Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
820
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große Sache feurig begeiſterten Louiſe, dem herrlichen Mädchen.

Die Begeiſterung ſeiner Rede ſtieg aber, und Alle maßen ihn mit wohlgefälligen Blicken. Sie ſahen wohl und bemerkten, wie nahe ihm die Familie, und beſonders die begeiſterte Jungfrau, ſtand. Fragen ſchwebten auf ihren Lippen, die ſein Herz völlig öffnen ſollten. Aber das Geſpräch wurde durch ein lauthallendesWerda un⸗ terbrochen. Alle ſprangen auf, befreundete Antwort folgte; aber Hufgeſtampf ertönte, und bald ſprangen drei reitende Jäger, die vom Förſterhaus kamen, freudig grüßend von ihren Pferden.

Ein Hurrah und Willkommen antwortete, und der Wachtmeiſter ſprach:Vorerſt verkündige ich Euch die ernſte Ordre des Dienſtes. Vor Tage gilt's in einem Eilmarſch ſich an unſer Corps anzuſchließen, das die Feinde bereits aus der Göhrde hinausgejagt hat und am Walde bivouakirt. Das Corps der Franzoſen ſteht bei Oldendorf in Schlachtordnung. Von wem der Angriff erfolgt, wo und wann, das iſt morgen die Sache unſerer Generale; aber ein ernſter Zuſammenſtoß iſt gewiß. Drei Stunden wollen wir ruhen, und dann aufbrechen zu Kampf und Sieg.

Begeiſtert und mit feurigen Worten bejahten es Alle und ſchwuren hoch, zu ſiegen oder ehrenvoll zu fallen für das Vaterland.

Recht ſo, ſprach der Wachtmeiſter;das iſt Parole und Feldgeſchrei der Lützower Schaar, die nur Brave in ihre Reihen aufnimmt. Aber nun habe ich noch eine friedliche und gemüthliche Botſchaft. Ich komme da aus dem Förſterhaus an der Göhrde von der bravſten Familie, welche braver Jäger gedenkt; die ſchickt Euch einen Imbiß und einen Labetrunk, den wir auch dort genoſſen haben. Herunter mit den Würſten und Flaſchen! die erfriſchen das Soldatenherz in kalter Nachtluft.

Seine Begleiter löſten das Gepäck vom Sattelknopf,

Uovellen-Zeitung.

[VIII. Jahrg.

und fröhlicher Jubel heiterer Luſt ertönte über dieſe will⸗ kommene Ueberraſchung.

Aber der Wachtmeiſter erzählte ihnen, während ſie ſich labten, Alles, was ſich dort zugetragen, wie die gute Familie in großer Gefahr geweſen, wie das feindliche Geſindel zur glücklichen Stunde von den braven Jägern vertrieben, und ihm auch noch zu rechter Zeit das aufgetragene Ves⸗ perbrod aus den Zähnen geriſſen worden ſei.

Heinrich, der mit größter Spannung, bald von Freude, bald von Angſt bewegt, der Erzählung des Freundes ge⸗ horcht hatte, fiel ihm jetzt mit Ungeſtüm um den Hals und drückte ihn an ſeine Bruſt.

O, welch Glück, rief er,daß die gute liebe Familie durch brave Cameraden gerettet wurde! Wie ſchlägt ihnen mein Herz vom glühendſten Dankgefühl! Es ſind die Meinen, denen ſie zu Hülfe kamen; es iſt mein Haus, meine Familie, mein Alles. Nun iſt mir's klar, wie eine dumpfe Ahnung mich ſeit Stunden quälte.

Auch mir iſt's klar, verſetzte der Wachtmeiſter, denn man frug nach Dir, wie nach dem theuerſten Sohn und Freund, und daß ein Herz dort ganz beſonders warm und innig für Dich ſchlägt, wird Dir dieſe Depeſche be⸗ weiſen, die von ſchöner Hand für Dich mir anvertraut wurde.

Heinrich griff raſch nach dem ihm vorgehaltenen Brief⸗ chen, und Jener ſprach lächelnd:Kennſt Du die Hand⸗ ſchrift? bin ich nicht ein willkommener Bote? Aber Du biſt doch ein Verräther! Wir glaubten, Dein Herz gehöre ganz und gar uns, den Cameraden, und nun müſſen wir es mit einem hübſchen Mädchen theilen. Aber beruhige Dich; wir gönnen Dir Dein Glück, Du haſt Ehre davon. Es iſt eine ſtolze, herrliche Jungfrau und Deiner werth. Möge ſie Dich morgen als Sieger begrüßen und um⸗ armen!

Heinrich, der ihm den Brief entriſſen hatte, las ihn ſchnell bei der Flamme des Wachfeuers. Es waren nur

Feuilleton.

OSee

Die marokkaniſchen Schlangenbeſchwörer.

Die Araber im Gebiete des Kaiſers von Marokko wiſſen viel von gewaltigen Schlangen zu erzählen, welche in der Provinz Sus in ſolcher Menge vorhanden ſeien, daß die Karawanen manchmal Nebenſtraßen einſchlagen müßten, um ihnen aus dem Wege zu gehen.

Gewiß iſt, daß aus jener ſüdweſtlichen Provinz alle die ſo⸗ genannten Eiſowys kommen, welche das Geheimniß kennen, mit giftigen Vipern zu hantiren und von denſelben nicht gebiſſen zu werden. Davon überzeugte ſich Richardſon in der Stadt Mo⸗ gador.

Eines Morgens ſah er auf dem Marktplatze vier Eiſowys; drei derſelben waren Muſikanten und ſpielten auf einem Rohr, das der Flöte glich, melancholiſche Weiſen. Wir luden ſie ein, ſo erzählt Richardſon, uns ihre Schlangen zu zeigen, und ſie waren gern dazu bereit. Sie erhoben zuerſt ihre Hände ſo, als ob ſie in denſelben ein Buch hielten, murmelten gemeinſchaftlich ein Gebet und riefen Sidna Eiſer an, welcher in Marokko für den Schutz⸗ patron der Schlangenbeſchwörer gilt.

Nachdem Sidna Eiſer angerufen worden war, begann die

Muſik, und der Beſchwörer ſing zu tanzen an. Er drehte ſich raſch um einen aus Binſen geflochtenen Korb, der mit einem Zie⸗ genfelle bedeckt war. In demſelben befanden ſich die Schlangen. Plötzlich blieb er ſtehen, ſteckte den nackten Arm in den Korb und zog eine Cobra Capella hervor, die er drehte und wickelte wie einen Turban. Während er abermals den Tanz begann, wand er die Schlange um ſeinen Kopf, und ſie ſchien Alles, was er wollte, zu thun; ſie behielt allemal die Lage, welche er ihr gab. Nachher legte er ſie auf die Erde; ſie hob ſich empor, wiegte ſich hin und her und folgte den Bewegungen, welche er ihr vormachte.

Der Eiſowy drehte ſich abermals raſch mehrmals um ſich ſelbſt, ſteckte den Arm wieder in den Korb und zog zwei äußerſt giftige Schlangen hervor; in Sus nennt man dieſe Art Leffa. Ihre Haut iſt gemarmelt und ſchwarz gefleckt; ſie hat einen dicken Leib, wird aber nur zwei bis drei Fuß lang. Dieſe beiden Leffas waren nicht ſo gut abgerichtet als die Cobra und viel hitziger als dieſe. Sie ringelten ſich gegen den Eiſowy an, ſperrten den Rachen auf und ſprangen wie ein Blitz gegen ihn los; aber ihr Schwanz blieb unbeweglich, und bald ringelten ſie ſich zuſammen. Der Mann wehrte ihre Angriffe gegen ſeine Beine mit dem wollenen Leibſchurz ab, welcher das Gift der Leffas aufnahm.