Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
568
Einzelbild herunterladen

würdig gehalten haben, ſo aber ſah er in ihr das ſchuldloſe, verführte Weib, in ihm den Verführer, den Zerſtörer ſeines Glücks. Die Gräfin war gleich beim Erſcheinen des Dichters aufgeſprungen und eilig durch die Tapetenthüre davon gegangen. Als ſie im Nebenzimmer Oskar bemerkte, ſtutzte ſie, dann ſich hoch aufrichtend und einen geringſchätzenden Blick auf den jungen Mann werfend, ſagte ſie in ſchneidendem Tone:Ich wußte nicht, daß Herr Reichendorff im Hauſe ſeines Vaters den niedrigen Dienſt eines Spi⸗ ons verſieht.

Oskar ſchaute der Davoneilenden betroffen nach, doch ſo ſehr ihn auch der allerdings gerechte Vorwurf ärgerte, bereute er ſeine That nicht, er gönnte der eitlen frivolen Frau die Niederlage, welche ſie durch ihn erlitten hatte. Erſt als ihm Arthur mittheilte, was zwiſchen ihm und dem Lieutenant vorgefallen war, erbebte er vor den Folgen ſeines Freundſchafts⸗ dienſtes, doch willigte er nach einigem Zögern in die Bitte ſeines Freundes, die Rolle des Secundanten zu übernehmen. All ſein Bitten und Flehen, den Schritt ungeſchehen zu machen und die Treuloſe zu vergeſſen, fand bei dem Dichter kein Gehör.Sie iſt ein ſchwaches Weib, war ſeine Antwort, von der er nicht abwich,und er iſt der Verführer. Entweder er oder ich muß fallen, denn für uns Beide hat das Herz Hedwig's nicht Raum.

Mit dieſen Worten hing er ſeinen Mantel um und verabſchiedete ſich kalt von dem noch immer bit⸗ tenden Freunde.

Hätte er gewußt, als er, gefoltert von den Dä⸗ monen der Eiferſucht, in dumpfem Brüten durch die kalte Nacht ſeiner Wohnung zufuhr, daß in dieſem

mit Thränen in den Augen bat, ſein ihr ſo koſtbares Leben nicht in Gefahr zu ſetzen, ſein Zorn würde der Verachtung gewichen ſein, und das arme, ſeiner noch wartende Weib hätte vielleicht einen Gatten, die Kin⸗ der einen Vater wiedergefunden!(Fortſetzung folgt.)

Engene Scribe.

In der franzöſiſchen Akademie iſt es hergebrachte Sitte, daß jedes neue Mitglied, dem die Ehre zu Theil wird, unter die Zahl derUnſterblichen auf⸗ genommen zu werden, am Tage ſeiner Aufnahme ſich

deſſen Seſſel es eingenommen hat, ausführlich auszu⸗ ſprechen, was es um ſo gründlicher zu thun vermag, S 1 g 8 8

1 4

Augenblick ſeine Geliebte vor Guido knieete und ihn.

womit er unaufhörlich das Inſtitut umgab, worin et 1 ab

über die literariſchen Leiſtungen ſeines Vorgängers,

568 Novellen⸗Zeitung.

da der Nachfolger in der Regel zu derſelben Clafſe a geſch der Literaten wie der Verſtorbene gehört. Je nach neimühi der literariſchen Wirkſamkeit des Verblichenen haben ranb dieſe Reden auch für das Ausland ein mehr oderſn un S weniger großes Intereſſe. Am 26. März c. nahm wrihn der an Scribe's Stelle gewählte Octave Feuillet ſei⸗ alt des nen Sitz in der Académie française ein, und wunrühn als dürfen wohl mit Gewißheit annehmen, daß den Mei⸗ n Ehre ſten unter unſeren Leſern das, was der neue Akadesſah jetzt miker bei dieſer Gelegenheit in ſeiner Rede über ſeiſtn Tiibun nen Vorgänger, deſſen Name allen Theaterfreundenſelben 3 bekannt und von ihnen geehrt iſt, geſagt hat, will⸗ſenn Sach kommen ſein wird, weshalb wir es ſeinem Hauptinhalt gſehen ſo nach hier mittheilen wollen. Sein

Den Eingang ſeiner Rede, welcher die üblichenſimn Sor Complimente für die Akademie und den Dank desüc in Neuerwählten für die ihm ohne Verdienſt zu Theil uden zu gewordene Ehre ausſpricht, und dann der Akademit ſaung Lob für ihren Entſchluß zollt, auch Romantiker inſt Fleiß ihre Mitte aufzunehmen, überſchlagen wir, um gleich in ei mit dem zu beginnen, was Octave Feuillet überſſagnen, i Scribe ſagt: in vortr

Eugène Scribe wurde im Jahre 1791 in Parisin der in einer ehrenwerthen Kaufmannsfamilie unter jenen uar m. Säulen der Hallen geboren, die ſchon von einem be⸗ nn, beſta rühmten Schatten beſucht worden ſind. Dort wählte n enth ihn die Muſe, ohne Zweifel nicht jene Muſe, welche nt Ihn hundert Jahre früher Molidère dort geſucht hatte und amn es deren lautes Lachen an das eherne Gelächter des an⸗ gnet tiken Luſtſpiels erinnerte, ſondern eine jüngere, flüch irden tigere und ſanftere Schweſter, die man die Muſe des in m Lächelns nennen könnte. Sie ſchien ihn ſchon in dasNem berühmte Collegium zu begleiten, wo er ſeine erſten r g Studien machte, und wo ſie ihm viele Erfolge und Sa Tag viele Freunde ſchenkte. Es iſt bekannt, wie ſehr die unn So Erinnerung Scribe's den Einen wie den Andern in age dem ganzen Laufe ſeines Lebens und ſeiner Arbeiten t ie A treu blieb; dieſe warmen Freundſchaften des Collegiums, tlbweſ welche eine der bevorzugten Fictionen und die Reize die ſeines Charakters ſind, dieſe liebevolle Sorglichkeit, del

lange eiſen ſeine geiſtige Familie gefunden hatte, machen d u er Delicateſſe ſeines Herzens und der ſeines eef deate niſſes gleiche Ehre. Pe dn Im Alter von achtzehn Jahren trat er bereitst n s verwaiſt, faſt arm und über ſeinen Lebensberuf noch he ng ungewiß, aus dem Collegium Sainte Barbe. Zu jener inenn Zeit hatten, wie es ſcheint, Ungewißheiten dieſer Art ai in dem Geiſte derjenigen, welche für ihre eigene Rech⸗ 4 Ard nung oder für Rechnung Anderer davon geplagt war ſn wn ren, eine unvermeidliche Löſung: die Robe des Advo⸗ d caten. Der würdige Vormund Scribe's, ein damals 6t d

*