Vierte
Ich beobachtete ihn beim Tanzen. Er, der jetzt im salle des maréchaux der Tuilerien mit der ſchönen Spanierin den Ball eröffnet— in jener Nacht zeigte er ihr ſeine kaiſerliche Beſtimmung an, indem er eine weiße Blume in ihre Hand legte— tanzt mit Bedacht. Zu Pferde erſcheint er vortheil⸗ hafter als er damals in dem Ballſaal bei Almack's erſchien. Der Held oder, wenn Sie wollen, das Opfer jenes ſchrecklichen Zwölften,„Les chatiments“ tanzt und walzt mit Präciſion — ſicher, doch ohne Grazie— und immer bleibt ſein Ge⸗ ſicht auf den Fußboden gerichtet; ſeine Augen erheben ſich nie zu denen ſeiner Tänzerin; er tanzt wie ein Mann, der das Tanzen gelernt hat, aber dem das Tanzen nicht von Natur gekommen iſt. Ich habe ihn ſeitdem wieder tanzen ſehen, ſeine Pas ſind jetzt gemeſſener, doch ſie werden noch immer beinah mit Schwierigkeit ausgeführt; indeſſen waren ſeine Pas niemals die eines jugendlichen Tänzers, ſelbſt als er noch in der Blüthe ſeiner Jugend ſtand.
„Es iſt der Prinz Louis Napoleon,“ bemerkte ich gegen iinen Freund, der an meiner Seite ſtand.„Ich ſah ihn kürz⸗ lich bei Lord Eglintoun, wo er auf einem unvergleichlichen Renner Ausgezeichnetes in der Reitkunſt vollführte, worüber Einige—“.
„Lachten,“ unterbrach mich mein Nachbar.„Er machte ſich ſelbſt lächerlich. Er iſt ganz de mauvais ton. Niemand nimmt von Louis Napoleon Kenntniß.“
„Niemand kennt ihn,“ entgegnete ich.„Niemand be⸗ greift das Räthſel ſeines Charakters. Einige ſagen, er ſei der liſtigſte unter allen jetzt lebenden Menſchen, Andere jaben eine ganz verſchiedene Meinung von ihm.“
„Daß er Einer der Dümmſten iſt, und Sie können ſich
el Stia zrauf verlaſſen, vie allgemeine Meinung iſt gewöhnlich rich⸗
eint und dieig. Er iſt ein Mann ohne jedes Talent— denn hätte er glußfolgerung Talent, ſo wäre er nicht hier.“
Mein Freund entfernte ſich, und zwei ſo unbedeutende
Perſonen wie meine Wenigkeit und— Louis Napoleon ganz
dergeſſend, miſchte er ſich in einen Kreis älterer Damen.
Fpäter kehrte er zu mir zurück.„Sein Couſin,“ raunte er
nir zu;„ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß er ein ganz
undrer Mann iſt, ein ſehr hübſcher, umgänglicher Camerad,“
indem er auf einen hübſchen jungen Mann zeigte, den man
in ſeinem Geſicht ſofort für einen Bonaparte erkannte.„Er,
as gebe ich zu, mag es zu Etwas bringen.“ In ſolcher Art
hrach er von„Plon plon“. Das war damals die herrſchende
RNeinung. Die ſo falſch beurtheilte Intelligenz war eine
damals kuum giche Mine, welche derjenige, der ſie in der Hofſ rnd
„ſ,r Zeit iche, derjenige, der ſie in der Hoffnung eines
zu dieſer Hefänftigen Uebergewichts bebauete, ſorgfältig verborgen hielt,
nen, ſchma 8 vährend er es einem Andern, der im Leben nur eine unter⸗
ine geträunter, ſeerdnete Rolle zu ſpielen hatte, überließ, nach Popularität
end. Er hüll i ſtreben. Welch ein Wirbelwind iſt die Exiſtenz dieſes für
ollr Bick giebt zumm gehaltnen und damals finſter blickenden jungen Man⸗
e aber auh nes ſeit jenen Tagen bei Almack's geweſen! Boulogne und
teinen ſelchen dus Trauerſpiel Bedinguet's; jenes dunkle Syſtem des kai⸗
berflächlchen ſelichen Gewiſſens— Straßburg, H ingeker⸗
oberſlac tt⸗ ewiſſe traßburg, Ham, wo der eingeker⸗
ſicht andau iinte Adler ſein Geſicht ſchärfte, ſeine Krallen ſtärkte und durch
ndſten Enüin eine lange Lehrzeit im Studiren ſeine Schwingen vorbereitete
eichende Mate und heiterer, aber nicht weniger eintönig, die Zurückge⸗
Gleichüligti zogenheit in Arenenberg, wo die einſt ſo ſchöne Exkönigin
nd vermuthel von Holland, Hortenſe, oft in ſo zerrütteten Umſtänden war,
der Gegennn, daß ſie und ihre Ehrendamen ſich gezwungen ſahen, ſich zum
Diſſr Van ter mit einer Omelette zu begnügen:— dieſe Scenen
chäftigt ſch le⸗— den friedlichen Tagen in Hydepark, Ascott und bei
en— er unn. 8 nach Welch eine Vorbereitung für Ruhm iſt frühzeitiges
n— aglück! Aus der Vernachläſſigung, Vermeidung, ſelbſt Be⸗
aliſcher
hat ſich der um nicht 1 en, wie er ſphaͤre nich nerähnliche velche einz dem Bauch de man ſie eſchweige in dmenſch von 1, ſo iſt es agt, was er keine Atmo⸗
müſſen auch ianer einen en aber kann ſonſt liebens⸗ dategorie der
rſtellung von aalb ſo ſehr nehmen kön⸗ delen Geiſte
Folge. 591
leidigung entſtand die große Energie des Mannes, deſſen Bild uns jetzt, wenn wir uns Almack's erinnern, vor das geiſtige Auge tritt. Wir ſehen ihn, in Nachdenken verſun⸗ ken, ſchweigend, ohne ein Lächeln ſich verbeugen und ſeine Tänzerin nach dem letzten Walzer zu ihrem Seſſel führen. Einſt wollte der große Kaiſer von Arenenberg aus, wo er da⸗ mals als verbannter Flüchtling ſich aufhielt, einem Nachbar einen Beſuch machen, das heißt einem Nachbar an der entge— gengeſetzten Seite des Conſtanzer Sees, aber doch der nächſte Nachbar der Herzogin von Saint Leu und ihres Sohnes. Es war eine große, alte, deutſche Burg, von außen mit ſtarken Mauern und Baſteien befeſtigt, aber im Innern doch noch mehr durch Stammbäume, Etiketten und Gebräuche verthei⸗ digt. Unſer Prinz galoppirt bis an den Thorweg und ſen⸗ det ſeine Karte in die Burg. Der ſchwäbiſche Jäger über⸗ reicht dieſelbe dem Herrn Baron in ſeiner Bibliothek. Der ſtattliche alte Edelmann fuhr wüthend auf:„Wie kann dieſer Menſch es wagen, mir einen Beſuch machen zu wollen! dieſer emporgekommene Aufrührer! Gieb ihm ſeine Karte zurück!“ Eine junge engliſche Dame, die in ſeiner Nähe war— ſie war bei dieſem Baron mit ſeinen ſechszehn Ahnen und reinem Blut zum Beſuch— nimmt die Karte weg.„Laſſen Sie mich dieſe Karte als eine Merkwürdigkeit haben,“ ſagt ſie lächelnd, und als eine Merkwürdigkeit behielt ſie dieſelbe. Es iſt ſicher etwas werth, die Karte zu beſitzen, welche von der Hand eines für den Kaiſerthron beſtimmten Mannes ge⸗ geben und deren Annahme von einem alten deutſchen, als Einſiedler lebenden Edelmann verweigert wurde, um den wahrſcheinlich außer ſeiner kleinen Umgebung ſich Niemand bekümmerte und der ſeit jenem Ereigniß längſt zu ſeinen Vätern mit ihren ſechszehn Ahnen gegangen ſein mag. C.
Zur Kenntniß Chilis.
Es iſt wohl kein Land der Welt reicher an Naturpro⸗ ducten verſchiedener Art in allen drei Reichen, als Chili, wenigſtens dürften die Producte keines Landes ſo wunder⸗ barer Art ſein; ganz beſonders aber zeigen viele dieſer Pro⸗ ducte durch ihre eigenthümliche Zuſammenſtellung die unend⸗ liche Weisheit des Schöpfers.
So giebt es eine Menge größerer und kleinerer Thiere der verſchiedenſten Gattungen, welche mehr oder weniger giftig ſind und ſich auf eine entſetzliche Weiſe vermehren würden, wenn nicht der Sobrecano, eine ſehr große Schlange, die Aufgabe ihrer Vernichtung empfangen hätte. Dieſe Schlange nährt ſich von den Jungen aller jener anderen giftigen Thiere, und ſo wunderbar iſt die Eigenſchaft des Sobrecano, daß ſein Biß jeden Menſchen augenblicklich heilt, der unmittelbar vorher von einem der andern giftigen Thiere gebiſſen oder geſtochen worden iſt. Nur ein Thier giebt es, gegen deſſen Gift der Sobrecano ohnmächtig iſt: die Dormitoria, gegen deren Gift noch kein Gegengift bekannt iſt. Aber zum Glück hat man hier einen Talisman, durch deſſen Beiſtand man der Wuth der Dormitoria entgehen kann; dieſes Schutzmittel beſteht in den getrockneten Blättern der sensitiva australis. Sieht man die Dormitoria ſich ziſchend zum Angriff ringeln, und man bewirft ſie mit dieſen Blättern, ſo braucht nur ein einziges derſelben die Schuppenhaut des Ungethüms zu be⸗ rühren, und augenblicklich ſinkt es leblos zuſammen. Deß⸗ halb pflegen Reiſende in jenen Gegenden ſich oft mit einem Vorrathe ſolcher Blätter zu verſehen.


