Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
781
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Erzählung V, an nen. Oſt dal Rubrik, die ſh recht wohl R ſen. Ju

Nr. 49.]

Zug um Zug! wer bleibt wohl Sieger? Nahe ſcheint das Spiel dem Ende,

Und die fieberheiße Stirne

Birgt der Pfalzgraf in die Hände.

Jetzo muß es ſich entſcheiden,

Großer Gott! ſeufzt er mit Beben; Werde ich den Preis erringen? Wird ihn mir der Kaiſer geben?

Und er hebt die Hand zum Zuge,

Sieht den Kaiſer ſich entfärben; Schach dem König!Bin verloren, Meine Königin muß ſterben!

Und der Kaiſer wirft bei Seite Unmuthvoll die Schachfiguren, In den Augen ſeiner Schweſter Zittern banger Thränen Spuren.

So befehlt, geſtrenger Sieger,

Was Ihr wünſchet! ruft der Kaiſer; Doch der Graf verharrt im Schweigen, Und die Frauen athmen leiſer.

Mich bedünkt, beim Spiele waret Ihr ſo keck und wild verwegey. Und nun ſteht Ihr, wie ein Knabe, Zaudernd vor mir und verlegen!

Was Ihr fordert, unverkümmert

Soll's Euch meine Huld gewähren, Darum friſch ſprecht von der Leber, Denn mein Wort halt' ich in Ehren!

Dritte

Folge. 781 Und zu ſeinen Füßen jetzo

Stürzt der Pfalzgraf hin mit Beben:

Wagt mein Mund es auszuſprechen, Mögt dem Knechte Ihr vergeben!

Nun, Ihr wollt doch nicht ſtatt meiner Kaiſer ſein zum Zeitvertreibe? Nimmermehr! o, ſeid mir gnädig, Gebt Mathilden niir zum Weibe!

Halt, Verwegner! zürnt der Kaiſer, Alſo denkt Ihr mich zu fangen? Straft den Frevler, edle Schweſter! Unerhört iſt ſein Verlangen!

Gnade für ihn! ſchluchzt Mathilde, Sinkt erröthend ihm zu Füßen,

Und aus ihren ſchönen Augen Ungehemmt die Thränen fließen.

Schweſter! murmelt dumpf der Kaiſer, Preßt ihr Haupt in ſeine Hände, Schweſter, liebt Ihr den Betrüger, Nimmt das Spiel ein böſes Ende!

Schonet ſeiner! ſeid barmherzig! Schluchzt ſie laut zu ſeinen Füßen, War ein Frevel unſre Liebe,

Laßt ſie mich im Kloſter büßen!

Seid barmherzig, edler Kaiſer! Bittet's rund um ihn im Kreiſe, Und auf Beider Haupt Herr Otto Legt die Hände ſanft und leiſe.

Miseellen. franzöſiſche Diebesgewandtheit.

Von dem Polizeipräſidenten Vidocq, den ſchon Talleyrand, der ſich doch gewiß darauf verſtehen mußte, denGauner aller Gauner nennt, erzählt Canler eine Geſchichte, die beweiſt, daß auch der Klügſte und Pfiffigſte doch immer ſeinen Meiſter findet. Sie lautet:

Ein Mann meldete ſich eines Tages bei Vidocq und bot ihm ſeineDienſte an; die geheime Polizei in Paris rekrutirte ſich damals, und wohl auch noch heute, aus allen möglichen Indi⸗ viduen, die ſchon mancherlei im Lebenverſucht und wohl nicht gerade den alljährlich von der Akademie zu vertheilenden Tugend⸗ preis bekommen hatten.

Was verſtehſt Du denn? fragte Vidocg ſofort den Patron.

O, Allerlei, Excellenz; auch auf Einkäufe verſtebe ich mich und kaufe in der Regel ſehr billig.

Gut, da ſind fünf Franken; geh' auf den Markt und kaufe mir ein fettes Huhn, aber ein gutes.

Nach einer kleinen Viertelſtunde kommt der Burſche wieder, in weißer Kleidung, wie ein Koch aus vornehmem Hauſe, und bringt eine prächtige Poularde, die man überall mit zehn Franken zezahlt; er legt das Thier auf das Bureau Vidocq's und die fünf Franken daneben.

Wieſo, Coquin, ruft der Präſident,das nennſt Du ein⸗ ſufen? Ich nenne das geſtohlen!

Wie Sie befeblen, Excellenz, entgegnete der Gauner. Aber ich ſchwöre Ihnen, ich habe das Thier bezahlt, wenigſtens

habe ich der Frau fünf Franken darauf gegeben, ihr den Namen des Marquis ſo und ſo genannt, und ihr geſagt, ich käme Nach⸗ mittags wieder vor. Es ſei ſchon gut, hat ſie geantwortet und mir ſogar den Korb mit dem Huhne auf den Kopf gehoben. Zu⸗ fällig ſchaute ich in dieſem Augenblicke in ihre Schuͤrzentaſche, wo ſie unvorſichtigerweiſe das Geld hineingeſteckt hatte, und holte mir einen Thaler wieder heraus und den zweiten dazu, da ja das Huhn zehn Franken koſtete.

Taugenichts, ruft Vidocg lachend,gleich gehſt Du hin und bringſt der Frau ihre zehn Franken zurück, und dann kommſt Du wieder, denn ich will Dir zu thun geben.

Doch der Hühnerkäufer erſcheint nicht wieder, wohl aber nach einer Stunde die Marktfrau, um ſich beim Präſidenten für die zu⸗ rückerſtatteten zehn Franken zu bedanken, die ihr ein als Koch verkleideter Gauner geſtohlen, und die ihr ein Polizeidiener ſo eben eingehändigt, mit der Weiſung, auf die Präfectur zu gehen und ſich dort die reſtirenden fünf Franken für die Poularde zu holen, er, der Polizeidiener, würde um drei Uhr Nachmittags nieder kommen, der Herr Präſident ſoll nur nach ſeiner Uhr ehen.

Vidocg greift mechaniſch in die Weſtentaſche: die Uhr iſt fort mit ſammt der Kette, und auch die Poularde iſt vom Schreibtiſch verſchwunden. Der Gauner, der den Koch, den Polizeidiener und den Taſchendiebgeſpielt batte, kam natürlich nicht wieder. Vidocg hatte diesmal ſeinen Meiſter gefunden.

In Deutſchland ſind ſolche Beiſpiele von Gaunergeſchicklich⸗ keit ſelten, das moderne Paris von heute iſt aber vielleicht reicher als das frühere an dieſem Artikel. 5.