Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
516
Einzelbild herunterladen

( 516

fahrungen mich mit ernſtlicher Beſorgniß für Dich erfüllen müſſen.

Cora warf das Köpfchen zurück und richtete an den zu ihrer Linken ſitzenden Baron im Tone gleich gültiger Gelaſſenheit die Frage, ob er bereits für die beginnende Theaterſaiſon einen Sitz in der Loge ge⸗ miethet habe. Der Doctor biß ſich auf die Lippe, er wußte, was in dem Herzen ſeiner Braut vorging, hoffte aber, daß der geſunde Verſtand Cora's über den ungerechten Trotz ſiegen werde. 4

Deine Sorge geht zu weit, nahm Wilhelmine das Wort.Cora iſt ſo vernünftig, daß ſie ein Ver⸗ gnügen nicht auf Koſten ihrer Geſundheit genießen

wird, deshalb darfſt Du Dich beruhigen.

So gern ich auch Deiner Bitte nachgeben möchte, mir ſind die Hände gebunden, wandte die Medicinal⸗ räthin ſich zu dem Sohne,die beiden Mädchen haben

zum Cotillon ihre Zuſage gegeben, und es würde gegen

alle Regeln der Höflichkeit und des Anſtandes ver⸗ ſtoßen, wenn wir jetzt fortgingen.

Andreas wandte ſich um.Ich will Euch zu dieſem Verſtoß nicht überreden, entgegnete er bitter, erlaubt mir wenigſtens, daß ich den Saal ſo lange verlaſſe, bis der Augenblick zum Aufbruch gekom⸗ men iſt.

Und mir ſagſt Du kein freundliches Wort? zürnte Cora zu dem Verlobten aufſchauend.

Ein freundliches Wort? Gewiß, nur verlange nicht, daß ich lachen und ſcherzen ſoll, der Augenblick iſt nicht dazu geeignet. Kannſt Du mir zürnen, wenn meine Liebe zu Dir mich für Deine Geſundheit, Dein Leben beſorgt macht?

Weit entfernt, der Stimme der Vernunft Gehör ſchenken zu wollen, ſah Cora in der ernſten Mahnung und unliebenswürdigen Stimmung ihres Bräutigams nur Mißgunſt und Eiferſucht. Mißgunſt, weil ſie einem Vergnügen ſich hingab, an welchem er nicht Theil nehmen konnte; Eiferſucht, weil der Baron und deſſen Cameraden ihr Aufmerkſamkeiten erwieſen, welche nicht den Beifall des ernſten Doctors fanden. Wie ganz anders war ihr das Leben aufgegangen, ſeit ſie den Baron kennen gelernt hatte! Das nüchterne Alltagsleben mit ſeinem ewigen Einerlei, wie ſchal war es im Vergleich zu den Freuden, die der Um⸗ gang mit dem ſtets heiteren Baron bot! Seine geiſt⸗ reiche, anregende Unterhaltung, ſein aufmerkſames Entgegenkommen, der heitre nie verletzende Witz, durch welchen er auch dem Kleinſten Bedeutung zu geben wußte, vor allem aber ſeine Vergangenheit verliehen ihm in Cora's Augen einen Reiz, der ſie mehr und mehr umſtrickte, ohne daß ihr Bräutigam, noch deſſen Familie die drohende Gefahr ahnten.

Novellen⸗Zeitung.

Auch auf

Wilhelmine machte das einſchmeichelnde Weſen des Barons anfangs Eindruck, doch währte dieſer nicht lange, denn das ernſte, verſtändige Mädchen durch⸗ ſchaute bald den glänzenden Firniß, hinter welchem ſich eine alles Gute und Edle verſpottende Frivolität barg. Und je mehr ſie dieſe Frivolität aus oft flüch⸗ tig hingeworfenen Worten herausfühlte, eine deſto größere Abneigung empfand ſie vor dem eitlen Gecken, deſſen Beſtreben, Jedem zu gefallen, ihr in der Seele zuwider war. Auch heute Abend nahm ſie wenig Theil an der Unterhaltung, welche er mit Cora führte, während die Letztere, durch die ſüßen, glatten Worte bethört, ſich ſogak hinreißen ließ, den Bräutigam vor dem fremden Manne anzuklagen. Der Officier trium⸗ phirte im Stillen, ohne aber dieſen Triumph äußerlich zu zeigen, er nahm vielmehr den Angeklagten in Schutz und entſchuldigte deſſen Unaufmerkſamkeit mit dem Ernſte ſeiner Stellung. Aber die Gereiztheit Cora's nahm durch dieſe Vertheidigung eher zu denn ab, ſie wollte nichts davon wiſſen, daß ſie den Pa⸗ tienten nachſtehen ſollte, und beharrte eigenſinnig bei ihrer ungerechten Beſchwerde, welche ſie indeß der Tante und ihrer Nichte verſchwieg.

Als Andreas den Saal verließ, um in dem an⸗ ſtoßenden Spielzimmer das Ende des Balls zu er⸗ warten, begann eben der Cotillon, und Cora trat am Arme des Barons in die Reihen der tanzenden Paare. Der Baron wußte aus Erfahrung, daß eine Erobe⸗

rung im Sturme der langſamen, berechnenden Bela⸗

gerung vorzuziehen iſt, und er beſchloß den.Augenblick⸗ zu benutzen, der vielleicht ſobald nicht wiederkehrte.

Sie haben vor wenigen Tagen meiner Behaup⸗ tung, daß die Jugendliebe ſelten eine glückliche ſei, widerſprochen, nahm er zum nicht geringen Erſtaunen ſeiner Tänzerin plötzlich das Wort.Ich glaube, heute werden Sie mir bereits Recht geben müſſen,

wenn Sie offenherzig ſein wollen; geſtehen Sie nur

ſelbſt, daß Ihre Wahl eine verfehlte iſt.

Mein Herr, wie kommen Sie zu dieſer Behaup⸗ tung? entgegnete Cora, welche ſich durch dieſe Worte tief verletzt fühlte. Braut Ihres Freundes reden.

Eben dies beſtimmt mich, offen zu n. fiel der Officier ihr in's Wort.Ich erfülle eine Pflicht der Freundſchaft, wenn ich Andreas und Sie auf die Klippen aufmerkſam mache, an denen Ihre gegen⸗ ſeitige Liebe einmal Schiffbruch leiden muß. Beant⸗ worten Sie ſelbſt ſich die Frage, ob der Charakter Ihres Verlobten dem Ideal entſpricht, welches Sie in demſelben gefunden zu haben glauben. Er iſt ernſt, düſter und ſchweigſam, Sie dagegen ſind heiter,

Bedenken Sie, daß Sie zu der

lebensluſtig und mittheilſam; Sie lieben ein unſchul