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Nr. 49.]
lend von Geiſt und Heiterkeit, bald ſtolz und ſtreng, bald endlich ſo dämoniſch vernichtend wurde, daß man ſich ſchaudernd von dieſem Antlitze abwenden mußle, hinter deſſen Engelsſcheine man dann einen Abgrund von Falſch⸗ heit und Rachſucht ahnte.
Genug, die Guimard hatte jetzt ihren himmliſchen Blick, und dieſer ruhte lächelnd auf dem Manne, der ihr, halb dem Gemälde, das ſeine Hand eutwarf, zugewandt, gegenüberſtand, oder vielmehr auf dieſem Gemälde, das nichts weniger darſtellte, als das ſchöne Weib ſelbſt in Geſtalt einer Terpſichore, die mit unbeſchreiblicher Anmuth auf leichten Wolken, ein Tambourin hochhaltend, inmitten einer Schaar von Liebesgöttern ſchwebte.
Auch der Maler, der jetzt ſo emſig und in offenbarer Begeiſterung arbeitete, war eine in Paris wohlbekannte und hochgeachtete Perſönlichkeit. Es war Nicolas Frago⸗ nard, der Künſtler à la mode, den man bei Hofe und in allen eleganten Cirkeln ehrte, weil man ihn für unent⸗ behrlich hielt, denn er hatte den Geſchmack ſeines Zeit⸗ alters richtig aufgefaßt, und ſein hohes Talent wußte den letzteren mit einer Genialität wiederzugeben, die bis in die letzte Zeit hinein unübertroffen dageſtanden hat.
Fragonard, zu Nizza geboren, hatte durch ſeine Eltern eine andere Lebensbeſtimmung erhalten, aber das in ihm
ſchlummernde Talent brach ſich dennoch Bahn; er gab ſich ganz ſeinem künſtleriſchen Berufe hin und durfte ſich bald zu den erſten Meiſtern ſeines Vaterlaudes zählen; er wurde Mitglied der Akademie, und nachdem er eine zeitlang Be⸗ deutendes in der Hiſtorienmalerei geleiſtet hatte, widmete er ſich ganz der Gattung, von der er ſoeben die meiſter⸗ haften Proben in dem Saale der Guimard ablegte.
bedeckte, und dem lang herabwallenden ſchwarzen Haare machten, ebenſo wie ſein Ruhm, die Damenwelt auf ihn aufmerkſam, und man behauptete wohl nicht mit Unrecht, der Meiſter aus einfachem bürgerlichen Stande feiere in den Boudoirs mehr Triumphe als die ſchönſten jungen Edelleute von den beſten Namen. Fragonard war, leicht und friſch wie jede echte Künſtlerſeele, auch durchaus nicht der Mann, der dieſe Triumphe nicht zu benutzen im Stande war.
Er hatte die Guimard geſehen, er bat ſie, ſie malen zu dürfen, und die ſtolze Frau, die überhaupt nicht mit ihrer Gunſt kargte, fühlte ſich durch dieſe Aufmerkſamkeit ſo geſchmeichelt, daß ſie den Künſtler gern in den Kreis ihrer hochadligen Bekanntſchaften aufnahm,— ja, ſie fühlte jedenfalls für ihn mehr als für jeden Andern, was ihm ſelbſt auch nicht lange Geheimniß blieb. Seit jener Zeit lebten Beide in recht inniger Freundſchaft, und es wunderte daher Niemand, daß die Guimard zur Aus⸗ ſchmückung ihres neuen Hotels Fragonard wählte, und daß der große Meiſter ſehr bereitwillig auf ihren Wunſch ein⸗ gegangen war.
Die Arbeit, mit der ſich der Maler ſoeben beſchäftigte, ſollte ſeinem ganzen Werke die Krone aufſetzen, und er ſelbſt glaubte faſt, ſich übertroffen zu haben, als ſeine Ge⸗ liebte auf dem Frescogemälde in ſo unendlicher Lieblichkeit vor ihm ſtand oder vielmehr ſchwebte, wie ſie ihn nur in den glücklichſten Stunden bezaubert hatte.
Auch die Guimard ſchrie vor Freude laut auf, als ſie ihr Bild vollendet vor ſich ſah; mit der ihr eigenen Leben⸗ digkeit ſprang ſie von ihrem Sitze auf, ſuchte die günſtigſte Stellung, das Gemälde betrachten zu können, klatſchte dann in die Hände und rief ein über das andere Mal:.
dieſer ſchändlichen That mißbraucht. Welche Thiere von einerlei Gattung tödten ſich doch ohne Urſache? Nur die Hunde verfallen in dieſe Raſerei, weil ſie durch den nähern Umgang mit den Men⸗ ſchen verdorben worden ſind.“
Während dieſer Unterhaltung hatten wir uns unvermerkt von der Heerde entfernt. Plötzlich überfiel uns der Hirt und prü⸗ gelte uns grauſam..
„Wohlan,“ ſagte ich zu meinem Collegen,„was ſagſt Du mun? Wie kommen Dir die Prügel vor?“
„Etwas unbequem,“ erwiderte er,„aber was ſoll man machen?— die Fliegen plagen mich auch, aber ſoll ich gegen ſie wüthen?“
„Das iſt großmüthig,“ bemerkte ich.„Ihr habt wohl oft Ge⸗ legenheit, ſo heldenmüthige Geduld auszuüben?“
„Ja,“ ſagte der Ochſe,„dieſer Menſch iſt zornig und zugleich eigenſinnig, wie ein Kind. Ich habe Mitleiden mit ihm und will ihm ein Beiſpiel von Mäßigung geben; zieht er daraus keinen Nutzen, deſto ſchlimmer für ihn.“
„Ich bewundere Eure Großmuth um ſo mehr,“ ſprach ich, „da Ihr Euch ſogar umbringen laſſet, um den Menſchen als Speiſe zu dienen.“
„Man vermuthet allerdings bei uns,“ ſagte mein Begleiter, „daß uns der Menſch nur als Opferthiere ſeiner Unmäßigkeit mäſtet. Aber das macht uns keinen Kummer. Der Tod iſt das gemeinſame Schickſal der Thiere; was liegt an der Todesart? Wir ſparen den Schrecken vor dem Tode bis zum letzten Augen⸗ blicke und genießen ruhig die Gegenwart.“
„Wie?“ rief ich aus,„Ihr gefallet Euch noch in dem Man⸗ hel an Sorge für die Zukunft?“
an Sorge für die Zukunft eine Quelle des Glückes iſt.
„Allerdings,“ ſagte er,„das Beiſpiel des armen Menſchen dort allein wäre hinreichend, uns zu überzeugen, daß der Mangel eQA Voll Un⸗ ruhe und Angſt geht er immer herum, um die Früchte der Erde in ſein Haus zu ſammeln; der Kummer ſteht auf ſeinem Geſicht ge⸗ ſchrieben. Wenn ſich der Himmel trübt, zittert er für ſeine Ernte. Wir dagegen empfinden jederzeit nur das gegenwärtige Uebel, und der Genuß der gegenwärtigen Güter wird nicht durch ungeduldi⸗ ges Verlangen beunruhigt, noch durch Furcht zukünftiger Uebel vergiftet. Eure ewige Unruhe macht Euch unfähig, glücklich zu leben.“
„Wie?“ ſprach ich hierauf,„Ihr zeiget ja ſogar Beredſam⸗ keit und habt doch hier keine Gelegenheit zur Uebung, denn mir ſcheint, Ihr unterhaltet Euch wenig untereinander, und um Euch die Wahrheit zu geſtehen, dieſes Umſtandes wegen möchte ich nicht unter Euch leben. Das menſchliche Geſchlecht hat um dieſer Gabe willen jedenfalls den Vorzug vor dem Eurigen.“
„Mein guter Freund!“ ſagte er zu mir,„ich will Euch etwas anvertrauen. Ich habe ehemals einen menſchlichen Leib bewohnt, ich habe in der Welt, ſogar in glänzenden Geſellſchaften gelebt Ich habe daſelbſt ſo viel reden gelernt und gehört, daß ich froh bin, unter ein ſchweigſames Geſchlecht verſetzt worden zu ſein. Jetzt unterhalte ich mich mit mir ſelbſt und mit der Natur; ich freue mich ihrer Wunder und genieße ihre Wohlthaten.“—
Wir entnehmen dieſe kleine Satire über die Zufriedenheits⸗ philoſophie, welche den Philoſophen unter den Ochſen und den Ochſen unter den Philoſophen darſtellt, der humoriſtiſchen Bro⸗ chüre:„Eine Wallfahrt zur Laterne des Diogenes.“ 68.


