Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
564
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Novellen⸗Zeitung.

Du biſt weiſe, und ich beuge mich der Weisheit Deines Spruches, doch ſprich, kannſt Du mir den Mann nennen, deſſen Schmuck ich bin?

Der Türke ſah eine Weile ſinnend in die blitzen⸗ den Augen des Weibes.Du biſt ſchön, erwiderte er endlich,ſchoͤner als der Frühlingsmorgen, aus deſſen Händen duftende Blumen und köſtliche Perlen niederfallen, aber wie er giebſt Du Deine Himmels⸗ gaben Allen, nicht dem Einzelnen, die milden Strahlen Deiner dunklen Sterne leuchten Allen!

Betroffen wandte ſich die Maske um.Ich ſehe, daß Deine Weisheit bald ihre Grenze findet, flüſterte ſie. Dann ſchritt ſie fort und war den Blicken des Bankiers bald entſchwunden.

Hinter dem Divan Reichendorff's ſtanden in einer Fenſterniſche zwei junge Männer plaudernd bei⸗ ſammen. Der eine, in dem Coſtum eines Seepiraten, hatte ganz die edlen ſchöngeformten Geſichtszüge und feurigen Augen ſeines Vaters, des Commerzienraths, dichtes dunkles Haar quoll in reichen Locken unter der ſeidnen Berbermütze hervor, und während ſeine feine, weiße Rechte nachläſſig auf dem mit koſtbaren Edel⸗ ſteinen beſetzten Griffe des Dolches ruhte, drehte die Linke das gekräuſelte Bärtchen, welches die Oberlippe beſchattete, zierlich in die Höhe. So, in dieſer Stel⸗ lung, horchte er der Stimme des Anderen, der in der maleriſchen Tracht eines Bergſchotten an ſeiner Seite ſtand und, wie es ſchien, ſeine Randgloſſen über die verſchiedenen Masken machte, die ſich im Saale her⸗ umtummelten. Auch ſein Antlitz trug das Gepräge eines geiſtreichen, feingebildeten Mannes, und die Bläſſe, die über demſelben lag, ſowie die tiefblauen, ſeelenvollen Augen gaben ihm jenen Reiz, von dem namentlich die Damen ſich ſo ſehr angezogen fühlen. Als der ſchwarze Domino mit dem Türken ſprach, hatte der Schotte den Arm des Piraten ergriffen. Dort iſt ſie, Oskar, flüſterte er,ſiehſt Du nicht, wie ihre Blicke mich ſuchen?

Menſch, faſelſt Du? fragte Oskar,wie ſollte

die Altheim dazu kommen, Intereſſe an Dir, einem Familienvater, zu nehmen?

Der Schotte ſchwieg, mit weit vorgebeugtem Kopfe lauſchte er regungslos den Worten des Bankiers, und erſt als dieſer ſchwieg, und der Domino ſich entfernt hatte, kam wieder Leben in ihn.

Sollte es doch wahr ſein? murmelte er,dieſes Gerücht, das nun bald von Mund zu Mund geht? Sollte ſie trotz ihrer Schwüre dennoch untreu ſein?

Oskar erfaßte den Arm ſeines Freundes.Ar⸗ thur, flüſterte er,was erregt Dich ſo plöͤtzlich?

Haſtig warf dieſer den Plaid über ſeine Schulter; komm, erwiderte er,ich muß Gewißheit haben!

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Mit dieſen Worten war er eilig fortgeſchritten, uleſätte und es koſtete ſeinem Freunde Mühe, ihm, ohne Auf auan Bu ſehen zu erregen, in dem Gedränge zu folgen. End⸗ Stuigen lich langten ſie in einem Nebencabinet an, der Schotte ſann trengſ verriegelte die Thüre und warf ſich dann erſchöpft in n zu en einen Seſſel.Kennſt Du die Gräfin Altheim 2* eeinne fragte er, indem er ſeine naſſe Stirne abtrocknete. erannte

Die Gräfin Altheim? ſagte Oskar erſtaunt, ſehen. wie kommſt Du zu dieſer Frage? Die kennt doch lin liten Jeder, der ſich in unſeren Kreiſen bewegt. ih auf 3

Wenn ich frage: kennſt Du ſie? ſo verſtehe ehalten d ich darunter nicht ein oberflächliches Kennen, ſondern i d geſc ich will wiſſen, ob Du mir über ihren Lebenswandel ten; he Aufſchluß geben kannſt. 3 dan

Aber mein Gott, was kann das Dich intereſ⸗ eauſcht ſiren? erwiderte Oskar.Ich kann Dir nichts wei Range ter ſagen, als was Jedermann weiß, nämlich daß ſie ſwuſe 3 ſeitdem der Graf todt iſt, mit dem Huſarenlieute die L nant von Stürmer eine Liaiſon hat. e. K

Alſo auch Du weißt das ſchon? fragte Authm die Augen feſt auf den Freund gerichtet.Komm, 1 fuhr er nach einer Weile fort,ſetze Dich hierher, ich ſte 3 will Dich einmal einen tieferen Blick in mein Herz werfen laſſen, als ich Dir dies bisher erlaubt haben dann wirſt Du meine Frage erklärlich finden. Ich nich will Dir eine Geſchichte erzählen, die Du, weil Du die geheimen Seiten des Menſchenherzens noch kennſt, vielleicht unbegreiflich findeſt. Du weiß ich nach dem Tode meines Vaters mich genothig ſab, auf das Studium zu verzichten und die Univerſität, die ich ſeit kaum einem Jahre beſuchte, zu verlaſſen n erinnerteſt Du Dich des alten Jugendfreundes und flih verſchaffteſt mir in dem Geſchäfte Deines Vaters eine un Stelle. Kurz darauf heirathete ich das Mädchen i ien meiner Liebe, und wie die Welt, ja wie ſogar ich K ſelbſt glaubte, war mein Glück vollkommen. Sieh an- 1' mich nicht ſo erſtaunt an, ich ſage, ich glaubte dies, Sun die Folge hat mich leider eines Anderen belehrt; mein Baſſe Glück war ein Traum, gebaut auf ein ſchwaches Wei⸗ lnit besherz er iſt verflogen! ha KEin Traum? fragte Oskar erſtaunt. e

Das überraſcht Dich, nicht wahr? fuhr Arthur dg, als fort,ich wußte es wohl und finde Dein Erſtaunen en Wate nicht ungerechtfertigt. Ja, freilich in den erſten w Jahren meiner Ehe glaubte auch ich unſäglich glücklich Fw zu ſein, die ſorgſame Liebe meiner Gattin, ihre d kindlich naiven Fragen, der ſtille, ſüße Zauber, der tullen⸗ ihr Schaffen und Wirken begleitete, das Alles ent⸗ ſertzen zückte mich und ließ mich im Beſitze eines unermeß⸗ ſit un lichen Glückes wähnen, ſpäter aber kam es anders! dich Mir däucht, es ruht ein Fluch auf dem Dichter, er di daß er unſtät umherirren und kein Daſein, keine 8 nu