Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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noch langhallende Schüſſe und beſtätigten die Sieges⸗ kunde, über die man gern noch nähere Nachrichten gehört hätte.

Da ſprengte ein Lützower Jäger heran. Es war jener befreundete Camerad, der in der Nacht das Briefchen über⸗ bracht hatte, und jetzt mit einer Ordre verſandt war. Er ſtutzte, er ſtaunte, er frug, und wie er ſich orientirt hatte, ſprang er vom Pferd, umarmte, küßte und beglückwünſchte den Freund und drückte im Uebermaß der Gefühle auch die junge Jägerin an ſein Herz.

Glücklicher Camerad, ſprach er,wir haben einen ſchönen Sieg erfochten, aber Du den ſchönſten, indem die Geliebte ihr Leben für Dich wagte und ihr edles deutſches jungfräuliches Herz für Dich in die Gefahren einer Schlacht trug. Wir haben noch eine Heldin in der Armee entdeckt, die in den Reihen unſerer Bataillone ein Carré ſtürmte. Sie heißt Prohaska, aus Potsdam; leider iſt ſie ſchwer verwundet und wird nach Dannenberg getragen. Maucher brave Camerad liegt auch todeswund auf dem Schlacht⸗ felde.

Er erzählte ihnen nun den Hergang der Schlacht, und daß das feindliche Corps faſt vernichtet, daß Pechereux nur mit wenigen Reſten in die Waldungen ſich gerettet, aber ſtets ritterlich ſich gewehrt und gekämpft habe.

Kaum hatte er geendet, als Stimmen aus dem Walde erſchallten, die die Namen Heinrich und Louiſe riefen. Es war Fritz, der den Vater heranführte.

Dieſer eilte auf die Geretteten zu und hielt ſie ſchweigend umſchloſſen, während Thränen der Freude und Rührung reichlich über ſeine Wangen floſſen, die keinen Vorwurf gegen die Tochter zuließen.

Einen glücklichen, ſeligen Abend verlebte die Familie im Förſterhaus, denn heiter und behaglich iſt immer der Zuſtand nach einer glücklich überſtandenen großen Unruhe

Uovellen-Zeitung.

[VIII. Jahrg.

In der Frühe des Morgens ritt General Walmoden, der in der Nacht auf den Höhen vor der Göhrde gelagert hatte, beim Förſterhaus vorbei. Die That war ihm er⸗ zählt worden, und er hielt an mit ſeinem Gefolge und ließ

ſich die drei Jäger vorſtellen, die er höchlich belobte. Er

nahm auch einen Morgenimbiß an, und beim Abſchied ſchüttelte er Allen die Hände und küßte den muthigen Fritz, den er in gutem Andenken behalten wolle. Zu Louiſe aber ſprach er mit freundlichen Worten:Du brave tapfere Jägerin ſollſt von mir den Lohn erhalten, daß Du für Deutſchlands Freiheit an der Seite des Geliebten ge⸗

kämpft haſt. Die beſte Oberförſterſtelle ſollſt Du ihm als

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Brautſchatz mitbringen Und er hielt Wort. glückliches Paar.

Heinrich und Louiſe wurden ein

Ludwig Uhland.

Wohl nirgends wird unter Stillſchweigen der Tod unſers großen Sängers vorübergehen. So manches warme Nachwort iſt ihm gewidmet, im Innern des deut⸗ ſchen Herzens oder öffentlich. Unter den letztern empfiehlt ſich eine Zuſammenſtellung, welche H. Albrecht in ſeinem Unterhaltungsblatt mittheilt.

Am Abend des 13. November iſt der Beſten einer un⸗ ſeres Volkes heimgegangen in die Wohnungen des Frie⸗ dens; der Beſten einer in warmer Liebe und Treue für das Vaterland und für die Nation, der Beſten einer in Biederkeit und in Unbeugſamkeit der Geſinnung und des

und Gefahr.

Charakters, der Beſten einer in der Begabung, ſein Volk

dem Rückblicke auf die großen Trauerſcenen der Vorzeit, und der Gegenſtand ſeiner vertraulichen Geſpräche betraf nur den freiwil⸗ ligen Tod, welchen die größten Männer des Alterthums ſtets der Schmach vorgezogen. Mit Unruhe und doch mit kaltem Blute zer⸗

gliederte ſein Geiſt die widerſprechendſten Meinungen und Beiſpiele.

Plötzlich, in der Nacht vom 12. zum 13. April(1814) ward die Stille der langen Schloß⸗Vorſäle durch eine ſeltſame Unruhe

geſtört. Die Diener liefen haſtig auf und ab, die Kerzen der innern

Gemächer wurden angezündet man klopft an die Thür des Doctors Yvan, man weckt den Großmarſchall Bertrand, ruft den Herzog von Vicenza und den Herzog von Baſſano. Alle kommen und werden zum Schlafzimmer des Kaiſers geführt. Umſonſt lauſcht die Neugierde mit geſpitzten Ohren ſie vernimmt nur Seufzen und Schluchzen plötzlich kommt der Doctor Yvan her⸗ aus, läuft eiligſt in den Hof, beſteigt ein Ordonnanzpferd und fliegt im Galopp davon. Die ſchwärzeſte Finſterniß bedeckt das Geheim⸗ niß dieſer Nacht mit ihrem Schleier.

Zur Zeit des Rückzuges von Moskau hatte ſich Napoleon Gift verſchafft, um nicht lebendig in die Hand des Feindes zu ge⸗ rathen. Der Wundarzt Yvan hatte ihm einen kleinen Beutel mit einer Opiummiſchung(derſelben, welcher ſich Condorcet bediente) gegeben, den er zu jener Zeit an ſeinem Halſe trug und jetzt in einem geheimen Fache ſeines Pultes verborgen gehalten hatte. Der Kammerdiener Napoleons, welcher in ſeiner halboffenſtehen⸗ den Thüre ſchlief, hatte gehört, daß der Kaiſer aufſtand, hatte ge⸗ ſehen, daß er etwas in einem Glaſe Waſſer auflöſte, es trank und ſich dann wieder zu Bette legte. Bald nachher hatte der Schmerz Napoleon das Geſtändniß ſeines nahen Todes ausgepreßt, und er ließ ſeine vertrauteſten Diener rufen. Nan, als er hörte, was

vorgefallen, und daß Napoleon ſich über die langſame Wirkung beklagte, verlor den Kopf und machte ſich aus dem Staube. Der Kaiſer klagte über Mattigkeit, gerieth in Schweiß und die Schmer⸗ zen hörten auf. Napoleon hatte entweder eine zu geringe Doſis genommen, oder das Gift war durch die lange Zeit unſchädlich ge⸗ worden im Erſtauen, daß er noch lebe, rief der Kaiſer:Gott hatte es nicht gewollt! und am Morgen ſtand er auf und kleidete ſich an, wie gewöhnlich; es ſollte der Vorfall der Nacht ein Ge⸗ heimniß bleiben.

Die Rückkehr Napoleons von Elba zeigte, wie wenig Recht Reer hatte, zu verzagen, und der Gedanke an den Selbſtmordverſuch im April 1814 hielt Napoleon wohl davon ab, ſich das Leben zu

nehmen, als er zum zweiten Male die Krone verlor. 9.

Zur Culturgeſchichte. Ruſſiſche Bettlerinduſtrie.

Das Raffinement und der Umfang, mit welchem in Italien die öffentliche Wohlthätigkeit auf Straßen und in den Kirchen in Anſpruch genommen wird, ſind bekannt; doch dürften ſie von Rußland in den Schatten geſtellt werden. DerNuſſiſche In⸗ valid erzählt: In Moskau exiſtiren circa 40,000 Bettler von Profeſſion, deren Hauptgewerbeſtätte der Goſtinnoi⸗Dwor iſt. Da wandeln

Weiber mit Säuglingen umher, Abgebrannte, für Rekruten ſam⸗ melnde Individuen, aus Krankenhäuſern Entlaſſene; zudring⸗ licher und unverſchämter aber als alle Uebrigen treten verab⸗ ſchiedete Beamte und Militärs auf, mit den ausgeprägteſt⸗