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Dritte Folge
Novellen-Zeitung.
Das Treffen an der Göhrde.
Novelle aus den Freiheitskriegen
von
Dr. Paul Wigand.
(Fortſetzung.) IV.
Vor Tagesanbruch war Heinrich gerüſtet; Bewegung und Unruhe herrſchten im Hauſe, bald frohe und bange Ahnungen, bald muthige Hoffnungen waren es, die die Herzen bewegten. Den jungen Jäger zog Pflicht und Dienſteifer hinaus, die Cameraden aufzuſuchen, während für die Trennung der Abſchied ihm ſo ſchwer wurde. Die Strahlen der aufgehenden Sonne glänzten aber über den düſtern Herbſtnebeln, die ſich durch den Wald wälzten; es half nichts, er mußte fort, wie auch das Herz ſich ſträubte.
Schweigend reichte er den Eltern die Hand; eine weh⸗ müthige Thräne zitterte in ſeinem Auge. Er ſah ſich um, ſeine Blicke ſuchten Louiſen, ſie hatte ſich entfernt; er frug nach ihr, und die Mutter ſprach:„Ich ſah ſie eben nach dem Garten gehen.“ Lebewohl, auf Wiederſehen, und ging raſch hinaus. So⸗ gleich erblickte er das geliebte Mädchen und eilte hin. Sie ſtand an der Pforte, die nach dem Fußweg und weiter nach der Straße führte, geſenkten Blickes und ihre Hände ge⸗ faltet. Sie wollte ohne Zeugen dem Liebſten das Ab⸗
ſchiedswort ſagen und hatte ihn hier erwartet.
„So willſt Du uns wirklich verlaſſen?“ ſprach ſie mit Thränen;„wer wird uns ſchützen und tröſten in dieſen
Tagen der Gefahr und Noth?“
„Ruft mich nicht die Pflicht, meine Theuerſte?“ erwi⸗ derte Jener.„Sei getroſten Muthes, wie immer! Der Sturm wird bald vorüberbrauſen, und Gott wird jenes friedliche Haus beſchützen.“
„Ach,“ ſprach Louiſe,„mein Herz iſt ſo voll ſchwerer Ahnungen. Es muß etwas Wichtiges, etwas Gefahrvolles bevorſtehen. Die Zukunft liegt dunkel in meiner Seele, die Trennung wird mir ſo ſchwer. Köunte ich nur immer bei Dir, in Deiner Nähe ſein, ich würde dann ruhiger, ge⸗
troſter mich fühlen, würde wieder Hoffnung, Muth und Zuverſicht im Herzen tragen.“
Die Worte des lieben Mädchens ſchnitten tief in die
Seele Heinrich's; er bot Alles auf, den Gleichmuth in
Jener ſchied mit einem herzlichen,
ihrer Seele wieder zu wecken; und ſo gingen ſie zuſammen bis an die alte Grenzeiche, wo der Fußpfad die Laudſtraße erreicht. Hier machten ſie Halt und ſahen ſich ſchweigend an; es war der Scheidepunkt.
„Wie manchmal,“ hob Louiſe wehmüthig an,„haben wir unter dieſem hohen ſchönen Baume ſo vergnügt ge⸗ ſeſſen; wie froh, wie glücklich, wie friedlich ſchlugen unſere Herzen, mit welchen Hoffnungen blickten wir in die Zu— kunft! Und nun“— ihr Blut wallte auf, und ſie fuhr mit erregter Stimme fort:„O, wie kann es Gott nur zu— geben, daß dieſe verruchten Fremdlinge in unſerm Vater⸗ lande hauſen und ſo viel Unglück über daſſelbe bringen, Ruhe, Friede und Wohlſtand zerſtören!“
„Haſt Recht, Louiſe,“ verſetzte Jener, indem er zornig an ſeine Büchſe ſchlug;„aber jetzt iſt die Zeit gekommen, wo wir ſie aus unſern Ländern hinauswerfen, daß ſie nie wiederkommen.“
Man hörte Hufſchlag in der Ferne, und Heinrich war
freudig bewegt, als er Koſaken bemerkte, die über die Heerſtraße zogen.„Sieh, Kind,“ ſprach er,„unſere ge⸗ ſchäftigen Vorpoſten, unſere unermüdeten Reiter, die den Feind ſtets wie wilde Bremſen umſchwärmen, die eine Kette um ihn bilden und nichts herüber und hinüber laſſen, was nicht in ihre Hände fällt. Will ſie doch anrufen und hören, was es gibt. Bin ſchon lange mit den bärtigen Cameraden umgegangen, und kann mich ihnen verſtändlich machen.“
Er rief und winkte und näherte ſich Einem, der herau⸗ ritt, ihn fragend, was dieſer Zug zu bedeuten habe.
Wenig, aber doch Wichtiges brachte er Louiſen mit, als er zur Eiche zurückkehrte.„Dieſe Burſchen,“ ſprach er,„kümmern ſich wenig um den Zuſammenhang der Dinge; ſie ſchreiten nur immer leck auf das Nächſte los. Aber doch habe ich erfahren, daß ſie ein Streifcommando bilden, das, während ein anderes nach Bleckede geſandt iſt, bis Uelzen vordringen, ſich den Feinden zeigen und ihre Boten auffangen ſoll. Walmoden marſchirt über die Elbe, und die Vorhut unter Tettenborn rückt ſchon nach Dannenberg. Dabei ſiud auch unſere Jäger, die ich nun bald treffe.“
Louiſe bebte zuſammen; ſie hielt krampfhaft den Ge⸗ liebten feſt und rief verzweiflungsvoll:„O, nimm mich doch auch mit, nimm mich mit, mein Heinrich!“
„Louiſe,“ ſprach dieſer,„kann ich Dich mit in's Lager nehmen, oder ſoll ich zurückbleiben und als feig oder pflichtwidrig erſcheinen?“
„Gehe, gehe! Ja, Du mußt fort, Dein Ziel iſt Kampf und Sieg,“ ſprach ſie und ließ iihn los. Dann warf ſie ſich laut wehklagend auf die Erde und rief:„O,


