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„So ſagte ich,“ verſetzte der Baron.
nen? Bei unſrer erſten Begegnung eilte ich ſtürmiſch
auf ſie zu, in der Abſicht, ſie an mein laut pochendes
Herz zu drücken und in ihren lieben, ſchönen Augen die Beſtätigung jenes Schwurs zu leſen; ſie erwiderte aber kaum dieſe Umarmung und bat mich, jede auf— fallende Annäherung zu vermeiden, weil es ihrem gu⸗ ten Ruf ſchaden könne, wenn man unſre Verlobung, über die man ſich nur luſtig machen werde, erfahre. Dieſe Prüderie, die ich nicht erwartet hatte, kühlte mein heißes Blut ab, ich fühlte mich tief verletzt und nahm keinen Anſtand, dies meiner Braut zu erklären. Sie beruhigte mich aber damit, daß ſie ſich zu dieſer Bitte genöthigt ſehe, weil wir ja noch nicht wüßten, ob unſre Eltern ihre Einwilligung geben würden, außerdem auch die Welt nach dem Scheine urtheile und ich nicht beſtreiten dürfe, daß der Schein ſehr gegen uns ſei. Ich gebe für den Werth dieſer Re⸗ densart keinen Pappenſtiel, ließ ſie aber diesmal gelten, weil ich meiner Braut damit einen Gefallen zu er— zeigen glaubte und auf die Aufrichtigkeit ihrer Liebe vertraute. Ich muß geſtehn, ich war herzlich froh, als ich zur Univerſität abreiſen durfte; dieſes Hangen und Bangen und das ewige Verſteckſpielen war mir in der Seele verhaßt, und ich konnte dieſem Zwitter⸗
1 weſen erſt dann ein Ende machen, wenn ich nach ab—
gelegtem Examen eine Anſtellung erhalten und den Beweis meiner Tüchtigkeit geliefert hatte. In der Trennungsſtunde erneuerten wir unſer Verſprechen und gelobten einander nochmals, redlich Wort halten zu wollen.— Ich warf mich jetzt mit vollem Eifer auf das Studium und machte unverkennbare Fort⸗ ſchritte.“
„Ich kann Dir's bezeugen,“ unterbrach Andreas, „Du warſt unermüdlich, und oft habe ich Dich⸗ um Deine Ausdauer beneidet. Dant n aber blieb Dir immer noch ſo viel Zeit, daß Du in grande gala Fenſterparade machen konnteſt.“
„Es iſt wahr, ich war ſtets ein Verehrer der Damen,“ fuhr der Baron, über deſſen Lippen ein bittres Lächeln glitt, fort;„die Commilitonen hielten mich für einen eitlen Modegeck, der allen Mädchen den Kopf verdrehte; ſie wußten nicht, daß mein Herz damals eine klaffende Wunde trug, und ich nur Zer⸗ ſtreuung ſuchte, um zu vergeſſen. In den erſten Mo⸗ naten ſchrieben wir einander recht fleißig, dann wur⸗ den die Briefe Helene's ſeltener, ihre Sprache kälter, und endlich blieben ſie ganz aus, ohne daß ich mir
„Mußte ich nicht in gerechter Beſorgniß ſchweben, man werde mir den Beſitz dieſes Kleinods ſtreitig machen? Mußte ich nicht in jedem der zahlloſen Windbeutel, welche meine Braut umſchwärmten, einen Nebenbuhler wäh⸗
Novellen⸗Zeitung.
Dir Urſache dieſes plötzlichen Schweigens erklären V konnte. Ich bat, beſchwor die Geliebte, mir offen zu ſagen, ob und in wiefern ich gegen ſie gefehlt habe; ich ſerhielt keine Antwort. An meinen Vater durfte ich mich nicht wenden, er war damals in eine Hofintrigue perwickelt, die ihm Sorge und Kummer genug berei⸗ tete; meinen Freunden vertraute ich nicht, ich ſah ja in jedem einen Nebenbuhler; ſo mußte ich denn die Aufkläͤrung der Zeit überlaſſen. Und dieſer Augen⸗ V blick kam, keiner meiner Commilitonen ahnte, als wir den Abſchiedscommers feierten, welch gefoltertes, wun⸗ des Herz ſich hinter der Maske einer ausgelaſſenen Heiterkeit barg. Als ich in der Heimath ankam, war die erſte Nachricht, welche ich empfing, die, daß He⸗ lene ſeit bereits drei Monaten die Gattin meines beſten Jugendfreundes, eines reichen Landjunkers, ſei. Ich war auf dieſe Nachricht gefaßt, aber eine Laſt fiel mir vom Herzen, als ich ſie vernahm; für den unſäglich tiefen Schmerz über den Meineid der Liebe war's mir eine Genugthuung, daß auch die Freund⸗ ſchaft dieſes Verbrechens ſich ſchuldig gemacht hatte. Ich verzieh der Liebe den Meineid und übertrug mei⸗ nen ganzen glühenden Haß auf die Freundſchaft, feſt entſchloſſen, an ihr allein für den Treubruch Rache zu nehmen.— Zur praktiſchen Ausbildung im Forſt⸗ fache ſollte ich noch ein Jahr mich in meiner Vater⸗ ſtadt beſchäftigen und zwar unter ſpecieller Aufſicht des Forſtraths, dann mein Examen machen und mich um eine Anſtellung bewerben. So hatte es mein Vater beſchloſſen, ich lachte bitter, als er mir ſeine
Pläne und Hoffnungen mittheilte, mir war jetzt Alles,—
Alles verleidet, und der Gedanke, dem Forſtrath, den ich, weshalb wußte ich ſelbſt nicht, bitter haßte, als meinem Vorgeſetzten, ſchweigend gehorchen zu ſollen, trieb mir die Galle in's Blut. Ich faßte Muth und erzählte dem Vater Alles, was mein Herz bewegte; er hatte nur Spott für mich, billigte aber doch nach langem Zögern meinen Entſchluß. Ich meldete mich zum Officier⸗Examen, beſtand es und zog die Hu⸗ ſarenuniform an.“
„Du ſahſt die Ungetreue nicht wieder?“ fragte Andreas, als der Baron ſchwieg.
„Nein,“ antwortete dieſer,„hätte die Gelegenheit eine Begegnung herbeigeführt, ich wäre nicht ausge⸗ wichen, ſuchen mochte ich ſie aber nicht.“
„Und Sie wollen aus dieſer allerdings trüben Erfahrung den Schluß ziehen, daß die Jugendliebe nie Stand hält?“ nahm Wilhelmine das Wort.„Sie würden uns großes Unrecht thun, wollten Sie von der Unbeſtändigkeit einer Einzelnen auf das ganze Geſchlecht ſchließen.“
Der Baron ſetzte ſchweigend das Glas an die


