Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
484
Einzelbild herunterladen

484

Auf dem Sterbebette bat er den Medicinalrath, ſich der verlaſſenen Waiſe anzunehmen, und dieſer über⸗ nahm bereitwillig die Pflichten eines Vormunds. So wurde Cora im Hauſe des Medicinalraths erzogen, ſie wuchs mit den beiden Kindern ihres Vormunds, Andreas und deſſen Schweſter Wilhelmine, auf, und das Band einer reinen, durch nichts getrübten Ge⸗ ſchwiſterliebe umſchlang das holde Kleeblatt.

Andreas war ein ſtiller, ſinniger Knabe, er fand keine Freude an den lauten Vergnügungen ſeiner Cameraden und zog die mediciniſchen Bücher oder ein Geſpräch über Kunſt und Literatur mit den bei den vielſeitig gebildeten Mädchen allem Andern vor. Die Folge dieſes engeren Beiſammenlebens war eine tief wurzelnde Neigung zu Cora, die ſich bei der Ab⸗ reiſe des jungen Mannes zur Univerſität zum erſten Mal äußerlich kundgab. Der Medicinalrath und deſ⸗

traut gemacht, daß Cora auch einſt dem Namen nach ihre Tochter ſein werde, ſie fanden alſo keine Urſache,

ſich entwickelte und bereits ſeine Blätter und Blüthen entfaltete, zu erſticken. Als Andreas von der Univer⸗ ſität zurückkehrte, war der Medicinalrath geſtorben, er hatte auf dem Sterbebette ſeine Kinder geſegnet und die Sorge für Cora's Wohl vertrauensvoll in die Hände des Sohnes gelegt, der feierlich gelobte, dieſes Vertrauen rechtfertigen zu wollen.

Ich weiß, Du liebſt das Mädchen, hatte der Medicinalrath in ſeiner letzteu Unterredung mit dem Sohne geſagt,der Himm ill nicht, daß ich die Freude erleben ſoll, Cora als Deine Gattin an mein Herz drücken zu dürfen, aber ſterbend ſegne ich den

Bund, der Euch Beide glücklich machen wird. An der Wahrheit der letzten Worte hatte Andreas nie gezweifelt, er wußte ja, daß der Charakter Cora's ganz mit dem ſeinigen harmonirte, er kannte jede Seite ihres guten, edlen Herzens, jeden Gedanken ihrer reinen Seele. Er wußte auch, daß ſeine Liebe erwidert wurde und er einen Korb nicht zu befürch⸗ ten brauchte; dennoch konnte er ſich nicht dazu ent⸗ ſchließen, das entſcheidende Wort zu ſprechen, und um die Hand des lieblichen Mädchens zu werben. An Willen fehlte es nicht, oft ärgerte es ihn, daß er die Worte nicht über die Lippen bringen konnte und er den Vorwurf ſeiner Schweſter, ſeine Schüchternheit werde Alles verderben und ihn bitter reuen, wenn's u ſpät ſei, ſchweigend einſtecken mußte. Er ſah, daß Cora, welche den Grund dieſer Zurückhaltung nicht gannte, durch ſeine Unentſchloſſenheit litt, er verſtand die leiſen Andeutungen der Mutter, welche den Sohn

den Keim, der in den Herzen der beiden jungen Leute

V

cht zu einem Entſchluſſe drängen wollte, und ver⸗

Novellen⸗Zeitung.

wünſchte ſeine Schüchternheit, die ihn jedes Mal in Gegenwart der Baſe befiel. Hätten die Patienten ſeine Zeit nicht ſo ſehr in Anſpruch genommen, würde er wahrſcheinlich eher den günſtigen Augenblick ge⸗ funden haben, ſo aber verſchob er's von Tag zu Tag, und als der Herbſt kam und mit ihm der Tag, an welchem Cora ihr Wiegenfeſt feierte, ſetzte er die Aus⸗ führung ſeines jetzt unerſchütterlichen Entſchluſſes auf jenen Tag feſt. Bei Ueberreichung des Geſchenks, welches diesmal glänzender denn je ausfallen ſollte, mußte ja ein Wort das andere geben, und die feier liche, gehobene Stimmung, welche jenes Familienfeſt hervorrief, konnte den Eindruck ſeines Geſtändniſſes nur erhöhen.

Dieſer Tag, der dreiundzwanzigſte October, war jetzt gekommen. Schon früh am Morgen hatten die

Medicinalräthin und deren Tochter Cora beglück⸗ ſen Gattin hatten ſich ſchon mit dem Gedanken ver⸗

wünſcht; Andreas war bereits bei Tagesanbruch aus⸗ gegangen, unter dem Vorwande, einen ſchwer erkrank⸗ ten Patienten beſuchen zu müſſen, in Wahrheit aber, um ſich draußen im Freien für den bevorſtehenden entſcheidenden Augenblick zu ſammeln. Er trug das Geſchenk, einen koſtbaren Perlenſchmuck, in der Taſche; ſchon oft hatte Cora das Verlangen geäußert, einen ſolchenxzu beſitzen, Andreas durfte alſo überzeugt ſein, daß ſeine Gabe willkommen war. Als er von ſeinem Spaziergange zurückkehrte, fand er nur die Mutter und Wilhelmine in der Wohnſtube.

Die ſtattliche Matrone mit den ſilberweißen Lo⸗ cken, den freundlichen Zügen und den klaren Augen, die ſo wohlwollend und heiter blickten, ſaß in dem großen Lehnſeſſel und las ein Capitel in der alten Hauspoſtille, während Wilhelmine, die ſchelmiſche Blondine, deren blaue treuherzige Augen ſchon man⸗ ches Herz erobert hatten, das Frühſtück abräumte.

Endlich! nahm die Medicinalräthin das Wort, als Andreas eintrat.Wir haben Dich ſchmerzlich erwartet und ſehr bedauert, daß wir gerade heute ohne Dich uns zum Frühſtück niederſetzen mußten.

Der junge Mann legte Hut und Rock ab und reichte der Mutter die Hand.Darf ich meine Pa⸗ tienten warten laſſen? entgegnete er.Sie ſtehen in erſter Reihe, und ich würde mich einer unverzeih⸗ lichen Pflichtverletzung ſchuldig machen, wenn ich mit meiner Hülfe zögern wollte, nur um das Frühſtück nicht zu verſäumen.

Die alte Dame ſah dem Redenden mit prüfendem Ernſt in's Antlitz.Du weichſt mir aus, verſetzte. ſie ruhig,hätteſt Du einen ſchwer erkrankten Pa⸗ tienten beſucht, würdeſt Du nicht ſo ruhig und heiter ſein; ich weiß beſſer, was Dich hinaustrieb. Er hat ganz den Charakter ſeines Vaters, fuhr ſie, ſich zu