Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
828
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828 Uovellen-Zeitung.

läßt in ſeiner Vorſtellung von einem einſtigen Deutſch⸗ land, einſtig in Bezug auf die Vergangenheit und in Be⸗ zug auf die Zulunft. Man erzählte von ſeiner Frau, einer ſtattlichen, ſchön geweſenen Schwäbin, daß ſie be⸗ kümmert geäußert habe: ſie habe ſich's wohl gedacht, daß ihr Mann ſo ſein würde! Dies will eben ſagen: Uhland's lyriſche Kraft der Abſonderung iſt immier ſtark und ſtreng geweſen; ſeine nächſte Umgebung ſogar hat nichts vermocht über ihn und ſeinen Beruf, ſeine nächſte Umgebung hat ſich eingeſtehen müſſen, er werde unter allen Umſtänden den einen Ton ſeines Weſens, und das iſt der lyriſche Ton, feſthalten. Ja wohl! Der harte ſchwäbiſche Schädel iſt lehrreich an Uhland zu ſtudiren. Einſam und ſchweig⸗ ſam wie auf ſeinem Tübinger Garten war er auch in Frankfurt, ſaß er hier wie ein unnahbares Weſen unter der Linken, mit deren Parteiverſammlungen er nichts ge⸗ mein hatte.Wohl präparirt, Paragraphos wohl einſtu⸗ dirt, ein gewiſſenhafter Abgeordneter erſchien er täglich an ſeinem Platze und auch einige Male auf der Redner⸗ bühne. Das ganze lichte Auge unter lichter Braue ſieht über die Meuge hinweg in's Leere, es haftet an keines Menſchen Blicke, es erwidert keinen, und wie ein Einſied⸗ ler ſpricht der Maun mit herber, ſchwäbiſch accentuirter Stimme da oben, als ob ihn Niemand hörte. Keine Spur von Dramatik! Langſam, in kleinen Pauſen, aber ſicher klimmt ein Satz nach dem andern hervor, und die Pauls⸗ kirche gewöhnt ſich bald daran, die politiſche Anſicht ſeiner Rede zu überſehen, einige ſchöne Bilder aber und Ver⸗ gleiche, die nie in ſeiner Rede fehlen, mit Beifall auszu⸗ zeichnen.Man ſagt, die alten Mauerwerke ſeien darum unzerſtörbar, ſprach er heuteweil der Kalk mit Blut gelöſcht ſei. Oeſterreich hat ſein Herzblut gemiſcht in den Mörtel zum Neubau der deutſchen Freiheit.

Und an einer andern Stelle:Mit Freude und Zunei⸗ gung hörte man daneben einen Süddeutſchen wie Uhland

an, obwohl er nichts Beſſeres wollte, als ein Wahlreich.

Aber er war echt im Princip, treu in ſeinem Worte. Die Wurzel des neuen deutſchen Staates ſei eine demokratiſche, der Gipfel ſchieße nicht von den Zweigen empor, ſondern von der Wurzel:das wäre dem natürlichen Wachsthum der neu entſtehenden deutſchen Eiche nicht gemäß, wenn wir in ihrem Gipfel ein Brutneſt erblicher Reichsadler aufpflanzen wollten. Ja, als er damit ſchloß: es werde kein Haupt über Deutſchland leuchten, welches nicht mit einem vollen Tropfen demokratiſchen Oels geſalbt ſei, da rief Mancher dem Dichter Beifall zu, Maucher, der gar nicht einverſtanden war mit dem luftigen Gedankenzuge des Schwaben. Es war aber eine deutſche und poetiſche Ganzheit.

Die Lorchſche Schilderung ſchließt:

Seine Uuſterblichkeit hat Uhland in ſeinen Gedichten; ſie gehören zu den beliebteſten der Nation, und die meiſten davon ſind bleibendes Beſitzthum des Volkes geworden. Aeußerlich dem Volksliede mit ſeiner einfachen Weiſe nach⸗ gebildet, offenbaren alle ſeine kleineren Poeſien und dies iſt ihr charakteriſtiſches Merkmal eine große und ſtarke, vom Herzeu kommende, aber nicht bis zu extremem Aus⸗ bruche gelangende, ſondern durch das Maß keuſcher Selbſt⸗ beherrſchung gebändigte und theilweiſe wohl gar verhal⸗ tene Empfindung, die dann meiſt die Miene elegiſchen Schmerzes und milder Schwermuth, oder ſogar träumeri⸗ ſcher Reſignation annimmt. Der Ausdruck überſtrömen⸗ der Leidenſchaftlichkeit fehlt ihnen; an edler ſchlichter Kraft und an Zartheit der reinſten Tiefe ſuchen ſie ihresgleichen. In der Ballade hat vor Uhland nur Goethe verſtanden, eine echt poetiſche Wahl und Anordnung der Stoffe zu treffen und lebensvolle, von dichteriſchem Gehalt durch⸗ drungene Geſtalten zu ſchaffen. Uhland iſt, wie wenige Poeten Deutſchlands, in der Lyrik nicht bloß muſikaliſch, ſondern auch plaſtiſch; deßhalb eben gelingt ſeiner Geſtal⸗ tungskraft die Ballade. Auch ſeine beiden Dramen müſſen als Erinnerungsfeſtgedichte der Nation hoch und

einander, und die Fahrt geht auf dieſe Weiſe in einer fabelhaften Schnelligkeit; auf ebenem Schnee oder Eis können acht Hunde einen ziemlich ſchwer beladenen Schlitten vier Meilen in einer Stunde ziehen, doch legen ſie wegen der vielen Unebenheiten und Hinderniſſe während einer ganzen Tagereiſe meiſtens im Durch⸗ ſchnitt nur zwei Meilen ſtündlich zurück, was immerhin täglich 20 24 Meilen ausmacht! Der Kutſcher lenkt die Thiere ohne Zaum, nur vermittelſt einer kurzſtieligen Peitſche mit einem ſehr langen Knutenriemen und einiger Commandoworte; es erfordert alſo ſehr viel Uebung und genaue Kenntniß der grönländiſchen Hundenatur, um einen Schlitten in dieſer Weiſe regieren zu kön⸗ nen, und es wäre ſchlechterdings unmöglich, wenn der Bas den Kutſcher nicht ſo mannhaft unterſtützte. Sobald die Hunde alle vorgeſpannt ſind, legen ſie ſich mit den Köpfen nach der Mitte, in einen anſcheinend unentwirrbaren Knäuel, und verharren in dieſer Lage, bis daß der Kutſcher aufgeſtiegen iſt und mit ſeiner Peitſche das Zeichen zum Aufbruch gegeben hat; im Nu find alle auf den Beinen und beginnen eine Fahrt, bei der es anfangs merkwürdig unordentlich hergeht; ein Paar Hunde gerathen ſich in die Haare, ein Paar verwickeln ſich in das Riemenzeug, werden umgeriſſen und eine Strecke weit ſehr unbequem, aber ſchnell auf dem Rücken fortgeſchleift; einer oder der andere ſucht ſeine Kräfte zu ſchonen und zieht am ſchlaffen Riemen, und bei dieſem Wirrwarr iſt es nun Sache des Bas zu zeigen, was er vom Regieren verſteht. Ein kräftiger Peitſchenſchlag belehrt ihn, daß in ſeinem Reich nicht Alles in Ordnung ſei, und ſofort hat er entdeckt, wo der Fehler ſitzt; er ſpringt nach allen Seiten, packt da und dort einen armen Sünder in's Genick und ſchüttelt ihn, daß die Haare fliegen. Selten verfehlt die freigebig und ausdauernd ertheilte Züchtigung

ihre Wirkung, und bald fliegt der Schlitten pfeilgeſchwind dahin.

Es iſt erſtaunlich, mit welcher Fertigkeitt der geübte Grön⸗ länder über die gefährlichſten Stellen fährt; oft kommt er an einen breiten Riß im Eiſe, ſofort ſpringt er vom Schlitten, ergreift die Hinterſtangen, läßt die Hunde mit einem Ruck anziehen und hinüberſpringen, während er dem Schlitten einen kräftigen Stoß gibt und ſich mit hinüberſchwingt; iſt der Riß für einen ſolchen Sprung zu breit, dann haut er mit ſeinemTok(einer Art Spaten, der ſtets auf Reiſen mitgenommen wird) eine große Eis⸗ ſcholle los, die er als Fähre für ſich und ſein Geſpann benutzt, um hinüberzukommen. Bisweilen iſt das Eis ſo dünn, daß es ſich beim Darüberfahren einbiegt; dann ſchwingt er, weit ausholend, die Peitſche über die Köpfe der Hunde, und die klugen Thiere neh⸗ men auf dieſes Zeichen den möglich größten Abſtand von einander, wodurch ihre Laſt auf eine größere Fläche vertheilt und die Ge⸗ fahr des Einbrechens vermindert wird. Mitunter ſoll einen ſtei⸗ len Abhang hinabgefahren werden, was in der gewöhnlichen Weiſe nicht angeht; da werden dann die Hunde mit den Vorderbeinen an den Schlitten gebunden, oder derſelbe wird ſo herumgewendet, daß er zuerſt hinabrutſcht, wobei die Thiere dann aus aller Kraft ſich mit den Hinterbeinen entgegenſtemmen, ſo daß Alles wohlbe⸗ halten und langſam hinabkommt. Trifft der Grönländer unter⸗ wegs auf einen Utok, d. h. einen bei einer Oeffnung im Eiſe lie⸗ genden Seehund, ſo macht er Halt und beginnt die vorſichtige Jagd, während deren Dauer die Hunde mäuschenſtill liegen, da⸗ mit das Jagdthier nicht aufgeſtört wird und ihnen der beſcheidene Beuteabfall entgeht. 8.

[VIII. Jahrg.