Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
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Mittel der Selbſterhaltung bei gewaltſamen Zuſtän⸗ den kennen zu lernen.

So iſt es Pflicht, alle unparteiiſchen Beiträge zur Specialgeſchichte willkommen zu heißen, und auch das große gebildete Publicum hat Veranlaſſung, darin nicht zurück zu bleiben, wenn ſich mit dem Belehren⸗ den das Unterhaltende eines lebendigen, gewaltigen Stoffes verbindet.

Eine ſolche anregende, höchſt inſtructive Lectüre bietet die Schilderung der Völkerſchlacht bei Leipzig dar. Nachdem die erſte illuſtrirte Ausgabe bereits vergriffen iſt, wird ſich die eben erſcheinende zweite wegen ihrer Billigkeit noch weiteren Kreiſen zugäng⸗ lich machen.

Der in den Gegenſtand ſehr eingeweihete Ver⸗ faſſer hat es mit Recht nicht unterlaſſen, das ſtoffliche Material durch eine genaue ethnographiſche und ſta⸗ tiſtiſche Berichtigung vor unſern Blicken bloßzulegen.

Es iſt dies für den Laien zu einem allgemeinen Verſtändniß nöthig, der Militair von Fach aber wird nichts Weſentliches vermiſſen, was ſeiner Vorſtellung einen ſtrategiſchen Plan von jener merkwürdigen Reihenfolge von Schlachten zu geben vermag.

Wir laſſen die Hauptſchlachttage unberührt und theilen unſern Leſern nur eine kleine Darſtellung mit, die der Verfaſſer bei Gelegenheit des Gefechtes von Liebertwolkwitz giebt.

Hier entſpann ſich zwiſchen 11 und 12 Uhr am 14. October ein hitziges Gefecht um den Beſitz des Oertchens.

Die Franzoſen wurden durch den herzhaften An⸗ griff der Oeſterreicher gezwungen, dieſes Städtchen zu räumen, ſammelten ſich aber bei der Windmühle wieder, drangen von Neuem vor und ſchlugen die Truppen Klenau's heraus. Neue Verſuche der Oeſter⸗ reicher, den Ort, welcher in Brand gerieth, wieder zu nehmen, hatten denſelben Erfolg. Der Marſchall Macdonald, am Morgen dieſes Tages bei Zuckelhau⸗ ſen und Holzhauſen mit dem elften franzöſiſchen Armee⸗ corps angekommen, ließ ſogleich, als der Kampf heftig wurde, einen Artilleriepark vor Holzhauſen auffahren und hielt endlich die ſtürmenden Oeſterreicher zurück.

Murat, der ſchon am frühen Morgen eine in Wachau ſtehende Linde beſtiegen, dort die Formirung der feindlichen Reiter beobachtet, die ihm gegenüber⸗ ſtehende Stärke der Alliirten erkannt und endlich das Zurückweichen ſeines linken Flügels hinter Wachau geſehen hatte, verließ hierauf ſofort ſeinen Stand⸗ punkt, um ſich an die Spitze einiger friſcher Regi⸗ menter zu ſtellen, welche, durch Artillerie kräftig un⸗ terſtützt, glänzende Chargen ausführten und Liebert⸗ wolkwitz, das in Gefahr war von den alliirten Trup⸗

Novellen⸗Jeitung.

pen genommen zu werden, dadurch behaupteten. Bei einem dieſer Angriffe drang Murat, wie ſehr häufig, muthvoll voran und war in der Eile ſo weit vorge kommen, daß er ſich faſt vereinzelt ſah. Eine Esca⸗ dron vom erſten preußiſchen neumärkiſchen Dragoner⸗ regiment greift dieſen kleinen Haufen franzöſiſcher Reiter an, unter welchen man, ſeiner auffallenden Coſtumirung halber, den König von Neapel entdeckt. Ein Lieutenant, Guido von Lippe, beabſichtigt mit kühnem Muthe, Murat zu fangen. Schon ſoll er, trotz einer erhaltenen Hiebwunde, dicht an den König von Neapel gekommen ſein undHalt König! ge⸗ rufen haben, als ihm einer der wenigen Begleiter Murat's den Säbel bis an den Griff in die Seite jagte und ihn ſchwer verwundet vom Pferde ſtürzte.

Dieſes blutige Vorſpiel der großen Schlacht blieb unentſchieden, die Franzoſen behaupteten ihre Stellung, und der Fürſt von Wittgenſtein befahl gegen 4 Uhr die Truppen aus dem Feuer zu ziehen.

Unterdeſſen war Napoleon von Düben nach Leip⸗ zig gekommen, jedoch nicht in der Stadt geblieben, ſondern bis vor das äußere grimmaiſche Thor(jetzt Dresdener Straße) gegangen.

Huſſell, ein Augenzeuge, ſagt:Es wurde über Hals und Kopf, nicht weit von dem Punkte, wo da⸗ mals der Galgen ſtand, ein Feldſtuhl und ein Tiſch auf das freie Feld gebracht, und ein großes Wacht⸗ feuer angezündet. Rechts und links bivouakirten die Garden. Der Tiſch wurde ſogleich mit Landkarten bedeckt, und der Kaiſer ſtudirte emſig darin. Von dem, was um ihn vorging, ſchien er nicht die geringſte Notiz zu nehmen. Die Zuſchauer, unter denen auch ich mich befand, drängten ſich ziemlich nahe um ihn, und man durfte ſich bis auf zwanzig Schritte nähern, ohne daß es Jemand gehindert hatte.

Die Karten, welche auf dem Tiſche ausgebreitet waren, wurden mit bunten Nadeln beſteckt, welche die Poſitionen der verſchiedenen Truppen andeuteten. Napoleon ſprach abwechſelnd mit Berthier und mit andern umſtehenden Generalen. Adjutanten kamen und gingen. Ein kalter heftiger Wind machte den Kanonendonner bei Liebertwolkwitz nur noch hörbarer.

Ferner erzählt Huſſell:Ein langer Wagenzug von der Straße von Wurzen kam heran, das Knallen der Courierpeitſchen und eine Menge geharniſchter Reiter und großer Grenadiere, welche ihn umgaben, verkündeten die Ankunft einer andern hohen Perſon und lenkten die Aufmerkſamkeit dorthin. Es war der König von Sachſen mit ſeinen Garden und ſeiner Equipage. Der König kam zu Pferde; es fand eine zärtliche Bewillkommnung zwiſchen ihm und ſeinem Alliirten ſtatt. Er ſetzte dann ſeinen Weg nach der

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