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Das war Alles ſehr ſchön und glänzend, aber es ſollte
noch viel ſchöner und glänzender kommen, als, ſobald die ganze geladene Geſellſchaft verſammelt war, auf einen Wink der Feſtgeberin die Lakaien die Leuchter mit den gro⸗ ßen Wachslichtern ergriffen und nach dem großen Saale voranſchritten, in dem man die wunderbaren Fresken Fra⸗ gonard's und Apelles' II. bewundern ſollte. Ddie Geſellſchaft ordnete ſich paarweiſe und folgte den Lakaien; an der Spitze des Zuges ſchritt mit einer Miene des höchſten Siegesbewußtſeins die Guimard am Arme des galanten Herzogs von Rohan, der aus ſeiner zärtlichen Leidenſchaft gar kein Hehl mehr machte, und neben ihr trabte in beſcheidener Schüchternheit der junge Apelles, der an dieſem Abende ſeinen großen Nebenbuhler nicht zu fürchten brauchte und ſich recht gern mit einem Theile ſei⸗ ner Federn ſchmücken ließ.
Die Wände des ſchönen Saales, deſſen Baulichkeit ſchon genug zu bewundern gab, waren noch mit der grauen Leinwand, die auf Schnüren lief, verhangen; die Lakaien poſtirten ſich an die Zugleinen. Die Geſellſchaft bildete einen Halbkreis vor der Hauptfront, die den acht Fenſtern gegenüberlag. Die Guimard ſtand, erhaben wie eine Kö⸗ nigin, in der Mitte dieſes Halbeirkels.
Man erwartete allgemein Großes und wagte kaum zu athmen; dem jungen Apelles rannen die Schweißtropfen über die Stirn.
Die ſchöne Guimard winkte majeſtätiſch mit der feinen Hand.
In einem Augenblicke ſanken rings herum die Vor⸗ hänge; ein bewunderndes„Ah!“— blieb Allen auf der Zunge ſtecken; ein paar Secunden lang herrſchte eine un⸗ heimliche Mäuschenſtille.
Der junge Maler riß die Augen auf, als wolle er mit ihnen Alles, was er vor ſich hatte, verſchlingen, und fuhr dann mit ſeinem Taſchentuche krampfhaft über die naſſe Stirn, der Herzog von Rohan that einen Schritt vor⸗
Dritte
Folge. 779
wärts und unmittelbar darauf zwei zurück, die weibliche Demi-monde fiel ganz aus der Rolle und brach in ſchal— leudes Gelächter aus, und Louiſon Guimard ſtieß mit ent⸗ ſetztem Tone nur den Ruf„Fragonard!“ aus und ſank dann ohnmächtig in die Arme des beſtürzten Herzogs.
Was war geſchehen? Warum lachte, warum erſchrak man über dieſe himmliſche Terpſichore, die der Pinſel eines Fragonard nach dem reizendſten Modelle geſchaffen hatte?
O, dieſe Terpſichore war noch da, ſo bezaubernd, wie ſie der große Künſtler aus ſeinem liebevollen Herzen heraus geſchaffen hatte, aber ein hämiſcher Pinſel hatte an Augen und Mund der lieblichen Muſe nur ein paar kleine Striche gemacht, und aus dem Engelsantlitze war jetzt das eines abſcheulich wüthenden Weibes geworden, ein claſſiſch ſchö⸗ nes Antlitz noch immer, aber durch den Ausdruck der inneren Hölle bis zur niedrigſten Häßlichkeit entſtellt.
Ein Theil der Gäſte wich entſetzt zurück, der andere, der den Verrath ahnte, konnte ſeiner Heiterkeit nicht Schranken ſetzen.
Die Guimard, die ſich inzwiſchen wieder erholt hatte und das Gelächter noch an ihr Ohr tönen hörte, riß ſich aus den Armen des verſteinerten Herzogs los und wollte ſich auf das Gemälde, wahrſcheinlich in der Abſicht, es mit ihren zarten Fingernägeln zu zerkratzen, ſtürzen; man mußte ſie mit Gewalt zurückhalten. Und was das Schlimmſte war, in ihrer Wuth glich ſie ſo vollſtändig ihrem jetzigen Portrait, daß die Lacher die Herrſchaft über ſich immer mehr verloren und die Beſonneneren ſich voll Abſcheu achſelzuckend abwandten.
Es war eine Scene, die der Pariſer Mediſance für lange Zeit reichen Stoff gab und dem Rufe der ſchönen Tänzerin nicht wenig Eintrag that. Man darf nicht vergeſſen, daß der Pariſer Alles verzeiht und vergißt, nur nicht die Lächerlichkeit. Arme Louiſon Guimard! Sie war ihr jetzt preisgegeben und blieb es, ſo lange ſie noch die Bühne betrat.
ſcher Schriftſteller, Hiſtoriker und umſichtiger Redacteur der „Weſtermann’'ſchen Monatshefte“ rühmlichſt bekannt.
Den Freunden ſeiner Muſe und denen, die ſie noch nicht kennen, ſei hier ein Bändchen lyriſcher Dichtungen empfohlen, die ſich zum Theil in realiſtiſcher Weiſe an culturgeſchichtliche Mo⸗ mente oder hochverdienſtliche Perſönlichkeiten intereſſant anlehnen. Dahin gehören„Lortzing's Grab“, eine ſehr zeitgemäße Dichtung zur Erinnerung an dieſen von der Welt undankbar behandelten Tonſchöpfer; ferner eine„Jubelhymne zur Feier des tauſendjäh⸗ rigen Beſtehens der Stadt Braunſchweig“;„Taſſo's Begräbniß“ und ein„Prolog zur Gedächtnißfeier an Leſſing's Geburtstgg“. Er verherrlicht unſern großen Claſſiker mit kräftigen Gedanken⸗ zügen, von denen wir nur einige Strophen hervorheben wollen:
Wie mußten tief beſchämt vor ſeinen Streichen, Die gegen ihn zu kämpfen wagten, weichen! Vergleicht die Waffen in des Helden Hand Mit jenen, die der Feind auf ihn geſandt: Der Wahrheit heil'ge Macht iſt ſeine Klinge, Sie legen hinterliſtig falſche Schlinge,
Mit längſt vergangner Zeiten finſtern Mächten Bekämpfen ſie den Edlen, den Gerechten.
Doch er bleibt ſtandhaft. Mag, in Wuth entzündet, Die Thorheit mit der Bosheit ihn verdammen, Das ewig Schöne, ſo wie er's verkündet,
Muß alle Herzen doch zuletzt entflammen.
Wie junge Saat im Lenz den Schnee durchdringt,
Bis linde Luft ihm neue Kräfte bringt,
So ſproßt ſein Streben. Was er kühn vertheidigt, Es wuchs empor und uns iſt es gezeitigt.
Wie drängt ſich nun der Jünger große Schaar Auf jene Bahn, die er zuerſt begangen!
Wohl überſtrahlt ihn das erhab'ne Paar,
Die hoch auf Deutſchlands Dichterthrone prangen; Er hat gekämpft für ſie, die nach ihm kamen,
Er war die Morgenröthe ihrem Tag,
Für ſie hat er gewirkt, geſtreut den Samen,
Für ſie, für ſie geduldet manchen Schlag.
Auf ſeinen Wink entſcheidet heut der Richter
Im Reich der Kunſt, die Spur ließ er dem Dichter; Er weihte neu Thaliens Hallen ein,
Ein würd'ger Tempel wahrer Kunſt zu ſein....
Wir hoffen, daß es, wie uns, auch manchen gebildeten Leſern lieber ſein wird, dann und wann auch einen Leſſing, als immer ein hübſches Mädchen beſungen zu ſehn. Doch der Verfaſſer tritt auch in dieſer Beziehung dem ſchönen Geſchlecht keineswegs mit einem ungalanten Princip entgegen. Seine erotiſchen Lieder ſchlagen einen zartgeſtimmten Ton an, während die geſelligen eine ungezwungene Heiterkeit an ſich tragen. Die Form iſt leicht und harmoniſch gebildet und die Darſtellungsweiſe auch im phantaſti⸗
ſchen Element durch Einfachheit und jene nicht immer in der mo⸗
dernen Lyrik herrſchende Logik klar verſtändlich. O. B.


