cus. 1863.
Vierte
Folge. 531
Novellen⸗Zeitung.
Der Perlenſchmuck.
Novelle von
Ewald Auguſt König. (Schluß.)
Wilhelmine ſah eine Weile ſinnend vor ſich hin. Sie ahnte, daß nur Cora die Bethörte ſein konnte,
. ſie ſah klar in das Gewebe des Betrugs, mit welchem
der Baron das vertrauende Mädchen eng unſtrickt
hatte, und wußte, daß ernſte Worte der Warnung zu keinem Reſultate führen würden. Eben ſo wenig durfte der Bruder aufmerkſam gemacht werden; erfuhr er den
ſchändlichen Plan ſeines Freundes, ſo zwang er entweder F 5 g
den Verführer zum Duell, oder er ließ Cora in ihr Verderben ziehen. Das ſchwache Mädchen brach faſt unter der Laſt der ſo plötzlich hereinſtürmenden Ge⸗ fahr zuſammen, ſie wußte nicht, ſollte ſie ſelbſtſtändig handeln und die Flucht vereiteln, oder den Rittmeiſter um Rath und Beiſtand bitten. Endlich entſchloß ſie ſich zu dem letzteren.—„Wohlan,“ ſagte ſie,„iſt Ihre Liebe zu mir ſo wahr und aufrichtig, wie Sie angeben, ſo werden Sie mir nicht zürnen, wenn ich die Bitte an Sie richte, mir einen Beweis davon ab⸗ zulegen.“—
Der Ofſicier blickte freudig überraſcht dem erglü⸗ henden, aufgeregten Mädchen fragend in's Auge.
„Verhindern Sie jene Entführung,“ fuhr Wil⸗ helmine fort,„aber ohne daß die Dame compromittirt
wird. Ich kenne jene Dame und bin überzeugt, daß
der Baron ſie bethört und ihre Gunſt erſchwindelt hat; lernt ſie den Charakter dieſes Mannes kennen, ſo wird ſie ihr Vertrauen bitter bereuen.“
„Dieſe Anſicht theile ich vollkommen,“ verſetzte
der Rittmeiſter,„der Baron iſt in der Kunſt, Herzen zu täuſchen und zu bethören, bewandert, und ich be⸗
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zweifele keineswegs, daß er durch die Entführung nur
bezweckt, die arglos Vertrauende um ihr Vermögen
zu betrügen.— Ich bin gern bereit, Ihren Wunſch
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zu erfüllen,“ fuhr er fort,„aber Vertrauen fordert Vertrauen—“
„Gewiß!“ fiel Wilhelmine ihm raſch in's Wort. „Ich finde es ſogar nöthig, daß ich Ihnen Alles mit⸗ theile, was mir in Bezug auf jene Liaiſon bekannt iſt.“— Sie erzählte ihm jetzt alles das, was ſich nach dem Einmarſche des Huſarenregiments zwiſchen Cora und dem Baron zugetragen hatte, und unterließ nicht, gleichzeitig ihre Beobachtungen und Vermuthun⸗ gen zu erwähnen, welche zu dem Schluſſe führen muß⸗ ten, daß nur Cora die Dame ſein konnte, welche der Baron zu entführen gedachte.
Der Rittmeiſter pflichtete ihrem Bedenken bei, auch er hielt es für rathſam, weder Cora noch den Doctor auf die bevorſtehende Gefahr aufmerkſam zu machen. Er verſprach, augenblicklich die genaueſten Erkundigungen über Alles, was auf die Entführung Bezug haben konnte, einziehen und dann gemeinſchaft⸗ lich mit Wilhelmine handeln zu wollen. Mit dieſem Verſprechen verließ er das Mädchen, welches Cora ſcharf zu beobachten beſchloß. Als ſie in’s Wohn⸗ zimmer trat, fand ſie dort die Mutter und den Bru⸗ der, Cora war noch mit ihrer Tollette beſchäftigt.
Die Medicinalräthin ſah nicht ſobald ihre Toch⸗ ter eintreten, als ſie auch die Frage an dieſelbe rich⸗ tete, welchen Zweck der Beſuch des Huſarenofficiers gehabt habe, und Andreas konnte einen Ausruf freu⸗ diger Ueberraſchung nicht zurückdrängen, als Wilhel⸗ mine ihm den Perlenſchmuck überreichte und daueben ihre Unterredung mit dem Rittmeiſter berichtete.
„Du mußt wiſſen, wozu Du Dich entſchließen willſt, mein Kind,“ ſagte die Medicinalräthin, ohne eine beſondere Ueberraſchung zu verrathen,„ich will den Baron von Siewers um ſeine Meinung befragen, er wird den Rittmeiſter wohl kennen und ſeinen Rath uns nicht vorenthalten.“
„Frage jeden Anderen, nur nicht den,“ erwiderte Wilhelmine mit ſo geringſchätzender Kälte, daß An⸗ dreas betroffen aufſchaute,„ſeiner Ausſage ſchenke ich nicht das mindeſte Vertrauen.“
„Er iſt unſer Hausfreund,“ ſiel
der Doctor ſei⸗
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