Nr. 50.
Dritte Folge
Novellen-Zeitung.
Das Treffen an der Göhrde.
Novelle aus den Freiheitskriegen von
Dr. Paul Wigand.
Herbſtlich umſchleiert ſich wieder die Natur; der milde September ſpendet ſeinen Segen. Nicht mehr glühende Hitze, nicht drohende Wetter und brauſende Regenſtröme; aber auch nicht mehr duftender Blumen reiche Pracht, nicht mehr der fröhliche Geſang der kleinen beſiederten Waldbewohner. Still iſt's geworden, das Feld falb, die Blätter neigen ſich. Nach langem Kampf erſt tritt aus kühlen Morgennebeln die Sonne hervor. Ihre Strahlen brennen nicht mehr, aber ſie beleben doch fröhlich das Herz; ſie leuchten auf eine reiche Ernte, auf goldene Aepfel in dem dunkeln Laub, auf der reifenden Trauben edle Fülle. O, ſo ſchön, ſo reich ſind auch dieſe Herbſttage mit dem Segen des Himmels geſchmückt, noch einmal friſch bele⸗ bend die heiligen Gefühle für die herrliche, ſegensreiche Früchte, wie hoffnungsreiche Blüthen ſpendende Natur.
Es iſt ſo recht eine Zeit heiter fröhlicher, wie trüb wehmüthiger Erinnerungen. Wir denken der erſten Früh⸗ lingshoffnungen, des erſteu duftenden Veilchens, des erſten fröhlichen Lerchenſchlags und dann der Blumenkette von Luſt und Herrlichkeit, die Lenz und Sommerzeit uns brach⸗ ten. Wir denken auch der Frühlingsjugendzeit mit ihrem Blüthenduft, mit ihren heitern Liedern, des hohen Som⸗ mers eines bewegten, ſtrebenden, thatenreichen Lebens, und des nahenden Herbſtes, der nur Wenigen die gewünſchten Früchte briugt. Wir denken mit Wehmuth der nach und nach dahingeſchiedenen Freunde und Genoſſen, der ver⸗ eitelten Hoffnungen und Lebenspläne, der Vergänglichkeit aller irdiſchen Dinge, der Eitelkeit aller Wünſche; und wir
trauend zu den Sternen blicken.
ein öder, düſterer, wolkengrauer Himmel über unſer Leben gebreitet hat.
ſchon, zum Theil in Vergeſſeaheit begraben!
finden den Gleichmuth der Seele nur, wenn wir ver⸗
Da fällt mir auch oft das Jahr 1813 und ſein reicher ſchöner Herbſt mit ſegensreicher Lebensernte ein, und ich gedenke gern der ſchönen Zeiten jugendlicher Begeiſterung, um die nüchterne, hohle Gegenwart zu vergeſſen, die ſich wie
O, der ſchönen erhabenen Zeit! wie fern liegt ſie Aber ich rufe oft die Erinnerungen, die hohen Geſtalten jener Tage in mir hervor, jene flammende Begeiſterung für des Vater⸗
lands Freiheit und Wiedergeburt, jene todesmuthige Kampfluſt um die höchſten Güter des Lebens, jene innige Freundſchaft und Cameradſchaft mit den Beſten und Theuerſten, welche gemeinſame Begeiſterung zuſammen⸗ führte. Ja, auch die Gefühle der Frauen, die Liebe und Treue edler Jungfrauen ſchwärmte für Hohes und Erha⸗ beues, für des Vaterlands Errettung aus der Gewalt des Tyrannen; hoher Jubel erfüllte ihre Herzen bei der Kampfluſt der männlichen Jugend, bei den Siegeshymnen glorreicher Schlachten. Jedes Opfer brachten ſie willig und gern, ja, es gab heroiſche Mädchen, die ſelbſt zum Schwerte griffen, das Vaterland und den Geliebten heiß im Herzen tragend. O, ſo viel Großes, Schönes und Herrliches hat ſich niemals begeben, und mauche rührende Erinnerung dämmert oft in ruhigen Stunden in meiner Seele auf wie leuchtender Sternenglanz. So auch die Begebenheit eines lieben Cameraden aus Lützow's muthi⸗ ger Schaar, und ſeines herrlichen deutſchen Mädchens, aus dem berühmten Kampfe an der Göhrde, wo der edle Kämpfer und Sänger, das Muſter deutſcher Jünglinge, Theodor Körner, ſein kurzes Heldenleben endete. Es liegen noch vergilbte Blätter unter den Reliquien jener ſchönen Jugendtage, die die denkwürdige Geſchichte erzäh⸗ len, und ich theile ſie hier mit, als eine Novelle aus den unvergeßlichen Jahren unſerer Freiheitsſchlachten.
J.
Das einſame ſtille Förſterhaus, das, von alten Buchen und Eichen umgeben, nahe am Rande des umfangreichen Waldes der Göhrde, unfern des herrlichen Jagdſchloſſes, eine friedliche Familie umſchließt, hatte bisher von den Kriegszügen, die einen großen Theil Deutſchlands verheer⸗ ten, wenig erfahren; aber ſeine Bewohner hatten alle bald bangen, bald hoffnungsreichen Erwartungen, Gefühle, Wünſche, Beſtrebungen, welche die deutſchen Herzen da⸗ mals bewegten, ſtets getheilt und nach allen Seiten erwar⸗ tungsvoll auf Siegeskunden gehorcht. Hoch erhoben hatten ſie die glorreichen Schlachten von Großbeeren und Denne⸗ witz, die Heldenthaten von der Katzbach, von Culm und von Nollendorf. Aber gewitterſchwer drohte ihnen zu⸗ nächſt im Norden das Heer des ſieggewohnten und umſich⸗ tigen Marſchalls Davouſt. Die Truppen des deutſchen Feldherrn hatten ſich zwar tapfer mit ihm herumgeſchla⸗ gen, ſeine Jäger und leichten Reiter hatten überall mit Ungeſtüm ſich auf die Feinde geworfen und ihnen großen Abbruch gethan; aber das Corps war den Reitern der G.guer nicht gewachſen und mußte vorſichtig den Rückzug auf die große Nordarmee, welche der Krouprinz von Schweden commandirte, im Auge behalten. Doch in un⸗


