Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
483
Einzelbild herunterladen

Vierte

Novellen-Zeitung.

Der Perlenſchmuch.

Novelle von Ewald Auguſt König. 1. Wohl kein Arzt hat raſcher, wie man zu ſagen

pflegt,Carriere gemacht, als der junge Doctor Kaltenberg, der Sohn der reichen Witwe, welche das

hübſche Häuschen dicht vor dem Thore bewohnte.

Kaum war der Doctor nach glänzend beſtandenem Staatsexamen von der Univerſität zurückgekehrt, kaum glänzte das blanke Meſſingſchild mit der Inſchrift Dr. Andreas Kaltenberg, Arzt, Wundarzt und Ge⸗ burtshelfer auf der Thür jenes freundlichen Häus⸗ chens, als auch die Patienten ſich ſchon einfanden, juſt als hätten ſie auf die Promotion des jungen

Mannes gewartet, um ihm ihre theuerſten Intereſſen, ſchon hatte der ſchüchterne, beſcheidene Andreas den

nämlich Wohl und Wehe ihres Körpers, anzuver⸗ trauen. Bald erfreute der junge Arzt, zum Aerger ſeiner älteren Collegen, unter denen manche gar nicht auf einen grünen Zweig kommen konnten, ſich einer ausgedehnten Praxis und daneben des unbegrenzten Vertrauens ſeiner Patienten, die meiſt zur Mittel⸗ claſſe und den höheren Ständen zählten. Der Grund dafür war nicht ſchwer zu finden. Der Vater des jungen Doctors war ſelbſt ein geſchickter, berühmter Arzt geweſen, und der verſtorbene Medicinalrath hatte ſich durch ſeine Aufopferung und raſtloſe Thätigkeit in einer Zeit, in welcher die Cholera graſſirte, den Dank und die Liebe der geſammten Bürgerſchaft er⸗ worben. Während nun die Einen glaubten, einen Theil des ſchuldigen Dankes dem unvergeßlichen Tod⸗ ten abzutragen, wenn ſie deſſen Sohn zum Hausarzt

annahmen, hielten die Anderen an der Anſicht feſt,

der Apfel falle nie weit vom Stamme, und da der Dr. Andreas Kaltenberg in ſeinen erſten Studien⸗ jahren manchen Fingerzeig von ſeinem Vater erhalten, auch unter deſſen Aufſicht bereits mehrere Operationen unternommen und mitoft überraſchendem Erfolg zu Ende

Folge.

ſgeführt habe, ſo dürfe man in die Geſchicklichkeit des jungen Doctors ſchon einiges Vertrauen ſetzen. Dies waren die Gründe, welche die Leidenden bewogen, dem Doctor ihr Haus zu öffnen, und das ſchöne Ge⸗ ſchlecht that dies um ſo lieber, als es außerdem noch ein beſonderes Intereſſe an dem jungen, hübſchen Manne nahm. Die Mütter heirathsfähiger Töchter und beſonders alle jene Jungfrauen, die bereits ein gewiſſes Alter erreicht hatten, benutzten jede, auch die geringfügigſte Gelegenheit, das übliche Honorar für einen ärztlichen Beſuch dem jungen Arzte in die Ta⸗ ſche zu jagen. Dieſe Beſuche, die gewöhnlich nur einem Schnupfen, oder wenn's hoch kam, einem leich⸗ ten Katarrh galten, gaben in der Regel zu vertrau⸗. lichen Geſprächen Veranlaſſung, welche indeß bald zu ſehr den Charakter eines peinlichen Verhörs annah⸗ men, als daß der junge Mann beſonderes Vergnügen daran hätte empfinden können. Mehr als einmal

gewiß wohlgemeinten h erfahrener Frauen hören müſſen, daß nichts beſſer für ihn ſei, als wenn er ſich unter den Töchtern des Landes umſehe und einen eignen Heerd gründe. Er mußte dieſer Anſicht voll⸗ kommen beipflichten, aber der Umſtand, daß die, welche ihn ertheilten, ſtets als Appendix ein langes Lob ihrer Töochter folgen ließen, bewirkte, daß Andreas die Befolgung des Rathes immer wieder verſchob. Es erging ihm, wie es allen denen ergeht, die unter Vielen die Wahl haben: dieſes Fräulein war ihm zu ungebildet, jenes zu phlegmatiſch, ein drittes hatte rothe Haare, ein viertes liebte zu ſehr den Putz; an jeder Dame ſeiner Bekanntſchaft fand er etwas aus⸗ zuſetzen. Aber nein, nicht an jeder, eine machte eine rühmliche Ausnahme, ſeine Baſe, das lebensluſtige, ſchelmiſche Mädchen, welches mit ihm unter einem Dache wohnte. Cora Sand war eine Schweſtertochter der Me⸗ dieinalräthin, ſie hatte ihre Mutter ſchon früh, im zweiten Jahre nach ihrer Geburt, verloren, und ihr Vater, ein reicher Gutsbeſitzer, folgte der Gattin, a der ſei ne Seele mit inniger Liebe hing, bald ins Grab⸗

5