Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
547
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Vierte

Folge. 547

Novellen-Zeitung.

In der Manſarde.

Skizze von

Moritz Horn.

In großen Städten findet man ſogenannte Durch⸗ gangshöfe, d. h. weite, aber immer finſtere Räume zwiſchen zwei hohen Häuſern auf zwei einander gegen⸗ uͤber liegende Straßen, die man ohne jene Durchgänge nur auf Umwegen erreichen würde. Von den Beſitzern

der Häuſer haben ſie beſondere Namen erhalten. Eben

der Umſtand, daß man ſchnell von der einen Straße auf die andere gelangen kann, belebt dieſe Höfe jeden Augenblick. Ein eigenes Treiben findet dort ſtatt, insbeſondere ſind es Trödler, die daſelbſt ihre Boutiquen aufgeſchlagen haben, in denen ein wirres Durcheinan⸗ der alter, getragener Sachen feil geboten wird; nicht

minder haben Bücher⸗Antiquare ihre Tiſche dort

aufgeſtellt, und Beide finden ihre Rechnung an dieſem Platze.

Das Parterre der dieſes Gehöfte bildenden Häu⸗ ſer beſteht gewöhnlich aus Verkaufsläden und Waaren⸗ niederlagen, das erſte, wohl auch das zweite Stockwerk

wird von vornehmeren Familien, das dritte von we⸗

niger Bemittelten bewohnt, das letzte hoch oben in der Manſarde iſt das Quartier armer Künſtler, altern⸗

der Literaten, einſamer Magiſter und finſterer Stuben⸗

gelehrten.

Wir befinden uns in einem ſolchen Hofe, das ſoeben Geſagte beſtätigt ſich. Die Erdgeſchoſſe beider Häuſer ſind große Verkaufsgewölbe, Tabaksgeſchäfte werden da drinnen betrieben, der Mann, der im Hofe Blätter ſortirt, giebt uns den Beweis. Die mit

ſchweren ſeidenen Vorhängen gezierten Fenſter der

erſten Etage künden an, daß der Luxus des Reich⸗ thums dort herrſcht; die weißen Spitzengardinen der zweiten laſſen auf Wohlhabenheit der Bewohner ſchlie⸗ ßen; hoch oben ſpringt aus der Manſarde ein Erker vor, beſcheidene kurze Kattunſtücke am Fenſter ver⸗

V rathen das Gegentheil von dem Reichthum, der Wohl⸗ habenheit der beiden erſten Etagen. V Vor dem Fenſter iſt ein grünes Blumenbret an⸗ gebracht, darauf ſtehen Blumen in irdenen Töpfen, die Roſe iſt auch hier oben die Königin unter ihren Schweſtern. Hinter den Blumenſtoͤcken ſchaut ein allerliebſter Mädchenkopf. Wem mag er gehören? Die Frage ſoll uns die nachſtehende kleine Er⸗ zählung beantworten, aber erſt ſpäter, jetzt verlaſſen wir die Reſidenz, um weit von ihr in einem Dorfe uns wieder zu treffen. Das iſt ein armes Weberdörfchen mit den be⸗ ſcheidenen kleinen ſtrohgedeckten Hütten, kein ſteinernes Haus im ganzen Orte; nicht einmal die Kirche will beſſer ſein, als die Häuſergruppe, über welche ſie her⸗ vorragt, auch die Kirche beſteht aus verblendetem V achwerk, und ihr Thürmchen iſt ein hölzernes, nichts deſto weniger trägt ſie mit einem großen Stolz den goldenen, in der Sonne weit hin ſtrahlenden Knopf, um deſſen Spindel ein kleines Fähnlein gar luſtig und rührig ſich dreht. b Von allen den Häuſern des Dorfes ſind es nur zwei, die unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen, die Wohnung des Cantors und Schulmeiſters und die Behauſung des Gärtners Matthias. 8 Beſuchen wir den Erſteren, als den Vornehmeren, auch zuerſt. Im Parterre finden wir ihn nicht, dort iſt nur die Schulſtube. Der Unterricht iſt eben be⸗ endigt, die Thüre ſteht offen, wie die Fenſter, es iſt ein heißer, faſt ſchwüler Sommertag, der Windzug ſoll die Räumlichkeit lüften. Die an der Wand hän⸗ genden Karten, vom Wehen des Windes bewegt, heben ſich und ſchlagen leiſe an die Wand zurück; auf der ſchwarzen Tafel auf dem Holzgeſtell ſehen wir eine halbverwiſchte Vorſchrift; hinter dem Ofen aus brau⸗ nen Kacheln hängt ein ſtaubiger Rock des Cantors, den er wahrſcheinlich während des Unterrichtes trägt, wenigſtens deuten die vielfachen Kreideſpuren an dem Aermel darauf hin; die über dem Lehrpulte aufgehan⸗ gene Violine zeigt an, daß der Meiſter der Schule