Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
572
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deſſen man ſich oft als bittere Kritik gegen ihn be⸗ dient hat, das Wortbourgeois, das von den Kin⸗ dern des modernen Frankreichs oft mit dem Accent der Verachtung und des Spottes ausgeſprochen wird, worüber man ſich mit Recht verwundert. Ja, ohne Zweifel war ſeine intime, herzliche Uebereinſtimmung mit den Grundſätzen, Geſinnungen und Eindrücken dieſer mittlern Claſſe, aus der er ſelbſt ſtammte und welche die ſehr große Majorität und den eigentlichen Kern des heutigen Publicums bildet, eins der wirk⸗ ſamſten Actionsmittel dieſes liebenswürdigen Schrift⸗ ſtellers, doch niemals war ein Actionsmittel berech⸗ tigter, weil Scribe es ganz aus der aufrichtigſten Ader ſeines Talentes und den geſündeſten Inſpira⸗ tionen ſeines Bewußtſeins zieht. Und ſoviel iſt ſicher, Scribe würde den Titelbourgeois am wenigſten verleugnet haben, im Gegentheil hätte er ihn im Namen ſeines Vaters und dem ſeinigen, im Namen ſeines beſcheidnen Urſprungs und ſeines glänzenden Vermögens, das rein ein Werk ſeiner Hände war, im Namen ſeiner Arbeit und Unabhängigkeit, ſeines fle⸗ ckenloſen Lebens und aller jenerbürgerlichen Tu genden, zu denen er ſich laut bekennen konnte, da er ſie praktiſch ausübte, mit Stolz in Anſpruch genommen.

Man erhebt gegen ihn den Vorwurf, er ſei bei ſeinem Lieblingsthema, dem Lobe der Pflicht der Leidenſchaft gegenüber, der Achtung des häuslichen Heerds, der Vertheidigung der moraliſchen Einfachheit und Wahrheit, indem er dieſe geheiligten Gegenſtände ſeiner Rührung und ſeiner Ironie aufrecht hielt, zu weit gegangen und er habe ſein Ziel zuweilen über⸗ ſchritten; doch wer ſich die Mühe giebt, in den Geiſt ſeiner Stücke einzudringen, wird ſich leicht davon überzeugen, daß dieſe Anklage eine ganz ungerechte iſt. Er iſt der Dichter der Bourgeoiſie, der er gefällt wie er ihr gefallen muß, da ſie liebt, daß man ihr gefalle, indem man ſie achtet und ihr nicht ſchmeichelt. Er erfüllt die wahre Aufgabe des Dichters in einer edeln und einfachen Art; er ſucht die zu erheben, die er beluſtigt; wenn er ihre Tugenden kennt und ſie zu er⸗ muthigen verſteht, ſo kennt er auch ihre Mängel und er weiß ſie zu bekämpfen.

Dieſe Wahrheit, welche in allen ſeinen Stücken verbreitet iſt, erſcheint mit ganz beſonderm Glanz in ſeinen reifern Erzeugniſſen, in jenen glänzenden Luſt⸗ ſpielen, mit denen er während zwanzig Jahren die erſte Pariſer Bühne bereichert hat. Scribe war ſtets der treue und überzeugte Dolmetſcher der weſentlichen Grundſätze und der ehrenhaften Geſinnung ſeines Publicums, doch nie der Schmeichler und Mitſchul⸗ dige der Vorurtheile und Leidenſchaften deſſelben. Als die Bourgeoiſie im Jahre 1830 in den Beſitz der Ge⸗

Novellen⸗Zeitung.

walt gelangte, wurde er der immer freundſchaftliche, aber feſte, kluge und zuweilen ſtrenge Rathgeber der⸗ ſelben.

Als Beweis dafür wollen wir einige Zeilen von ihm aus ſeinem Stückla calomnie anführen, die eine ganze Seite Geſchichte enthalten. Die Scene findet zwiſchen einem Miniſter und einem Deputirten ſtatt, welcher intimer Freund des Miniſters iſt, willig Gunſtbezeigungen von ihm empfängt, doch regelmäßig gegen ihn ſtimmt, um unabhängig und populär d bleiben. Der Miniſter:Wir haben Beide, mein Freund, verſchiedene Wege eingeſchlagen, welche viel leicht auf daſſelbe Ziel auslaufen, ich, indem ich auf die Verleumdung losgehe und ſie von vorn angreife, Du bei ihrer Annäherung zitternd und den Kopf beu⸗ gend, um ſie vorübergehen zu laſſen... Nutzloſe Sorget So tief man ſich auch bücken mag und ſei es bis in den Koth, ſo wird man ſie doch dort noch finden, denn dort wohnt ſie! Ich ſage Dir es voraus, mein lieber Lucian, Du wirſt ſie eben ſo wenig entwaffnen als ich. Du magſt mit Deinen Liebkoſungen und Händedrücken noch verſchwenderiſcher ſein, auf alle Journale abonniren, Jedermann den Hof machen...

Der Deputirte unterbricht ihn ſtolz:Ausge⸗ nommen der Macht!

Ei! zum Henker! entgegnet der Miniſter,es bedarf heute nur wenig Muth, um die Macht anzu greifen. Es würde vielleicht Muth zeigen, ſie zu ver theidigen... und Du wagſt es nicht.

Scribe wagte es, und dieſer Muth wurde dur eine der ſchönſten Inſpirationen ſeines Talentes b lohnt. Man kann daher nicht daran zweifeln, daß bei Scribe ſich Großmuth, Erhabenheit, Unabhängigkeit

mit jener Mäßigung der Ideen und Geſinnungen

verbanden, welche der Kern ſeines Charakters war und ſeine vollkommen ſympathiſche Uebereinſtimmung

mit der ſehr großen Majorität ſeiner Zuhörer bildete.

Es würde zu weit führen, ihm in ſeiner glän⸗ zenden Laufbahn weiter zu folgen. Es genügt zu

ſagen, daß in derſelben ſeine literariſchen Verdienſte die ihn vom An⸗

und die moraliſchen Eigenſchaften, fang an auszeichneten, fortwährend hervorleuchteten. Erwähnt muß nur noch werden, daß Scribe während der letzten dreißig Jahre den Text zu den ausgezeich⸗

netſten Opern lieferte, die ſich dauernd im Repertoir

der vorzüglichſten Bühnen erhalten haben, wie die Schweizerhütte, die weiße Dame, Robert der Teufel, die Jüdin, die Stumme, die Hugenotten und andere Meiſterwerke, denn jeder Componiſt ſtrebte darnach einen Operntext von ihm zu erhalten, weil er verſtand,

demſelben die Action und das dramatiſche Leben zu geben, ohne welche die ſchönſten Melodien für cu

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