Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
508
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Heiß war der Kampf bei Maciejowice, am 10. October 1794, der letzte dieſes Krieges. Kosciuszko hatte tollkühn mit 6000 Polen 16,000 Ruſſen unter General Freſen ange⸗ griffen und war gefangen. Ermattet lagerten die Sieger theils in der Umgegend, theils in dem Dorfe ſelbſt(einer Be⸗ ſitzung des Grafen Zamoyski). Die Schlacht hatte faſt bis Sonnenuntergang gewüthet; ein trüber Herbſtabend folgte mit unheimlicher Stille dem geräuſchvollen Tage.

Aus den Fenſtern eines verhältnißmäßig nicht unanſehn⸗ lichen Hauſes in der Gegend der Dorfkirche, es war vielleicht die verlaſſene Wohnung des Geiſtlichen, ſtrahlte noch um Mitternacht eine grelle Beleuchtung. In dieſem Raume ging es bunt und lebendig her an jenem Abend. Etwa zwanzig ruſſiſche Officiere hatten ſich verſammelt und ſpielten Pharao an drei zuſammengerückten Tiſchen. Schon waren bedeutende Summen aus einer Hand in die andere übergegangen, als gegen Mitternacht der Rittmeiſter Barkowsky ſeine letzten zweihundert Dukaten vor ſich ausſchüttete und die Cameraden zum Pointiren aufforderte. Aus dem Leben dieſes Barkow⸗ sky hat ſich wohl ſchwerlich etwas Anderes erhalten als dieſer eine Moment, aber er bleibt dennoch ein lebendiges Zeichen der Zeit; was mußte damals geduldet und erlaubt ſein, wenn die folgende hiſtoriſch wahre Scene möglich war!

Barkowsty hielt ſeine Bank mit entſchiedenem Unglück, und das Häuflein Gold wurde mit jedem Augenblick kleiner. Da ertönte draußen Hufſchlag eines Pferdes; ein Reiter ſchwang ſich vor der Thür des Hauſes aus dem Sattel, und Alexei Petrowitſch trat in das Gemach.Va banque! rief er, als er kaum die Schwelle übertretenva banque, auf die Dame! Der Banquier ſchlug die Karten klatſchend auf den Tiſch, bis die Dame links fiel und ihm den Reſt ſeiner Baarſchaft raubte.

Barkowsky's Seele gerieth in jenen einem jeden Spie⸗ ler von Profeſſion bekannten Zuſtand, wo nach dem Verluſt

Novellen⸗Jeitung.

gemacht, und war auch am 10. October dem Schlachtfelde ſo nahe geweſen, daß ſie bald nach eingebrochener Dunkelheit Maciejowice erreichen konnte.

Adele Grenier war ein ſchönes Weib, ſagen noch heute die alten Leute, die ſie, wenn auch nicht in ihrer Jugend, ſo doch wenigſtens in einer Zeit gekannt haben, wo ſie noch nicht ganz verblichen war. Das iſt aber auch Alles, was ſich über ihr Aeußeres ſagen läßt; kein Maler hat die Züge dieſer ſchönen Franzöſin verewigt. Nur ihrer großen ſchwarzen Augen, die der Tod erſt vor drei Jahren geſchloſſen, erinnern ſich noch Viele.*

Deine Frau! wiederholte Alexei Petrowitſch.

Barkowsky beſann ſich, aber nicht lange. Das Weib, das er aus leidenſchaftlicher Liebe geheirathet, das ihm vor wenigen Monaten einen im Innern Rußlands zurückgelaſſe⸗ nen Sohn geboren, war ihm weniger werth, als die Gelegen⸗ heit, wieder zu erlangen, was ihm die Laune des Spiels ge⸗ nommen, und es begann unter lärmender Theilnahme der Cameraden ein Handeln um den Preis des einzuſetzenden Kleinods. Barkowsky wollte in der erſten Hitze keine Karte anrühren, bevor ſein Gegner nicht 20,000 Rubel auf den Tiſch gelegt, aber er ließ allmählich ab von ſeiner Forderung, und die Spieler beſtimmten envlich die Summe von 12,000 Rubeln. Eine einzige Karte ſollte entſcheiden.

Alexei warf eine Dame auf den Tiſch. Barkowsky miſchte langſam ſein Spiel und zog noch langſamer eine Karte nach der andern ab die Dame fiel links ſeine Frau war verloren!

Ob die Sache zu Scenen zwiſchen Mann und Weib Anlaß gegeben, wiſſen wir nicht, und kennen nur das über- raſchende Reſultat: Adele ging wirklich in den Beſitz des Ge⸗ winners über! Die damaligen Zuſtände, beſonders im Kreiſe zügellos roher Officiere, mögen freilich ſchlimm genug geweſen ſein: wir können aber nicht annehmen, daß es der

der ganzen Habe nicht der Untergang aller ſeiner Hoffnungen

allein in den Vordergrund tritt die Wuth nichts zu haben, um weiter zu ſpielen, peinigt ihn noch mehr und weckt den erſten Ausdruck der Verzweiflung. Niemand ſprach ein Wort, während Alexei ſeinen übrigens ſehr unbedeutenden Gewinn in die Taſche ſteckte und Barkowsky mit ſtierem Blick und blaß wie eine Leiche die ihm in der Hand gebliebenen Karten krampfhaft zuſammenpreßte.

Alexei ſtand dem unglücklichen Spieler einen Augenblick ſchweigend gegenüber; dann ſagte er:Barkowsky, ich habe viel Geld in meinem Gürtel, fahre fort, es iſt noch manches Dein, was Goldes werth iſt!

Barkowsky ſah ſich unwillkürlich um, als ſuchte er nach irgend einem Gegenſtande, der die verlorenen Dukaten wieder in ſeinen Beſitz bringen könnte; aber der bedeutend abgenutzte Reitermantel, der hinter ihm neben ſeinem Säbel am Boden lag, war Alles, was er beſaß; ſogar der Gaul, der ihn wäh⸗ rend der kaum verklungenen Schlacht getragen, war nicht mehr ſein.

Alexei verſtand den Blick des Verzweifelnden.Deine Frau! vief er nach einer Pauſe.

Barkowsky war in der That vermählt: auf einer Reiſe, die er kurz vor dem Feldzuge gemacht, hatte er in Frankreich die Tochter eines Gärtners kennen gelernt und geheirathet. Die junge Franzöſin, Adele Grenier, war ihrem Gatten nicht nur nach Rußland, ſondern bei dem Ausbruch des Krieges auch nach Polen gefolgt. Mit feſtem Vertrauen auf die Un⸗ beſiegbarkeit der ruſſiſchen Waffen hatte ſie in einem elenden, mit Matten gedeckten Fuhrwerk alle die langen Märſche mit⸗

jungen Frau durchaus unmöglich geweſen wäre Schutz gegent die Eigenmächtigkeit ihres Gatten und Alexei's zu finden, wenn ſie ihn geſucht hätte. Wir müſſen vielmehr glauben, daß Alexei Petrowitſch, obgleich damals ſchon gegen fünfzig Jahre alt, der Franzöſin nicht unbedeutend angene hmer er⸗ ſchienen, als der Mann, der ſie ihrer Heimath entführt. Ue⸗ ber den kitzligen Punkt des kirchlichen Segens mochte ſie als Kind der franzöſiſchen Revolution ebenfalls ſehr liberale Ideen hegen; genug, das Spiel hatte entſchieden, Alexpei be⸗ hielt ſein Geld und den gewonnenen 12,000 Rubel werthen Schatz. Barkowsky tritt ab von der Scene; es iſt nie wieder etwas von ihm zu hören geweſen.

Schon am folgenden Tage wurde Adele unter dem Schutze zahlreicher Diener auf ein im Gouvernement Poltawa gele⸗ genes Gut geſchickt. Alexei verſprach zu folgen, ſobald er ſich von ſeinen Dienſtverhältniſſen würde losgemacht haben.

Was wir bis jetzt von dem Helden dieſer Skizze geleſen, bietet uns noch wenig von dem Typus, den ich zu charakteri⸗ ſiren beabſichtige. Erſt jetzt tritt Alexei als wahrer Bojare der damaligen Zeit auf. Der Landſitz Brokna, an der großen Straße, die von Poltawa nach Kiew führt, iſt der Schauplatz, den wir betreten.

Hart an der Landſtraße liegt das Wohnhaus, ein lan⸗ ges hölzernes Gebäude mit niedrigen Fenſtern und niedrigen Zimmern. Dieſe ſind ohne allen Plan an einander gereiht, und die Anfahrt mit den ausgetretenen Stufen befindet ſich an einer Ecke. Das Ganze macht einen höchſt unbehaglichen Eindruck, und die Möbel, von denen ſich noch manche vor⸗ finden, waren durchaus nicht geeignet, den Gedanken an

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