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Der ſomnambule Schlaf, der bei uns in Europa ſo ſchwer zu bewirken und ſo vielen Zweifeln ausgeſetzt iſt, läßt ſich in Chili mit der leichteſten Mühe bewirken. Man hat dazu weiter nichts nöthig, als die Perſon, die man ein⸗ ſchläfern will, und mit der man dazu in gar keinem magneti⸗ ſchen Rapport zu ſtehen braucht, ein Blatt von einem Kraute, das in den Gebüſchen von Cuenga wächſt, für einige Augen⸗ blicke zwiſchen Daumen und Zeigefinger halten zu laſſen. So lange ein Menſch in Berührung mit dieſem Blatte bleibt, ſchläft er hart und feſt, und ſobald man es wegnimmt, er⸗ wacht er geſtärkt und geſund; auch beantwortet er in dieſem Schlafe alle an ihn gerichteten Fragen.
Ein anderes Kraut, der Coca, das heilige Kraut der alten Inkas, beſitzt grade die entgegengeſetzte Eigenſchaft. Es erweckt den Menſchen, erhält ihn munter, verleiht ihm Muth, Kraft, Entſchloſſenheit und Ausdauer. Die Arrieros und alle die, welche die Wüſten oder die Cordilleras bereiſen, verſäumen nie, eine Kugel der Coca⸗Blätter zu kauen, wie Matroſen ein Prümchen Tabakv; ſie widerſtehen dadurch dem Hunger und dem Durſt vierundzwanzig Stunden lang, trotzen der Ermüdung, und legen Tagereiſen von zwanzig Meilen zurück!
Der Huaco, eine rebenartige Pflanze, iſt dadurch wohl⸗ thätig, daß der aus ihr gepreßte Saft den Stich oder Biß verſchiedener giftiger Thiere heilt. Die Entdeckung der Heilkraft dieſer Pflanze verdankt man dem Quirigumigui, einem ſehr hübſchen Vogel; denn die Indianer bemerkten eines Tages, daß dieſer Quirigumigui, welcher die giftigſten Schlangen angreift und ſie tödtet, dabei zuweilen durch ihre Biſſe verwundet wird, dann nach dem Kampfe fortfliegt und die Blätter des Huaco anpickt.
Im Pflanzenreiche giebt es eben ſo heftige Gifte wie zuverläſſige Gegengifte, doch auch Bäume von wunderbarer Nützlichkeit beſitzt das Land, z. B. die Myricas oder Wachs⸗ bäume, deren Früchte ein Wachs liefern, welches dem der Bienen füglich an die Seite geſtellt werden kann, und deren Blätter die Eigenſchaft beſitzen, rheumatiſche Flüſſe zu heilen. Ohne dieſen wohlthätigen Baum wären die ſumpfigen Ge⸗ genden dieſes Landes vollkommen unbewohnbar; zwiſchen die Kleider gelegt, verhindern die Blätter auch den Mottenfraß, was in dieſem Lande von ſehr großer Wichtigkeit iſt. Es giebt wohl ein Dutzend Gattungen der Myrica, das meiſte Wachs geben die m. cerifera und die m. pensylvanica. Dieſe Bäume kommen ungemein leicht fort, ſowohl durch Samen, als durch Ableger und Stecklinge, und würden ſelbſt in ſum⸗ pfigen Gegenden Europas gut gedeihen und viel dazu bei⸗ tragen, die Luft geſünder zu machen.
Nicht minder merkwürdig als die genannten Naturer⸗ zeugniſſe Chilis iſt das Licht-Holz oder santo-palo. Wenn man einen Stock von dieſem Holze mit einem Zündhölzchen reibt, ſo ſtrömt er augenblicklich eine Helligkeit aus, die einer Gasflamme wenig oder gar nichts nachgiebt, und ſo kann man in dem dichteſten Walde, in der finſterſten Nacht, ſtets eine unauslöſchliche Fackel zur Hand haben.
Die Ninde des mayten oder Seifenbaumes erſetzt die beſte geſottene Seife civiliſirter Länder um ſo vollkommener, da ſie keinen unangenehmen Geruch hat, und nicht nur den Schmutz wegnimmt, ſondern auch alle Flecke aus nicht waſch⸗ baren Stoffen radical vertilgt.
Novellen⸗Jeitung.
in finſtrer Nacht bequem leſen kann; der Genuß einer einzi⸗ gen Raupe einer gewiſſen Gattung, hepialus virescens, bewirkt ſelbſt nach krankhafter Schlafloſigkeit eine geſunde Nachtruhe. a.
Kleine Kritiken.
Geſammelte Schriften von Hector Berlioz. Autoriſirte deutſche Ausgabe von Richard Pohl. Leipzig, bei Guſtav Heinze.
Berlioz iſt nicht der Liebling aller echten Muſikfreunde, nicht einmal der einer großen Anzahl. Dennoch werden ihm auch ſeine Gegner die Anerkennung niemals verſagen können, daß er ein Geiſt von ausgiebig ſpiritueller, wenn auch nicht groß⸗ artig productiver Kraft ſei. Bei aller Phantaſie herrſcht in ſeinem Talente das ſpeculative Element vor, und er imponirt durch einen gewiſſen Muth originell ſein zu wollen, ein Stre⸗ ben welches ſich bei ihm, wenigſtens in Bezug auf die Form ſeiner Sachen, auch reichlich genug gelohnt hat.
Beachtenswerth aber iſt bei Berlioz eine feine, ſcharfe, wenn auch etwas capriciös geſchulte Fähigkeit zur muſikali⸗ ſchen Kritik, in der er zugleich ſeinen bekannten Tendenzen Bahn zu brechen ſucht.
Mit Dank darf man hier eine Uebertragung ſeiner äſthe⸗ tiſchen Aufſätze entgegennehmen, denn der Inhalt derſelben wirkt aufklärend über das, was dieſe Richtung erſtrebte und zum Theil als ungelöſtes Problem noch in der Zukunft liegen laſſen mußte.
Das Werk erſcheint in billigen gut ausgeſtatteten Liefe⸗ rungen und enthält kritiſch⸗theoretiſche Studien über das Weſen der Muſik ſelbſt, über Bethoven, über die Kunſt des Geſanges, einzelne Urtheile über Werke von Gluck, Webe und über das Weſen der Inſtrumentirung.
Es würde für ein nicht der Muſik direct gewidmetez Blatt zu weit führen, wollten wir die Linien andeuten, in welchen die Urtheile deutſcher Aeſthetiker von denen des fran⸗ zöſiſchen Tonſetzers von einander abweichen.
Die Schreibweiſe iſt oft viel gründlicher und logiſcher, als es ſich manche Gegner von Berlioz vorſtellen mögen.
O. B.
Michael Kohlhaas. Dresden, Verlag von Kunze.
dieſe Tragödie natürlich verfaßt iſt, hat den Stoff derſelben [mit ſo viel dramatiſchem Feuer vorgetragen, daß die Arbei für jeden Dichter ſehr anregend ſein mußte. An rein menſch licher Wirkung läßt die Handlung an ſich nichts zu wünſchen übrig; nicht ſo war es möglich eine gewiſſe für das Drame nothwendige poetiſche Höhe und Getragenheit zu erzielen, d
Trauerſpiel von Prölß
Heinrich von Kleiſt, nach deſſen meiſterhafter Erzählung
ſich wohl Einzelheiten ändern, aber Hauptwendungen nich weſentlich modificiren ließen.
Sehr lobenswerth finde ich die Wahl des Dichters dieſes Drama nicht in den ſo oft gemißbrauchten Jamben ſondern im natürlichen Proſaſtyl zu behandeln. An viele Stellen iſt die Sprache des Dialogs vortrefflich gelungen denn ſie hat die herzſtarke ungezwungene Art getroffen, in welcher das Volk ſeinen innerſten Gefühlen Worte leiht.
O. B
Die Leuchtkäfer verbreiten ein ſo helles Licht, daß man
Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ouo Sriedrch Dürr in Leipzig.— Verlag der Dür'ſchen Buchhandlung in Leipzig.— Druck von A. E
delmann in Leipzi
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