Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
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man ließ den Menſchen heulen zur Warnung für die Uebri⸗ gen. Das eiſerne Pferd exiſtirt noch in Brokna als Anden⸗ ken an den ſtrengen Gebieter; anatomiſche Correctheit hat der Künſtler bei Verfertigung deſſelben nicht im Auge ge⸗ habt, aber ein ſolider Gaul iſt es, bei deſſen Anblick man Gott dankt, daß die Zeiten anders geworden in Rußland.

In einem ſolchen Treiben ſchwanden die Jahre in Brok⸗ na, und das Alter ſchien keine Macht zu haben über Alexei. Und ſonderbarer Weiſe erhielt ſich auch ſeine Umgebung in Kraft und Geſundheit trotz der angreifenden Lebensart. Daß die Leute im Dorf bei dem Anblick des nicht zu erſchütternden Knochenbaues ihres alten Herrn von einem Bündniß mit dem Böſen munkelten, iſt bei ſolchen Umſtänden nicht auffallend; aber auch ſeine nächſte Umgebung war nicht frei von dieſem Glauben. Wie wäre ſonſt zu erklären geweſen, warum Alexei Petrowitſch jährlich vom 1. bis zum 31. Mai nicht nur ſelbſt an jedem Morgen auf nüchternen Magen eine Eidechſe ver⸗ ſchluckte, ſondern auch das ganze Hausweſen zwang, daſſelbe zu thun? Einer kleinen grünen Eidechſe, deren zoologiſche Bezeichnung ich nicht näher anzugeben weiß, wurden die Beine, der Kopf und der Schwanz abgehauen, und ohne alle ſonſtige Zubereitung verſchluckten die Bewohner von Brokna den Körper auf einem Stückchen Brod. Es wäre nicht unintereſſant, die möglichen Erfolge einer ſolchen Frühlings⸗ eur ärztlich beleuchtet zu ſehen; ſeiner eigenen Inſpiration folgte Alexei bei dem ekelhaften Frühſtück gewiß nicht, und das Factum führt vielleicht zu der Entdeckung, daß der Genuß der Eidechſe dem Menſchen noch im hohen Alter die Möglich⸗ keit erhält Schach zu ſpielen.

Adele widerſtand eine lange Reihe von Jahren dem ent⸗ täuſchenden Einfluß des täglichen Umgangs mit Alexei. Erſt als ihre Reize völlig verblüht waren und ſie ſich unwider⸗ bringlich verdrängt ſah, zog ſie ſich in ein kleines, einſam im Park gelegenes Häuschen zurück, wo ſie mit ihren beiden Töchtern und ihrem Vater lebte, der bald nach ihrer Ankunft in Brokna Gärtner auf dem Gute geworden war.

1832 wurde Alexei fünf und achtzig Jahre alt.

Eine Bäuerin aus dem Dorfe Brokna, Marina, ein Weib von wunderbarer Schönheit, war in der letzten Zeit die Hauptperſon im Hauſe geworden.

Als ſie am 11. Februar erwachte, fand ſie Alexei in glühender Fieberhitze. Alexei, ſagte Marina zögernd,Deine Krankeit iſt Denke an den lieben Gott.

Geh zum Teufel! war die Antwort.

Denke an den lieben Gott und unſern Heiland, fuhr ſie fort.Ich werde den Geiſtlichen mit den Sacramenten holen laſſen..

Der Kranke richtete ſich hoch auf und ſtierte ſie an. Die in ihm kochende Wuth ließ ihn nicht zu Worte kommen.

Wirſt Du wieder geſund, ſo hat Deine Seele ihren Vortheil davon; ſtirbſt Du aber, ſo rettet Dich das Abend⸗ mahl vom ewigen Tode! ſprach Marina leiſe weiter.

Alexei ſprang aus dem Bett, noch immer keines Lautes fähig. Wie im Wahnſinn griff er nach einem eiſenbeſchla⸗ genen Knüttel, der in einer Ecke ſtand, und holte mächtig aus, um ſeine Pflegerin zu Boden zu ſchmettern. Doch in dem⸗ ſelben Augenblick machte ein Schlagfluß ſeinem Leben ein Ende.

Es bedarf wohl keiner weiteren Betrachtungen über den Mann, aus deſſen Leben ich einzelne Scenen flüchtig zu zeich⸗ nen verſucht. Aehnlicher Beiſpiele hat es viele gegeben, vielleicht mit anderen Gewohnheiten, einer anderen Lebens⸗

böſe.

Novellen⸗Zeitung.

weiſe, aber mit denſelben Anſchauungen in Betreff des Eigen⸗ thumsrechtes des Menſchen auf den Menſchen. Und Alexei war noch nicht einer von den Schlimmſten.

Collot's Tod in Cayenne.

Collot und Billaud⸗Varennes, dieſe beiden berüchtigten Mitglieder des furchtbaren Wohlfahrtsausſchuſſes, wurden bekanntlich im Jahre 1795 ebenfalls nach Cayenne deportirt. Sie hatten es auf dem Schiffe nicht beſſer gehabt, glaubten aber ihrer baldigen Zurückberufung völlig gewiß zu ſein. Bei ihrer Ankunft in Cayenne war Jeannet eben abgegangen und ein gewiſſer Cointet Interims⸗Agent. Dieſem ſchien es der Klugheit gemäß, die beiden Herren von einander zu tren⸗ nen, daher Collot in das Schulhaus, Billaud in die Citadelle geſetzt ward. Als ſie aber bald nachher beide das Fieber bekamen, wurden ſie beide in das Hospital geſchafft und ohne Weiteres in einen Saal gelegt. Die barmherzigen Schweſtern ſchauderten bei ihrem Anblicke zurück, aber die Neugierigen drängten ſich in großen Schaaren herbei.

Als Billaud in der Beſſerung war, traf es ſich einmal, daß er mit mehrern Pflanzern, die einen Kranken beſuchten, in ein intereſſantes Geſpräch gerieth. Billaud ſchien nämlich an dem Kranken ſehr viel Antheil zu nehmen, daher der eine Pflanzer folgende Frage an ihn that:Aber Bürger Billaud! Sie intereſſiren ſich ſo ſehr für einen alten, Ihnen völlig un⸗ bekannten Mann, und dennoch ließen Sie einſt ſo viele Tauſende hinrichten, unter denen ſich gewiß auch mancher Freund von Ihnen befand?

Nach dem angenommenen Syſteme, erwiderte Bil⸗ laud,konnte es nicht anders ſein! Wüßten Sie, aus welchen Gründen ich damals handelte, Sie würden nichts Wider⸗ ſprechendes in meinem Betragen ſehn!

Aber ein Syſtem, das ſich nur durch Blut erhalten

kann ſagen Sie uns nichts davon! Eine ſolche Regierung b bereitet ſich ihren eigenen Untergang! Und die Verantwort⸗

lichkeit fällt immer auf den Urheber zurück.

Ihr verdammt die Republik, wenn Ihr mich verdammt, ſagte Billaud.

Wie ſo? Wo iſt die Aehnlichkeit?

Wenn Bürger gegen Bürger kämpfen, erwiderte Billaud mit Wärme,wenn der auswärtige Feind unſerer Grenzen bedroht wenn Alles in Verwirrung und Auflö⸗ ſung iſt was für Maßregeln können dann wohl zu nehmen ſein?

Dann findet freilich keine Wahl mehr ſtatt; aber es war Pflicht, dieſe Kriſen vorauszuſehen.

Vorauszuſehen? erwiderte Billaud;gut, wir haben es nicht gethan, denn wir konnten es nicht; aber wir haben wie die Löwen gekämpft! Wir haben die innern Gährungen mit Kraft erſtickt; wir haben Frankreich vor dem Untergange geſchützt.

Zugegeben, aber wer hatte Euch dieſe Dictatur anver⸗ traut?

Das Volk!.

Und Ihr war't die Tyrannen des Volks?

Aber wir begründeten dennoch ſeine Freiheit!

Der Pflanzer ſprach mit Lebhaftigkeit über die Gräuel, die man dem Ausſchuſſe vorzuwerfen hatte, und fuhr fort: Sehen Sie Ihren Collegen an, ſeine Angſt, ſeine Unruhe beweiſen gegen Sie. Billaud ſah ſich ſtolz nach dem ſchla⸗ fenden Collot um.

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