Das Treffen an der Göhrde.
Novelle aus den Freiheitskriegen von
Dr. Paul Wigand.
(Schluß.) VII.
Eine ſtille, tief dunkle Herbſtnachſt umgab das Lager⸗ feuer, welches die Vorhut der Tettenborn'ſchen Truppen an einer kleinen buſchigen Hügelwand, unfern der Uelzer Straße angezündet hatte, um da einige Stunden zu ruhen und Kräfte für den morgenden Tag zu ſammeln, der, wie ihnen eine leiſe Ahnung ſagte, ein bewegter und wichtiger für ſie werden ſollte. Wachſame Poſten waren auf der Straße ausgeſtellt; Patrouillen kamen zurück und melde⸗ ten, daß ringsum tiefe Stille herrſche, und daß man nach Norden hin, wahrſcheinlich auf der Lüneburger Straße, die Wachtfeuer der Feinde ſehe, aber kein Fußtritt, kein
Hufſchlag ſei in ihre Ohren gedrungen.
„Setzt die Büchſen zuſammen,“ ſprach der Oberjäger, „Torniſter ab! Wir wollen uns um das Feuer lagern; die Nacht iſt kühl. Alle ſuchten ſich ein warmes Plätzchen, ſuchten auch noch die Brodreſte zuſammen, die ihre Abend⸗ koſt ausmachten. Nur Wenige hatten noch einen kräftigen Schluck in ihren Flaſchen übrig.— Heinrich lagerte neben ſeinem trauten Freunde, dem Oberjäger Hermann, einem Landsmann. Man unterhielt ſich, wie Soldaten es pfle⸗ gen, vom Krieg und den Ausſichten auf beſſere Zeiteu. Die jugendlichen Herzen ſind leicht entzündet für Kampf⸗ luſt und Thatendurſt, wallen leicht über in Zorn und Lei⸗ denſchaft, und ſo äußerte ſich denn auch hier in großer Heftigkeit der Zorn gegen die Franzoſen, die das deutſche Vaterland gedrückt und ausgeſogen, unter deren Geißel die braven Deutſchen ſo Vieles hätten erdulden müſſen.
„Welche Schande,“ ſprach Heinrich,„daß dieſe Welt⸗ ſtürmer uns die ſchönſten deutſchen Länder raubten, unſere herrlichen Hanſeſtädte beherrſchten, und mitten im Herzen Deutſchlands eine franzöſiſche Wirthſchaft aus ſolchen Kernländern, wie Hannover, Braunſchweig, Heſſen und Weſtphalen zuſammenſetzten! Welch ein Leben hat dieſer gelbe Corſe in Caſſel geführt, wo er Mark und Saft der Lin deßi den Bacchanalien ſeines Hofes vergeudete! Hin⸗ aus mit ſolchem Geſindel!“
„Das Schlimmſte iſt,“ fiel der Oberjäger ein,„daß
Dritte Folge
das Verderben ſchon anſteckend wurde und um ſich fraß. Bin einmal in Caſſel geweſen und habe den Gräuel mit angeſehen; zermalmt war mein reines Saſſenherz. Da gab's Lumpengeſindel genug, das ſich im Hofdunſt gefiel, Kriecher und Speichellecker, Betrüger und Spione, auch Edelleute, die, um an dieſem Hofe zu prunken, das Erbe ihrer Ahnen vergeudeten.“
„Giftpflanzen und Pilze,“ verſetzte Heinrich,„gibt's überall, mein Hermann, wo die lockenden Strahlen der Hofgunſt den Egoismus wecken und freie Männer zu Sclaven bilden. Hinaus auch mit dieſem Geſindel! rufe ich noch einmal. Der Kern des Volkes iſt noch echt und rein geblieben; die kräftigen deutſchen Naturen ſchütteln das für ſie ſo unnatürliche franzöſiſche Weſen bald wieder ab. Sind nicht alle Herzen jetzt entflammt in Liebe zum Vaterland und in glühendem Zorn gegen die Dränger? Wo wir hinkommen, jubelt das Volk uns zu, ſchwärmt für das Glück unſerer Waffen, und jeder Sieg führt Tauſende in unſere Reihen. Alle Wafefenfähigen ſchließen ſich uns freudig an, während ſie den Feinden, da wo dieſe noch die Herrſchaft führen, auf jede Weiſe zu entkommen ſuchen, um unter die ehrenvollen Fahnen des Vaterlandes ſich zu retten.“
„Ja,“ erwiderte Hermann,„das iſt ein Beweis echten
patrioliſchen Gefühls, deutſchen männlichen Sinnes, daß ein und derſelbe Geiſt des Zornes und feſten tapfern Ent ſchluſſes Alle ſo plötzlich beſeelt hat. Selbſt in den Frauen und Mädchen regt ſich nicht nur glühender Enthuſiasmus, ſondern auch wirkliche Kampfluſt; ſie möchten Heldinnen werden. Ich wollte keinem jungen Geſellen rathen, ſeinem Mädchen zu ſagen, er werde daheim bleiben und die An— dern die Sache ausfechten laſſen.“ .„Kenne Eine,“ fiel ein Jäger ein,„in meinem Orte, die hat ihrem Liebhaber ſogleich entſagt, weil er für die große und heilige Sache nichts fühlte und ſich den Frei⸗ willigen anzuſchließen Bedenken trug.“
„Wohl ein ſeltener Fall,“ verſetzte Jener,„deun überall drängt ſich die Jugend zum Waffendienſt. Selbſt Knaben werden Männer. O, wie hat es mich gerührt, mein lieber Heinrich, wie Dein wackerer Zögling, dieſer herrliche Junge, mit ſeiner Büchſe da angezogen kam und in früher Morgenſtunde ſich zum Streiter für das theure Vaterland, für Freiheit und Ehre weihte und das liebe Vaterhaus verließ! Aus ſolchen Kindern werden Männer, wie ſie Deutſchland braucht.“
Heinrich freute ſich des Lobes, als ob es ihm ſelbſt gelte, denn es war ja der Bruder ſeiner Louiſe. Er er⸗ zählte den Cameraden von der wackern Fanillie, dem treff⸗ lich geſinnten Vater, der braven Mutter und der für die


