Jahrgang 
27-52 (1862)
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dem Laden ſeiner Büchſe beſchäftigt war, aber ihn nicht ſah. Ha, dachte er, der wird's geweſen ſein; er wollte ſich ihm nähern, aber neuer Hörnerklang und Hurrahruf ertönte. Vorwärts ſtrebte Alles, und Jeder hoffte auf den Augenblick der Siegesluſt. Im Pulverdampfe ver⸗ ſchwanden die Geſtalten der Cameraden nah und fern, und Keiner konnte mit dem Anderu reden.

Die feindlichen Schützen waren bis an den Rand des Grabens getrieben, der den Wald umgab. Hier entwickelte ſich noch ein hartnäckiger Kampf, aber die braven Lützower warfen ſtürmiſch die Feinde in den Graben, und überſtie⸗ gen ihn dann als Sieger. Man ſammelte ſich wieder beiderſeits zum Angriff und zum Widerſtand; die Kugeln flogen noch hinüber und herüber.

Den Jägern ſchlug das Herz voll glühender Hoffnung,

denn ſchon verkündete der Kanonendonner und das Ge⸗ wehrfeuer das Toben der Hauptſchlacht; ſie ſahen Tetten⸗ borns Infanterie im Sturmſchritt zum Angriff vorrücken. Aber unſere Jäger ſtutzten plötzlich, denn General Pechereux hatte einen Trupp ſeiner leichten Reiter den fliehenden Scharfſchützen zu Hülfe geſchickt, um die verfolgenden Lützower zu werfen und den Rückzug zu decken. Sie ſprengten plötzlich ſeitwärts heran, mit einer Schwenkung attakirend; die Jäger aber ſchloſſen ſich ſchnell in Linie und hielten ihnen die geladenen Büchſen entgegen, deren im rechten Augenblick gegebenes Feuer die Reiter ausein⸗ anderſprengte.

Borwärts ging es wieder in einzelnen Zügen; die Büchſen wurden ſchnell geladen, und die Jäger vertheilten ſich bei der Verfolgung. Auch die Fliehenden ſchickten noch Kugeln zurück. Eben war Heinrich einige Augenblicke hinter den Cameraden zurückgeblieben, da er mit dem Laden ſeiner Büchſe beſchäftigt war. Mehrere eilten mit der friſchen Ladung raſch an ihm vorüber.

Plötzlich ſauſte aus dei Gewirr und Pulverdampf eine Kugel heran und ſchlug in Heinrich's Arm; die Büchſe

Uovellen-Zeitung.

[VIII. Jahrg.

fiel zur Erde; die Erſchütterung war ſo groß, daß er auf ein Knie niederſank.

Er hörte einen franzöſiſchen Fluch aus rauher Kehle, und wie er den Blick wandte, ſah er einen verſprengten Chaſſeur, der den Cameraden nacheilte, ſein Pferd ſchwen⸗ ken und mit gezogenem Säbel auf ihn losſtürmen. Er war außer Stande, ſich zu vertheidigen; das Blut ſchoß von dem rechten Arm herunter; er erhob die Büchſe mit dem linken; aber er war in der Gewalt des zorntobenden wilven Reiters.

Da ſchallte ein durchdringender Schrei des Entſetzens in ſein Ohr; ein junger Jäger warf ſich auf ihn und deckte ihn mit ſeinem Leibe; aber in demſelben Augenblicke, wo der blitzende Säbel über ſie Beide geſchwungen wurde, knallte hinter ihnen ein Schuß; der Reiter ſtürzte todt vom Pferde mit Waffeugeraſſel, und ein Jäger ergriff das ſchnaubende Thier als ſeine Beute. Dann wandte er ſich raſch um und ſprach jubelnd:Den habe ich Euch im rechten Augenblick abgewehrt; der hätte Euch ſchön her⸗ hacken ſollen, wäre ich nicht mit meiner guten Büchſe glück⸗ lich zur Hand geweſen!

Heinrich hoh ſein Haupt in die Höhe und ſprach: Fritz, mein Fritz, Dich hat Gott geſendet! dann be⸗ trachtete er den theilnehmenden Cameraden, der ſich hin⸗ opfernd auf ihn geworfen und ihn noch immer feſt in den Armen hielt. Mit hochſchlagendem Herzen ſprach er: Louiſe!

Aber das war zu viel der Ueberraſchung für einen Verwundeten, der auf dem Schlachtfeld liegt; es wurde dunkel vor ſeinen Augen, ſein Haupt ſank zurück.

IX.

Ja, es war Louiſe, Heinrich's Geliebte. Das enthu⸗ ſiaſtiſche Mädchen hatte im Kampf der Liebe und Sehn⸗

ſucht, in der Angſt um den Theuren, der in den heißen

ziehung erinnern ſie an die tanzenden Derwiſche des Orients, und

verſammeln ſich gleich dieſen an gewiſſen Feſttagen in heiligen Häuſern zur Ausübung gewiſſer religiöſer Gebräuche. Sie glau⸗ ben durch ihre Verehrung für Sidna Eiſer weit über die Grenzen der menſchlichen Vernunft hinausgerückt zu werden. Sie verſetzen ſich in Ekſtaſe, und während ſie in derſelben befangen ſind, wäh⸗

nen ſie, in wilde Thiere, namentlich in Löwen und Tiger, oder

auch in Hunde verwandelt zu ſein, und ahmen das Gebrüll und

Gebell derſelben nach. Sie rufen dieſe Verzückung theils durch

Haſchiſch hervor, theils durch die Kikpflanze, welche ſie rauchen. In ſolchem Zuſtande werden ſie manchmal, zu Zweien aneinander gekettet, in den Straßen umhergeführt; ihr Emkaden, Oberhaupt, reitet voraus. Sie heulen dann ganz fürchterlich und machen wunderſame Sprünge. Dann und wann wird ihnen ein lebendi⸗ ger Hammel vorgeworfen, den ſie auf der Stelle zerreißen und roh verzehren. Wenn es ihnen gelingt, ſich der Ketten zu entledigen, fallen ſie wie raſend über Juden und Chriſten her. Vor ein paar Jahren riſſen ſie auf offener Straße ein Judenkind in Stücke. Ich ſelber wurde einmal von einem ſolchen Fanatiker angefallen, be⸗ arbeitete ihm aber mit meinem Gehſtocke den Schädel ſo unbarm⸗ herzig, daß er zur Beſinnung kam und in eine nahe Bude lief, wo er dann ſogleich grünen Kohl verſchlang.

Dieſe lebendige Schilderung eines Augenzeugen, welche die vortreffliche ZeitſchriftGlobus, unſern Leſern ſchon wieder⸗ holt empfohlen bietet, erinnert lebhaft an ähnliche Erſcheinungen von den indiſchen Jongleurs oder tanzenden Derwiſchen, von denen früher in unſerem Blatte ſchon erzählt worden iſt. 9.

Aus der Gegenwart.

Das Wachsthum Londons.

Die Zunahme der Bevölkerung der eigentlichen Stadt Lon⸗ don, Dii uh als 400,000 Häuſer enthält, beträgt in den letz⸗ ten zehn Jahren im Ganzen 440,798 Köpfe, jährlich aber etwa 70 80,000 Menſchen, die nach Londoner Bauart und Gewohn⸗ heit 10 11,000 neue Häuſer erfordern. Die Größe dieſer Bevöl⸗ kerung und dieſer Zunahme erſcheint im erſten Augenblick unbe greiflich, denn nicht nur iſt es an und für ſich ein faſt unerhörte Verhältniß, daß eine Hauptſtadt den zehnten Theil der Bevölkerung eines Reiches enthalte, und noch mehr, daß ſie die Hälfte der ſähr⸗ lichen Zunahme der Geſammtbevölkerung für ſich anſpreche. ſes ſcheint um ſo ſonderbarer, wenn man die Abneigung der Eng d der gegen London kennt. In Frankreich iſt es der erſte Wunſ eines jeden Menſchen, in Paris zu wohnen, und nur die Anmög⸗ lichkeit hindert ihn, dieſen Wunſch auszuführen; in London iſt e der erſte Wunſch eines Jeden, auf dem Lande zu wohnen; hat a ſich bereichert, ſo kauft er einen großen oder kleinen Landbeſit und kommt nur zu Geſchäften oder auf einige Wochen in der zueiſchen Zeit im Frühjahre in die Stadt; hat er es aber noch nicht ſanen gebracht, ſo ſucht er wenigſtens einige Stunden außerha 2 Stadt zu wohnen. Aber die Anziehungskraft des Reichthum 3 und der Macht dieſer unbegreiflichen Stadt, die Größe der mate⸗ riellen und moraliſchen Intereſſen, die hier ihren Mittelpunkt fi den, die Thätigkeit des Handels und die Leichtigkeit, Arbeiten al 4 Art hier obzuliegen, ſind ſo übermächtig, daß ſie nothweßdis vin Tauſende von Menſchen aller Art hierher führen. Dazu kommi,