Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
810
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ſammt Deinem traditionellen Handlungsreiſenden begraben, der doch nur eine Mißgeburt Deiner kranken, wurmſtichi⸗ gen Phantaſie iſt.

Mildthätig, freigebig gegen Arme iſt der Reiſende ſtets, und wie er denn durch ſeine Beſchäftigung mit faſt allen Ständen in Berührung tritt, ſo lerut er manch bitte⸗ res Weh der Armuth kennen, und manche Thräne wird durch ihn getrocknet. Mag auch das ununterbrochene Rei⸗ ſen, der ewige Quartierwechſel bei ſeiner Thätigkeit, welche nicht gerade einen großartigen Geiſtesapparat bedingt ich ſage: bedingt, nicht ausſchließt die früher erworbe⸗ nen Kenntniſſe ein Gelindes ſeichter werden laſſen, ſo ruht doch auf der geſchickten Entfaltung ſeiner Kräfte, der ge⸗ wandten Ausbeutung ihm entgegentretender Verhältniſſe

soft das Wohl gar vieler Familien, vieler Arbeiter, deſſen er ſich gewiſſenhaft bewußt bleiben muß.

Allein ich erinnere mich, ich bin ja ſelbſt Einer vom Fach; wenn ich daher es bei dieſer kurzen Hindeutung auf die überaus glänzenden Tugenden unſeres Standes be⸗ wenden laſſe, ſo iſt der Grund nicht Mangel an Stoff, ſondern Beſcheidenheit.

Werfen wir lieber einen decenten Blick auf die uſance⸗ mäßige Liebe des Reiſenden.

Ich bin der reine Don Juan, aber ohne Muſik von Mozart, pflegte mein Freund J. oft zu ſagen, und dieſes bon mot läßt ſich auf viele andere Collegen deuten. Der commis voyageur liebt das ſchöne Geſchlecht en bloc, ohne überflüſſige Beimiſchung ſentimentaler Gefühle, ge⸗ laſſen, mit Vermeidung des beunruhigenden Herzens⸗Rie⸗ ſenaufſchwunges. Was ſeiner Liebe zur einzelnen Jung⸗ frau an Tiefe gebricht, gewinnt ſie an Weite, ein nicht zu unterſchätzender Vortheil. Seine erſte Liebe hat er äls Lehrling gewöhnlich glücklich überſtanden, iſt über thörichte Jugendſchwärmerei heraus und rückt bei einiger Luſt zur Sache leicht bis Nr. Neun oder Zehn ſeinererſten Liebe vor.

Uovellen-Zeitung.

[VIII. Jahrg.

Verfänglichen Fragen über ſeine Abſichten von Eltern der mit ſeiner Gunſt beehrten Dame weiß er auszuwei⸗ chen; werden ſie drängend, ſo zieht er ſich aus ſtrategiſchen Rückſichten zurück; heirathet er aber endlich, ſo huldigt er dabei dem von jenem großen jüdiſchen Weltweiſen gethanen Ausſpruche:Wir heiratheten nicht nach Liebe, nein, nach Moſums(Caſſe).

Sind die Reiſenden größerer Städte zu Haus, dann cultiviren ſie mit Vorliebe ein Verhältniß, was mau ſpe⸗ ciell mit den Worten bezeichnet:Sie gehen miteinander. Sie ſtrickt ihm Strümpfe, zeichnet und beſſert defecte Hemden aus, überraſcht ihn zu ſeinem Geburtstage oder Weihnacht regelmäßig mit einer geſtickten Cigarrentaſche, Alles unter dem Motto:Wenig mit Liebe.

Dagegen liebter ſie, ſo lange er am Platze iſt, treu und innig, ſorgt für nöthigen Kleiderbedarf, führt ſie zu Abendeſſen und Ball, ſchreibt ihr mitunter auch wohl von der Reiſe aus liebeduftende Briefe. Während der Winter⸗ ſaiſon florirend, erleidet dies Verhältniß im Sommer ge⸗ wöhulich eine kleine Stockung, ſintemalen es in dieſer Jahreszeit Abends zu unbequem hell iſt. Kündigt er ge⸗

legentlich den Liebescontract, oder findet ſich bei Zeiten ein

rettenderPotsdamer, der deutliche eheliche Abſichten verräth, ſo ſcheiden ſie ſonder Groll und bewahren ſich ein gegeuſeitiges freundliches Angedenken.

Die ſchöne Jugend verrinnt, der Reiſende wird älter, es iſt Zeit, daß er ſich nach einem eigenen Heerde umſieht. Geſchäftskenutniß, Bekanntſchaft mit den Kunden da drau⸗ ßen ſtehen ihm reichlich zur Seite, und ſo iſt er häufig, ſelbſt ohne Vermögen, ein willkommener Compagnon. Er tritt nach einer thatenreichen Sturm⸗ und Drangperiode in den Stand der heiligen Ehe, und si fabula vera, daß der⸗ jenige den beſten Ehemann abgibt, welcher ſich vorher die Hörner gründlich abgeſtoßen, ſo müſſen aus dem Kreiſe der Mercursherolde capitale Ehemänner, wahre Pracht⸗ exemplare hervorgehen. Wir verlaſſen ſie jedoch bei dieſem

des ganz dieſelbe abſolute weltliche Macht ausübten, wie ſie die⸗ ſelbe ſich über die Gewiſſen der Menſchen anzumaßen ſuchen, ſtand Paraguay von 1812 bis 1841 unter der despotiſchen Macht des Dictators Francia, der das Volk, das von den Jeſuiten mit Ru⸗ then gezüchtigt war, mit Scorpionen peitſchte und ſorgfältig dar⸗ über wachte, daß Paraguay mit dem Auslande nicht in die ge⸗ ringſte Berührung gerathen möchte, ja der ſogar den Europäern, die ſich im wiſſenſchaftlichen Intereſſe nach Paraguay gewagt hat⸗ ten, die Rückreiſe in ihr Vaterland nicht mehr geſtattete. Erſt ſeit ſeinem Tode geſtaltete ſich die Lage des Volkes freundlicher unter dem Präſidenten Don Carlos Antonio Lopez, der ſeit 21 Jahren ohne Unterbrechung an der Spitze des Landes geſtanden hat, weil er bei jeder erneuerten Wahl von dem Volke von neuem zum Prä⸗ ſidenten gewählt wurde. Die neueſten Journale vom La Plata beſtätigen den Tod deſſelben, der uns bereits vor einigen Tagen von Liſſabon per Telegraph gemeldet wurde, und der Mann ver⸗ dient wohl, daß wir ihm einige Worte widmen.

Der Präſident Lopez beſaß ganz dieſelbe abſolute Macht wie ſein Vorgänger, doch zu ſeinem Ruhme muß man ſagen, daß er weder Despot noch grauſam war, und daß er ſich gerade in dieſer Hinſicht von ſeinem Vorgänger ſehr vortheilhaft unterſchied. Seine Regierung war weit mehr eine patriarchaliſche, wie ſie ſich für ſein Volk, das von den Jeſuiten und dem Doctor Francia zu einem ſtrengen Gehorſam gewöhnt worden war, ganz vortrefflich eignete. Weit aufgeklärter als die Bewohner des Landes ging ſein Streben dahin, Paraguay die Fortſchritte der Civiliſation zu Theil wer⸗ den zu laſſen. Er ließ zwiſchen Aſſomption, ſeiner Hauptſtadt, und den wichtigſten Mittelpunkten der Production Eiſenbahnen erbauten, über die ſein Volk ſich anfangs ſehr wunderte, doch ſich

derſelben bald mit Nutzen bediente. Er führte die Dampfſchifffahrt auf dem Paraguay ein, und es gelang ihm ſogar, eine Werkſtätte in ſeinem Lande zu errichten, in welcher die nöthigen Dampfſchiffe erbaut wurden. Er ſah ſich zu verſchiedenen Zeiten mit Brafilien, Nordamerika und England in politiſche Streitigkeiten verwickelt, benahm ſich aber dabei ſtets ſo klug, daß dieſelben beigelegt wur⸗ den, ohne daß es zu einem Kriege kam. Lopez hat allerdings dem Volke keine Freiheiten gegeben, an denen demſelben auch gar nichts lag, aber ſeine Regierung war weder ſtreng noch unfruchtbar, und die von ihm eingeführten Verbeſſerungen werden ſeinen Namen für immer im Lande in Ehren erhalten. 5 Bei der letzten Präſidentenwahl, die von zehn zu zehn Jahr vorgenommen wurde, hatte er einen Augenblick den Gedanken, ſich von den Geſchäften zurückzuziehen und ſeinen Sohn Don Fran⸗ cisco Solano Lopez zum Präſidenten erwählen zu laſſen, und der Congreß von Paraguay, der ihm nichts verweigertebereitete ſich bereits darauf vor, ſeine Abſicht zu erfüllen, als er plötzlich andern Sinnes wurde und ſeinen Sohn beſtimmte, auf die Candidatur zu verzichten. Jetzt, wo er im Präſidentenſeſſel von dem Tode ereilt worden iſt, herrſcht ſein Wille doch noch fort. Er hat nämlich durch ſein Teſtament über die Regierung von Paraguay verfügt und ſeinen Sohn Francisco Lopez, allerdings nur proviſoriſch, zum Vicepräſidenten von Paragugy ernannt, und es unterliegt gar kei⸗ nem Zweifel, daß ſein letzter Wille ſtreng befolgt und der Vice⸗ präſident bald zum wirklichen Präſidenten ernannt werden wird. Sein Sohn hat bereits in einer an das Volk gerichteten Procla⸗ mation erklärt, daß er den ſchwierigen Poſten als Vicepräſident der Republik übernehme, um dem Willen des erlauchten Verſtor benen Folge zu leiſten, und er hat gleichzeitig einen Aufruf an da

wirn laß ſtig Geſc über.

digen Zeit