Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
580
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Gegenwart der beiden Secundanten und eines Wund⸗ arztes ſtattfinden, und Stürmer für die Piſtolen Sorge tragen ſolle.

Arthur erklärte ſich mit dieſen Anordnungen ein verſtanden, und jetzt, nachdem dies abgemacht und die fieberhafte Unruhe, die er bis dahin gehabt hatte, geſchwunden war, fühlte er eine Leere in ſeinem Her⸗ zen, die ihn für den ganzen übrigen Tag zu allem geiſtigen Schaffen unfähig machte. Er war am Mittage zur Gräfin geeilt, die, wie er ſicher glaubte, ihn erwarten und ihm danken würde, daß er ſie aus den Netzen des Verführers befreit habe, doch mußte er zu ſeiner Ueberraſchung von ihrem Kammermädchen hören, daß ſie leidend ſei und ſeinen Beſuch nicht annehmen könne. Den wahren Grund, daß nämlich der ſchöne Huſarenlieutenant bei der gnädigen Frau ſei, verſchwieg die Dienerin. Nach einigem Nachden⸗ ken fand Arthur auch nichts Unwahrſcheinliches in dem Leiden ſeiner Geliebten, und ohne deshalb weiter darüber zu grübeln, war er zum Comptoire gegangen, hatte dort mechaniſch ſeine Arbeiten verrichtet und nach Schluß des Geſchäfts den Weg zu ſeiner Woh⸗ nung eingeſchlagen, weil er ſich nicht in der Stim⸗ mung fühlte, eine Geſellſchaft zu beſuchen.

Seine Gattin blickte erſtaunt auf, als ſie Arthur zu einer ſo ungewohnten Stunde eintreten ſah, doch ſchloß ſie aus ſeiner düſteren Miene bald, daß ihm etwas Unangenehmes begegnet ſein müſſe. Mit der Alles vergeſſenden Liebe, deren nur das Weib fähig iſt, holte ſie eilig den Hausrock und die Pantoffeln aus dem anſtoßenden Schlafzimmer, rückte den Seſſel an den Ofen und bereitete dann, als es ihr Gatte ſich bequem gemacht hatte, emſig das Abendeſſen. Arthur that dieſer Empfang wohl, und unwillkürlich tauchte der Gedanke in ihm auf, daß er vielleicht doch ſein Weib verkennen und ſie ihn dennoch noch immer lieben könne. Was aber hatte er dann verloren! Nein, rief der böſe Dämon in ihm,das kann, das darf nicht ſein, nicht die Liebe bewegt ſie zu die⸗ ſer Sorgfalt, es iſt die Furcht vor Deinem Schelten, es iſt die Hoffnung, Dich dadurch ihren Wünſchen geneigt zu machen!

Mißmuthig ſtützte er das Haupt in ſeine Hand. Einerlei, ich will ſie prüfen, murmelte er.Sind die Kinder ſchon im Bett, Helene? fragte er nach einer Weile.

Die blaſſe Frau ſchreckte aus ihren Träumen, in die ſie verſunken war, auf. Es war ſchon ſo lange her, daß ſie aus dem Munde des geliebten Mannes ihren Namen zum letzten Mal gehöͤrt hatte, und nun, als er ſo unerwartet in ihre Ohren klang, däuchte ihr, als habe ein Dolchſtich ihr müdes Herz

Novellen⸗Zeitung.

getroffen.Vor einer Stunde habe ich ſie zur Ruhe gebracht, antwortete ſie leiſe,der kleine Eduard hatte Fieberanfälle, und Marie iſt erkältet.

Haſt Du den Arzt zu Rathe gezogen? fragte Arthur..

Den Arzt? erwiderte Helene,ich hätte es gern gethan, wenn ich ihn bezahlen könnte, doch hoffe ich, die Erkältung der Kinder iſt keine ſchwere, ich habe ihnen Thee gegeben und ſie warm zugedeckt.

Ich meine doch, Du erhielteſt Haushaltungs⸗ geld genug, um ſolche Kleinigkeiten nebenbei beſtreiten zu können, entgegnete Arthur nach einer Pauſe rauh.

Für die erſte Zeit unſrer Ehe genügte es, Ar⸗ thur, ſagte Helene ſchüchtern, die inzwiſchen neben dem Gatten Platz genommen hatte,mit den Jahren mehrten ſich aber unſere Bedürfniſſe, und ich mußte meine Erſparniſſe zuſetzen, um durchkommen zu können.

Arthur nahm dieſe Antwort als einen Vorwurf darüber, daß er ſo viel für ſich verausgabte, er erhob ſich, durchſchritt einige Mal das Zimmer und ſtellte ſich dann an's Fenſter.

Erkältet iſt jetzt Mancher, hob er an,und ich erachte es für thöricht, ſich unnöthige Sorgen deshalb zu machen, ich habe den ganzen Tag an Kopfweh ge⸗ litten.

Du leideſt, Arthur? fragte Helene beſorgt, warum haſt Du mir das nicht gleich geſagt?

Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und ging in's Schlafzimmer, um den Thee zu holen.

Sollte Oskar doch Recht haben? murmelte Arthur.Helene, fuhr er lauter fort, indem er der wieder eintretenden Gattin entgegen ging, ihre Hand ergriff und forſchend in ihr mattesaber noch immer ſchönes Auge blickte,ſage mir einmal offenherzig, haſt Du mich noch immer lieb?

Helene ſah bei dieſer unerwarteten Frage betrof⸗ fen auf.Lieb? fragte ſie,wie kannſt Du nur ſo fragen? Sollte mir der Vater meiner Kinder denn gleichgültig ſein? O, Du weißt es nicht, fuhr ſie fort, im Uebermaß der Gefühle heftig aufſchluchzend, indem ſie den Arm um den Hals des Gatten ſchlang, was ich gelitten habe, weil ich glaubte, Du ſeiſt mir untreu, Du, das Ideal meines Herzens, auf deſſen Schwüre ich all meine Träume, all meine Hoff⸗ nungen gebaut hatte.

Arthur fühlte bei dieſen Worten einer unſäglichen Liebe, diennoch einmal zu hören er die Hoffnung längſt aufgeg atte, ſein Herz bis in die innerſten Tie⸗ fen erbeben, er drückte einen Kuß auf die bleiche Stirne der weinenden Gattin, dann ließ er ſie ſanft in den Seſſel gleiten, und vor ihr niederknieend, barg er ſein glühendes Antlitz in ihrem Schooße.