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machen, ſo mußte er ſich dem Acte der„zweiten Taufe“, dem„Hänſeln“, unterwerfen.
„Hänſeln“ kommt her von„Hanſa“, deren Aſpirau⸗ ten durch allerlei Schreckniſſe, Feuer⸗ und Waſſertaufe, unfreiwillige Promenaden durch rauchende Eſſen ꝛc. vom Eintritt abgeſchreckt werden ſollten. Derartige Noth und Qual hatte ein aufgeklärteres Jahrhundert ſpäter aus dem Acte verbannt, dafür ging's um ſo luſtiger dabei zu. Wurde in einem größeren Kreiſe die Gegenwart eines Neulings conſtatirt, ſo fanden ſich raſch einige mitleidige Seelen, die gern Pathenſtelle bei ihm vertraten; der älteſte Reiſende fungkrte als Pfarrer, der Zweite ward zum Kü⸗ ſter ernaunt, Tiſchdecken und Servietten lieferten Chorrock und Altardecke, eine Punſchbowle bildete das Taufbecken, und nach einer den Gaben des Pſeudo⸗Pfarrers angemeſſe⸗ neu meyr oder weniger humoriſtiſchen Predigt, in welcher dem Reiſeſäugling Mildthätigkeit gegen Hausknechte, Liebe zu allen Kelluerinnen, Nobleſſe gegen Wirthe, Opferfreu⸗ digkeit allen Standesgenoſſen gegenüber als im Intereſſe der ganzen Gemeinſchaft dringend anempfohlen war, goß nan ihm das mit Wein, Zucker und Pomeranze angeſetzte Weihwaſſer, nicht über den Schädel, ſondern in den geöff⸗ neten Mund. Das Taufzeugniß, der Hänſelbrief, wurde ausgeſtellt,§. 11 proclamirt und dann das Weihwaſſer, verſteht ſich auf Koſten des Täuflings, von allen Anweſen⸗ den in ſolchen Libationen genoſſen, bis ſie über Weihe⸗ ſtimmung hinaus in einen Zuſtand gerathen waren, wel⸗ cher die Hülfe des Hausknechtes dringend nothwendig machte, wofern auf dem Wege gen Bethlehem ein ge⸗ linder Arm- oder Beinbruch vermieden werden ſollte.
Noth und Qual ſtellte ſich andern Morgens in Form eines reellen Katzenjammers ein.
Ueberhaupt fehlt es dem Reiſenden bis auf den heuti⸗ gen Tag nie an Veranlaſſung zu einem Extraſchoppen. Geht das Geſchäft gut, gönnt er ihn ſich um ſo mehr; geht's ſchlecht, nun, ſo muß er ſo wie ſo im Wirthshaus
Dritte Folge.
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ſitzen, und wie ſollte das wohl trockenen Mundes geſchehen? Die Fähigkeit, größere Quantitäten Flüſſigkeiten jeder Art, außer Waſſer, zu ſich zu nehmen, wird dadurch zu einer hohen Virtuoſität ausgebildet, zu einer erſtaunlichen Potenz geſteigert; nach und nach bildet ſich ein Bedürf— niß, ſo daß bei einem täglichen Getränke⸗Conſum, der einem mittelalterlichen Landsknecht die höchſte Achtung ab⸗ genöthigt haben würde, man noch immer nicht der Wüſte⸗ ſten Einer zu ſein braucht, ſich ſelbſt wohl für einen erſchrecklich ſoliden, mäßigen Jüngling hält. Ich will damit nicht geſagt haben, daß dies die nothwendige Con⸗ ſequenz des Reiſelebens ſein muß, wohl aber iſt ſie es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal.
Der junge Soldat hat ſein Kanonen⸗, der junge Rei⸗ ſende ſein Schaufenſterfieber; es iſt dies jenes bange Ge⸗ fühl, welches ihn erſt einige Male vor Haus und Feuſter des Kaufladeuns hin und her treibt, ſchüchterne Blicke hin⸗ einwerfen läßt, bevor er es endlich, häufig nur nach An⸗ wendung belebender, animirender Getränke, wagt, den Ru⸗ bicon zu überſchreiten, ſich durch die Reihen der fremden Commis zu ſchlagen, um dem Chef ſtotternd ſeine erſte Offerte zu machen; er war auf einem andern Orte viel⸗ leicht ſchon ſchnöde abgewieſen, und das vermehrte ſeine Angſt. Hat er aber erſt hinreichend Pulver gerochen, ge⸗ legentliche Grobheiten ſtoiſch verdaut, ſo gewinnt er mit der Zeit dickes Fell und Terrainkenntniß genng, um, mit koloſſaler Kaltblütigkeit gegen das Geſchoß abweiſender, verletzender Redensarten, ſich nicht beirren zu laſſen, ſeinen Angriff ſtets zu erneuen und, hat er dann Poſto in dem feindlichen Platze gefaßt, die Batterien ſeiner ganzen Lie⸗ benswürdigkeit und Redekunſt demaskiren, und deren Ge⸗ ſchoß mit Erfolg ſpielen laſſen zu können. Iſt die Feſtung ſchwer zugänglich, ſo verſichert er ſich der Vorwerke, um von hier aus mit Erfolg weiter zu operiren, das heißt, er ſucht die Bekanntſchaft einflußreicher Commis, unter deren Schutz ſich manches Geſchäft machen läßt.
vorſchlagen, würde ein unſchätzbarer Dienſt ſein; wir würden jedoch ihre Güte mißbrauchen....“
„Durchaus nicht. Ich habe Ihnen[ja geſagt, daß Sie mir damit einen Gefallen thun.“
So gebieteriſch der Chevalier auch bei dieſen Worten darein ſah, ſo konnte er ſich doch eines gewiſſen Zitterns der Stimme nicht erwehren. Der Kaffeehausbeſitzer beſaß genug Zartgefühl, um den eigentlichen Grund dieſes Gegenſatzes ſofort zu erkennen, und hätte ihm ſeinen Sohn beinahe in die Arme und an die Bruſt
elegt.— 1 de.Berr Chevalier,“ ſagte er,„Sie überhäufen uns mit Lie⸗ benswürdigkeit. Mein Sohn, ich und mein ganzes Haus, wir ſtehen Ihnen fortan mit Leib und Seele zu Dienſten.“
Am 7. Dec. 1817 um 11 Uhr Vormittag, gerade 26 Jahre nach dem erzählten Geſpräche, das ganz natürliche Folgen hatte,
trat der Chevalier, der nun 85 Jahr alt war, wie gewoͤhnlich in h ſ w 211 findet ſich auch ein Agami aus Guyana, der in Betreff des Hüh⸗
das Kaffeehaus. Der frühere Beſitzer war ſeit ſechs Jahren ge⸗ ſtorben; ſein Sohn war auch ſein Nachfolger geworden. Der Chevalier frühſtückte mit gutem Appetit, las im Zeitungsblatt „Le Drapeau blane“ und begehrte in der einfachſten Weiſe von der Welt ſeine Rechnung.— 1
Der Wirth verzog keine Miene, wechſelte einige Worte mit ſeiner Frau, und nach wenigen Minuten ſchon erhielt der Cheva⸗ lier eine quittirte Rechnung über 16,980 Frcs. für 8490 Früh⸗ ſtücke zu je zwei Franken.
Der alte Edelmann warf einen Blick auf die Geſammt⸗ fumme, öffnete ein Portefeuille, nahm die Summe in Banknoten Heraus und gab ſie dem Aufwärter mit dem Bemerken, daß er den Reſt, der ſich auf 520 Frcs. belief, für ſeine Mühe behalten ſolle.
Als er ſodann von ſeinem Sitze aufſtand, mochte er ſich ſicherlich, ohne es jedoch merken zu laſſen, ſehr erleichtert fühlen; ganz nach ſeiner alten Gewohnheit plauderte er noch einige Minuten mit der Wirthin und ſchritt dann langſam der Thür zu.—
Als ihm der Hausherr dort eine ehrfurchtsvolle Verneigung machte, faßte er würdevoll deſſen Hand, die er dann mit über⸗ ſtrömender Wärme herzlich drückte. 9.
Aus der Natur. Der Agami. Das„Pays“ erzählt einen merkwürdigen Vorfall, der ſich
vor einigen Tagen in Paris im Jardin d'Acclimation zugetragen haben ſoll. Unter den Vögeln, die daſelbſt gehalten werden, be⸗
nergeſchlechts ganz dieſelben Functionen beſorgen ſoll, welche dem Schäferhunde hinſichtlich der Schafheerde ſeines Herrn obliegen. Das iſt aber nicht die einzige Eigenthümlichkeit deſſelben, ſondern er zeigt auch noch eine entſchiedene Vorliebe für Muſik und iſt ganz entzückt, wenn er auch nur eine Drehorgel hört. Unter den Beſuchern des Gartens in den erſten Tagen der vorigen Woche befanden ſich auch der bekannte Sänger Duprez und deſſen Toch⸗ ter, Madame Vanderheuven. Der Erſtere wünſchte den Eindruck ſeiner Stimme auf dieſen Vogel zu verſuchen und begann eine Arie zu ſingen. Gleich bei ſeinen erſten Tönen flog der Agami auf ihn zu, ſtellte ſich an ſeine Seite, lauſchte, ganz außer ſich vor Vergnügen, auf den Geſang und gab ſein Vergnügen durch die


