hat Dein Herz verwandelt; Du wirſt den Glauben Deiner Vorfahren abſchütteln, dem alten Cultus der Skandi⸗ navier entſagen!— Wehe über Dich! Helles Waſſer wird über Deine Stirn gegoſſen, wie um den norwegiſchen Glau⸗ ben von Dir abzuwaſchen. Rollo, Verräther an Deinen Göttern, Undankbarer an Deinem Vaterlande, ja, der Ruhm wartet Deiner auf dieſer Erde, aber Odin wird Dich in der Ewigkeit verfluchen!“
Bei dieſer heftigen Anrede zitterte Rollo vor Zorn.
„Bei Hela, der Göttin des Todes, Du lügſt!“ rief er aus und wollte ſich auf Jerym ſtürzen, aber ein heftiger Stoß erſchütterte die Hütte, ein Blitz zuckte, finſtere Nacht füllte den Raum, die ſtrahlende Viſion war verſchwunden, und Alles ſtill.—————— Die Prophezeiung Jerym's hat ſich erfüllt, denn der ver⸗ irrte Reiſende, Rollo der Fußgänger, war der Eroberer des ſchönſten Landes der Welt und die Wurzel eines mächtigen Stammes, des der Herzöge der Normandie. a.
Ueber das wahrſcheinliche Schickſal der Salomoni⸗ ſchen Tempelgefüße.
Der Ruhm dieſer heiligen Reliquien hat die ganze Welt erfüllt. Man weiß, obgleich ſo viele Alterthümer aus noch früherer Zeit ſich bis auf uns erhalten haben, daß gerade dieſe ſpurlos verſchwunden ſind. wenigen Leſern bekannt ſein.
In ſeiner ausführlichen Geſchichte Roms erzählt uns Gregorovius bei Gelegenheit der Einnahme dieſer Stadt durch den Vandalenkönig Genſerich einiges Wahrſcheinliche über die Schickſale der iſraelitiſchen Heiligthümer. Er ſagt: Kaum zeigte ſich vor dem Hafen von Portus das Geſchwader der Feinde, welches beutegierige Schwärme von kriegeriſchen Vandalen und von heidniſchen Berbern oder Mauren aus Afrika heranführte, als das Volk in Rom einen Aufſtand der Verzweiflung erhob. Der Kaiſer Maximus hatte ſeinen Sohn Palladius mit einer Tochter der Eudoxia vermählt ung zum Cäſar erklärt, aber dies ſcheint ſeine einzige Regentelthand⸗ lung geweſen zu ſein. Er traf keine Vertheidigungsanſtalten, ſondern gleichſam an den Sinnen gelähmt, wie einer, dem im Traum ein großes Lebensſchickſal zugeſtoßen, entließ er ſeine Umgebung, gab allen die Freiheit zu gehen, wohin ſie woll⸗ ten, und wankte aus dem Palaſt, ſich irgendwo durch die Flucht zu retten; denn bereits riß ſie Volk und Adel Roms
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ſ Auf welche Weiſe ſie aber von Hand zu Hand gingen und vielleicht endeten, dürfte nur ichte gleichzeitiger Schriftſteller erſetzen, und uns den Zu⸗
Novellen⸗Zeitung.
in Verwirrung fort. Auf der Straße ſteinigten ihn Bürger und Bediente des Palaſtes, zerriſſen den Körper und warfen die Glieder in den Tiberſtrom. So fiel Maximus im Juni des Jahres 455, nach einer kurzen Herrſchaft von nur 77 Tagen.
Sein Tod ging dem Einzug der Vandalen voraus, denn Procopius irrt, indem er ſagt, daß er nach der Beſetzung des Palaſts durch Genſerich erfolgt ſei. Die Krieger dieſes furchtbaren Eroberers waren unterdeß an der Küſte gelandet, und zogen auf der portuenſiſchen Straße heran, die Stadt zu nehmen, mochte ſie bewehrt oder wehrlos ſein. Es ſtellte ſich ihnen Niemand in den Weg, als derſelbe ehrwürdige Biſchof Leo, welcher dem weit ſchrecklicheren Attila bereits furchtlos entgegengetreten war. Von ſeiner Geiſtlichkeit umringt, hielt er den Zug der Vandalen auf, und er ſagte dem König Gen⸗ ſerich mit beredten Worten alles das, was er einſt dem Hnn⸗ nenkönige geſagt hatte. Genſerich hörte den heiligen Man mit Ruhe an, aber er erblickte den zürnenden Schatten das Apoſtels mit gezücktem Schwert nicht über ſich; doch gab er das Verſprechen in die Hände Leo's, die Stadt mit Feuer und Schwert und Martern zu verſchonen, und ſich nur⸗Aen die Plünderung ihrer Schätze zu beſchränken.
Es war am dritten Tage nach der Ermordung des Kai⸗ ſers Maximus, daß die Vandalen durch das Thor von Portus in die unvertheidigte Stadt einrückten. Ueber die öden Plätze und Straßen verbreiteten ſie ſich als ein jauchzender Schwarm von Räubern, und zum erſtenmal ſahen die Römer, nachdem ſie fünf und vierzig Jahre früher die beutegierigen Steppen⸗ kinder von Pannonien und vom Don ihre Paläſte hatten durchwühlen ſehn, die Söhne der afrikaniſchen Wildniß, Be⸗ duinen vom Lande des Jugurtha, mit den germaniſchen Van⸗ dalen gemiſcht, als Feinde im Herzen ihrer Stadt. Sie plünderten dieſe ungeſtört, nicht wie die Weſtgothen Alarich's zu der Raubluſt auch die Rachluſt geſellend, ſondern als die glücklichſten der Räuber nur ihren durch keine Kämpfe erkauf⸗ ten Wollüſten in aller Ruhe fröhnend, ein niederes Schau⸗ ſpiel, um nicht zu ſagen ſchimpflich für die Römer. Wenn die Gothen in nur dreitägiger Plünderung ſich mit aller Haſt auf Rom ſtürzten, zu entraffen was ſie konnten, und wenn ſie von der Größe des noch unerhörten Ereigniſſes ſelbſt er⸗ ſchreckt, ihren eigenen Sinnen nicht trauen mochten, ſo plün⸗ derten die Vandalen ohne Scheu und mit Gemächlichkeit, denn ihnen verſtattete Genſerich eine vollgemeſſene Friſt von vierzehn Tagen.
Die Einbildungskraft muß auch hier die fehlenden Be⸗
ſtand der Stadt während ſo langer Plünderung zeigen, von welcher keine Gräuelthat ausgeſchloſſen gedacht werden kann. Was Gothen verſchont, oder was Römer ſeither erſetzt hatten, in Paläſten und Kirchen und öffentlichen Gebäuden, fand
nun ſeine raſchen Finder, denn die Ausleerung Roms konnte
nach einem Syſteme betrieben werden. Zu gleicher Zeit ſah man an allen Enden der Stadt plündern, und Hunderte von Beutewagen aus dem Thor von St. Paul oder von Portus hinausfahren, um den aufgeſchichteten Raub nach den Schif⸗ fen zu bringen, welche den Tiberfluß bedeckten. Leider haben wir nur von einigen Einzelnheiten Kunde, aber dieſe ſind denkwürdig genug. Indem ſich die Vandalen vor allen auf das Palatium als den Sitz der Kaiſer ſtürzten, raubten ſie dies mit ſolchem Eifer aus, daß ſie ſelbſt von den kupfernen Geſchirren nichts übrig ließen. Auf dem nahen Capitol aber plünderten ſie den noch völlig aufrecht ſtehenden Tempel des Jupiter; ſie rafften nicht allein die Statuen zuſammen, welche
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