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„Müller,“ hieß es endlich,„trag uns etwas vor, ſing' mal das Lied vom Kaiſer Alexander.“
„Muß ich denn immer und ewig die Koſten der Unter⸗ haltung allein tragen?“ fragte er im Tone künſtlicher Ge⸗ reiztheit; dabei warf er einen Blick auf die übrigen uns unbekannten Gäſte, und das Verlangen blitzte aus ſeinen Augen, ſich vor dieſen als Perle unſeres Kreiſes in ſeiner ganzen Bravouv zu zeigen.
„Ja wohl, Müller, Niemand kriegt ſo die Force raus, wie Du.“
Das war's, was er hören wollte. denn.“
Um den Effect für uns zu variiren und ihn für die Fremden anſchaulicher zu machen, kletterte er mit Hülfe des Kellners auf ein mächtiges Faß, auf welchem er ſich rittlings niederließ; alsdann begann er ſeine Geſangs⸗ ſcene.
Ich weiß nicht, wie es kam, keiner von uns lachte, und die Fremden noch viel weniger; um ſo mehr Mühe gab ſich aber der oben auf dem Gebinde, hochroth färbte ſich ſein Geſicht, Schweiß perlte ihm von der Stirn, aber kein Famos, kein Bravo belohnte ſeine Kunſtleiſtung, eine ge⸗ drückte Stille lag auf der ganzen Geſellſchaft.
Heftig kaute Müller ſeinen blonden Schnurrbart, ein ſicheres Zeichen ſeiner Verlegenheit, und obwohl er am beſten gethau hätte, ſich ruhig zu uns herunter zu verfü⸗ gen, ritt ihn doch der Teufel, die erlittene Scharte durch eine zweite Production:„wie ſich der ſiebenjährige Krieg angefangen hat,“ auswetzen zu wollen.
Aber„war'ſch mer ſchon ſchlecht, ward mer'ſch erſt
ſchlecht,“
„Meinetwegen
eine Phraſe, beiläufig geſagt, die in dieſer Erzählung häufig vorkommt; dem früheren Stillſchweigen folgten unverhohlene Aeußerungen des Mißfallens ſeitens der
Müller hätte um's Haar ſeinen nicht unbeträchtlichen Schnurrbart hintergeſchluckt, ſein Geſicht changirte von Roth zu Blaß und gewann einen verzwickt wehmüthigen Ausdruck, etwa wie das jenes Affen, der ſein Haupt zu tief in die Syrupstonne getaucht hatte. Um ihn der peinlichen Lage zu entreißen, erhoben wir uns zum Aufbruch, gaben uns aber vergebliche Mühe ihn mitzubekommen; hart⸗ näckig blieb er auf ſeinem Faſſe, wo er ſich ungeheuer ſchlau zu befinden vorgab und auf dem wir ihn denn wohl oder übel in Geſellſchaft der Fremden zurücklaſſen mußten.
Noch eine gute Stunde nach der Rathhausuhr hatte er— ohne Hülfe konnte er nicht vom Faſſe her⸗ unter— höhniſch belächelt, in dieſer Situation zugebracht, ein blamirter Bacchus mit leerem Glaſe.
Dafür flehte er andern Morgens alle Rachegeiſter an, jeden von uns mit verſengendem Blitzſtrahl zu vertilgen, erbot ſich bereit, uns auf Stempelpapier zu beſcheinigen, daß wir ſammt und ſonders erbärmliche Kerle wären, und ſchwur bei den Gebeinen ſeiner ganzen verſtorbenen Ver⸗ wandtſchaft, uns nie wieder einen Vortrag zu halten, ein Eid, den er acht Tage getreulich hielt.
Guter Müller! lange ſchon ſchläfſt Du den letzten Schlaf, zu dem Dich der Tod in Geſtalt eines gelinden Schlages abrief.
Friede Deiner Aſche!
Eine andere Perſönlichkeit, mit der ich ſogar mehrere Jahre in engerer Freundſchaft lebte, war ein gewiſſer R. Nicht allein, daß wir zuſammen wohnten, ein edler Com⸗ munismus, der nur für mich ſeine heiklige Seite hatte, er⸗ ſtreckte ſich bei uns bis auf Cigarren, Haaröl und Seife. R. hatte ein gutes Herz, er kleidete den Nackten, ſpeiſte den Hungrigen und tränkte den Durſtigen, wenn er ſelbſt nämlich der Letztere war, und um mich von dieſem Gott wohlgefälligen Werke nicht auszuſchließen, ließ er mich meiſtens die Koſten tragen, was mich freilich in meiner
Fremden.
derzeitigen Lage nicht genirte.“Außer der unangenehmen
ſetzen. Als auf dieſe Art ein— deutſches Manuſcript fertig ge⸗ worden iſt, bietet Sealsfield es Orelli in Zürich an. Der druckt es, das Buch gefällt, wie es in Deutſchland nicht anders voraus⸗
zuſehen war, und Sealsfield iſt Schriftſteller in einer Sprache, die
er eben erſt zu ſprechen beginnt.
Seitdem hat er ſie nicht nur gelernt, ſondern bediente ſich ihrer faſt ausſchließlich. Selten habe ich ihn Engliſch ſprechen hören, und dann that er es nicht gern. Im Ganzen liebte er die Engländer, wie die Amerikaner ſie lieben, und was ſeltſam iſt— von allen Engländern, die ich noch fragte, hatte keiner auch nur ein einziges Buch von Sealsfield geleſen, ja, ſie kannten nicht ein⸗ mal ſeinen Namen.
Munderlich, altjunggeſellenhaft und— proſaiſch, wie Seals⸗ field in ſeinem grünen Rock, mit ſeiner blauen Brille ausſah, hatte er in ſeinem thätigen, praktiſchen Leben doch auch einen Traum gehabt, einen Traum und eine Trauer, ſo poetiſch, wie nur ein Dichter ſie haben kann.
Der Verwandte, von dem Sealsfield ſein Land gekauft hatte, war nicht nur Oberſt bei den Milizen, ſondern auch Vater eines lieblichen Mädchens von achtzehn Jahren. Sie wurde Sealsfield’s Braut, bevor er auf ſeine Pflanzung ging, um dort ihr und ſich eine Stätte zu bereiten. Ein furchtbar ſchmerzhaftes Leiden, der Fingerwurm, hatte ihn ſeit Wochen am Schlafen verhindert, als er endlich eines Nachmittags auf dem Sopha einſchlummerte. Kaum iſt ihm dieſe Linderung geworden, ſo wird er durch eine ſeltſame Muſik erweckt, welche vom Fluſſe herzuklingen ſcheint. Halb noch vom Schlafe betäubt, eilt er an das Fenſter und ſieht auf dem Red⸗River eine weiße Geſtalt, welche ihm zulächelt, duftig dahin gleiten. Er ruft ſeinen Overſeer, der Mann hat die
Muſik auch gehört, die Geſtalt dagegen nicht geſehen. Eine uner⸗
klärliche Angſt um die Braut überfällt Sealsfield, krank, wie er iſt, ſteigt er auf das nächſte Dampfſchiff, fährt nach New⸗Orleans und findet die Braut auf der Bahre. Sie hat am Tage vorher eine Geſellſchaft geben wollen und bei den Vorbereitungen dazu ſich durch ihre dünnen Prünellſchuhe einen Splitter von dem Cypreſ⸗ ſenholz, aus welchem die Dielen beſtanden, in den Fuß getreten. Obgleich ſie ihn gleich herausziehen läßt, empfindet ſie doch ent⸗ ſetzliche Schmerzen und vermag kaum die Geſellſchaft über auszu⸗ halten. Der am Abend gerufene Arzt findet noch etwas von dem Splitter in der Wunde, und am nächſten Tage ſtirbt das ſchöne Mädchen an der Maulſperre, in demſelben Augenblicke, wo ſie ihr melodiſches Fahrewohl zu dem Verlobten hinüberwarf. So ge⸗ heimnißvoll dieſe Geſchichte auch klingt, ſo wenig machte Seals⸗ field ein Geheimniß daraus. Im Gegentheil, er liebte es, ſie zu erzählen, und zwar als Beweis für die Möglichkeit übernatürlicher Erſcheinungen.. Nach dem Tode der Braut bereiſte Sealsfield die Prairies und Texas und ging nach New⸗York. Sein Verluſt mochte es wohl geweſen ſein, was ihn vom Red⸗River weggetrieben hatte, wohin er nur von Zeit zu Zeit zurückkehrte, um nach dem Rechten zu ſehen. Als ich ihn kennen lernte, war er ſchon lange nicht dage⸗ weſen, und erſt im Herbſt 1856 hörte ich in Stuttgart, daß er ſich endlich wieder ein Mal zu der nothwendigen Reiſe entſchloſſen habe. Seither vernahm ich Nichts mehr von⸗ ihm. 9.
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