Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
796
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Es iſt das die Hauptaufgabe eines gewandten Reiſen⸗ den, Ausforſchung des richtigen Anknüpfungspunktes bei der Kundſchaft, der je nach Laune, Schwächen und Lieb⸗ habereien des zu Bearbeitenden natürlich verſchieden iſt; alsdann geſchickte, raſche Benutzung, ſollte dieſelbe auch mitunter draſtiſcher Natur ſein.

Oft bietet der Zufall geeignete Gelegenheiten ſelbſt

dar, und ich entſinne mich hier eines komiſchen Vorfalles, den ich nicht unerzählt laſſen will. In A,, einer Stadt Baierns, exiſtirte vor Jahren ein Geſchäft, deſſen derzeitiger Inhaber die ältere, geachtete Firma beibehalten hatte; ſein eigener Name lautete anders, ein Umſtand, von dem ich leider nicht unterrichtet war. Als ich daher zum erſten Male dem geſtrengen Herrn meine Aufwartung machte, ihn höflich fragte, ob ich die Ehre habe, Herrn Dingskirchen ich nannte den Namen der Firma zu ſprechen, brüllte er mich ſchrecklich au, mir den wohlgemeinten Rath ertheilend, auf den Kirchhof 1 gehen, allwo gewünſchter Herr ſeit Jahren begraben iege.

Verdutzt, erſchrocken fand ich keine Antwort auf dieſe rohe Aeußerung, blieb im Gegentheil, ihn ſehr dumm an ſtarrend, wie angenagelt ſtehen.

Herr, ſchnob er mich weiter an, und ich glaubte vor

einem geplatzten Dampfkeſſel zu ſein, fühlte Speichel⸗ ſchauer auf mich nieder, mächtige Wolken Tabaksqualm um mich herumwallen,was wollen Sie noch von mir? ſcheeren Sie ſich gefälligſt zum Teufel!

Deſſen genaue Adreſſe ich jedenfalls nur bei Ihnen erfahren kann, kollerte ich jetzt empört heraus.

Dieſe reſolute, auch paſſende Antwort ſöhnte den alten, etwas groben Herrn vollkommen mit mir aus; wir wurden gute Freunde und blieben es.

Aehnlich war eine Scene, zu der mein Kutſcher die

Uovellen-

Veranlaſſung gegeben hatte. Neben einer Maſſe von

Zeitung. Tugenden beſaß dieſer die eigenthümliche Angewohnheit, jede an ihn gerichtete Bemerkung durch einige Worte, in welchen er als Zeichen ſeines Verſtändniſſes die Idee des ihn Anredenden weiter auszuführen ſuchte, zu ergänzen, wobei er die Redefigur in Zeit und Perſon ſtreng feſthielt. Sagte ich ihm z. B.:Friedrich, raſch ſpaun an, ſo er⸗ gänzte er:und fahr vor. Warf ich ihm gegenüber zu⸗ fällig hin:Es iſt die höchſte Zeit, daß ich heute aus Haus ſchreibe, ſo vervollſtändigte er:damit ich nicht wieder einen groben Brief bekomme.

Durch dieſes ſeltene Exemplar von einem Reiſekutſcher ließ ich auch gewöhnlich meinen Muͤſterkoffer zu den Kun den tragen; Alle kannten ihn und ſeine komiſche Eigen⸗ ſchaft, nie war daraus Aergerniß entſtanden, man lachte höchſtens darüber. So ſchickte ich ihn denn eines Tages zu einem erſt jüngſt etablirten, etwas empfindlichen Kauf⸗ mann.

Eine Empfehlung von meinem Herrn, hier wären die Muſter; wann er ſelbſt kommen könnte? hatte er ge⸗ fragt.

Er kann jeden Augenblick kommen, war die Ant⸗

wort, undiſt ſehr willkommen, die Ergänzung meines

Kutſchers.

Ja doch, entgegnete ungeduldig Jener, der unter der harmloſen Bemerkung einen beleidigenden Sinn ſuchte, ja doch, ſagen Sie nur, er ſolle kommen.

Und drücken Sie ſich, completirt unverwüſtlich mein Roſſelenker, wobei er natürlich ſich meinte.

Wild brauſte jetzt der in ſeiner Würde vermeintlich Gekräukte auf:Kerl, Er wird unverſchämt, ich laſſe Ihn ſofort hinauswerfen.

Wenn Er nicht das Maul hält, erwiderte der un⸗ verbeſſerliche Ergäuzungsfanatiker, und wer weiß, zu wel⸗ cher Komödie der Irrungen ſich dieſe Scene noch ausge⸗ ſponnen hätte, wenn ich nicht dazu gekommen wäre. Es

Bewigung mit ſeinen Flügeln und eine Art von Gluckſen zu er⸗ ennen.

Einnge Augenblicke nachher begann Madame Vanderheuven einen jener Läufer, die das Pariſer Publicum ſo oft entzückt haben, und nun war der Agami ganz wie toll vor Freude, er ſprang und tanzte wie wahnſinnig umher und fiel beinahe in Krämpfe. Sänger und Sängerin waren natürlich ſehr vergnügt über die Beweiſe, welche lebhafte Wirkung ihre Stimmmittel und Talente auf dieſen Vogel hervorgebracht hatten. C.

Zur Literaturgeſchichte. Schickſalswechſel einer Schriſtſtellerin. Mißß Brandon, die Verfaſſerin des jetzt in England ſehr be⸗ liebten RomansLady Audley's Secret, fand zuerſt großen Geſchmack an der Muſik und machte einen Verſuch, ſich zur Vir⸗ tuoſin auszubilden, überzeugte ſich aber bald, daß ihr das dazu erforderliche Talent nicht verliehen ſei, und trat in Folge deſſen in einer kleinen Rolle auf denBretern, welche die Welt bedeu⸗ ten, auf, doch ſie fand bald, daß ſie auch zur Schauſpielerin ſich nicht eigne, und erſt dann griff ſie zur Feder, und es machte ihr viel Muͤhe, ehe eine kleine von ihr geſchriebene Skizze:Artist's Story genannt, in denWelcome Guest aufgenommen wurde. Später veröffentlichte ſieLady Audley's Secret, welcher Ro⸗ man die öffentliche Aufmerkſamkeit in einem ſo hohen Grade auf ſich zog, daß man ihr jetzt den Platz neben George Eliot(Pſeu⸗ donym für Miß Evans, deren letzter Roman Silas Marner, the weaver of Raveloe iſt) und der Verfaſſerin vonEast Lynne

einräumt. Jeder Buchhändler wird ihr willig für einen von ihr zu ſchreibenden Roman 2000 Pfd. St. Honorar bezahlen, und ihr Glück iſt gemacht. Von der Zeit an, wo Milton für ſein Paradise Lost 5 Pfd. St. erhielt, bis zu dem Exfolg von Lady Audley's Secret haben ſich die Buchhändler erbärmlich ſchwer⸗ fällig gezeigt, wenn es ſich darum handelte, den Genius zu ent⸗ decken. Wir wiſſen, wie Waverley zurückgewieſen wurde, Jahre lang in dem Schreibſchranke vergraben lag und zuletzt nur ſdurch Zufall Alles entflammte; wie Byron von Brougham und Jeffries verdammt wurde, und wie Dickens es ſich von dem alten Black als eine Gunſterbitten mußte, ſeineSketches by Boz' im Evening Chronicle zuzulaſſen. Wir haben Currer Bell's eigene Geſchichte von der Verwerfung ſeinerJane Eyre von Seiten einer Menge gelehrter Buchhändler geleſen, und Miß Beecher⸗Stowe hat er⸗ zählt, welchen Tadel ſie überUncle- Tom's Cabin anhören mußte, ehe ſich ein Buchhändler entſchloß, den Verlag des Buches zu übernehmen. Thackeray war einmal willens,Vanity Fair zu verbrennen, und jetzt haben wir Miß Brandon, der bei Allem, was ſie unternahm, jedes Talent abgeſprochen wurde und die nun plötzlich am belletriſtiſchen Himmel ſich als Meteor erho⸗ ben hat. C.

Literatur.

Dramatiſche Schriften von Peter Lohmann. Zwei Bände. Leipzig, Verlag von Heinrich Matthes. 1862.

Wir haben ſchon mehrfach ausgeſprochen, daß wir uns bei dramatiſchen Werken, welche gewöhnlich nur auf dem Wege über die Bühne in's große Publicum eindringen und an und für ſi

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