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beſuchen für die jungen Männer von Adel als guter Ton 8 alt.
3 In dem Augenblicke, als jene beiden jungen Cavaliere an ihrem neuen Hauſe vorüberritten, finden wir die Dame in der erſten Etage deſſelben, die bereits ziemlich eingerichtet worden war.
Die ganze von der Straße abgewandte Front dieſer
Etage bildete ein einziger Saal, der durch acht ſich auf den Garten öffnende hohe Bogenfenſter erhellt wurde. Seine Ausſtattung war noch nicht vollendet, aber was man fertig ſah, verrieth bereits, daß die Tänzerin einen wahren Zaubertempel daraus zu ſchaffen beabſichtige. Der Fußboden war mit einem Getäfel von koſtbaren Höl⸗ zern belegt; da, wo ſich die viereckigen Platten berührten, fand may in zierlicher Vergoldung überall den Namenszug der Künſtlerin angebracht. Die Decke war kühn gewölbt, und zwiſchen den ſchlanken, anmuthig geſchweiften Rippen, die von den reichlich vergoldeten Capitälern der zur Hälfte in die Wand gefügten Säulen ausgingen, ſah man ſehr ſchöne Frescomalereien, die Liebesgötter und alle Atribute derſelben darſtellten; dieſe Gemälde waren von Künſtler⸗ hand. ) Die weißen Wände dieſes weiten Saales waren für eben ſolche Gemälde vorbereitet; hin und wieder trugen auch ſie ſchon dieſe reizenden Gemälde, die in ihrer friſchen Farbenpracht ſo leicht und graziös hingeworfen waren, als ſei dies nur im Spielen geſchehen, ohne indeſſen eines wahrhaft künſtleriſchen Werthes zu entbehren; Niemand hätte zweifeln können, daß hier ein Meiſter den Pinſel ge⸗ führt habe; alle dieſe Fresken hatten unbeſchreibliches Leben und Ausdruck.
Die Gemälde waren erotiſcher Gattung, ganz dem da⸗ maligen Pariſer Geſchmacke und der Beſtimmung des Saa⸗ les, deu ſie ſchmückten, nämlich als Verſammlungsort der galanten und eleganten Welt zu dienen, angepaßt; der Plan war höchſt genial aufgefaßt und, ſoweit ſich bisher
Uovellen-Zeitung.
beurtheilen ließ, mit künſtleriſcher Vollkommenheit ausge⸗ führt. Und doch fehlte noch viel zur Vollendung des gro⸗ ßen Werkes; hier und da waren Gerüſte für den Künſtler an den Wänden aufgeſchlagen, Leinwand, die zu Vorhän⸗ gen dienen ſollte, lag auf dem Boden umher, kurz, es war eine Art von Unordnung in dem Saale, die darauf hin⸗ wies, daß man noch in voller Arbeit begriffen ſei.
In dieſem Saale befand ſich, wie geſagt, die Guimard, die Sonne des Pariſer Ballets.
Die Dame ruhte, den Rücken der langen Fenſterreihe zuwendend, in einem ſammetüberzogenen Fauteuil; ſie hatte eine ihrer graziöſeſt nachläſſigen Stellungen ange⸗ nommen und blickte, zufrieden lächelnd, auf die ihr gegen⸗ überliegende lange Wand des Saales, auf der ſoeben der Pinſel des Künſtlers ein neues Gemälde hervorzauberte.
Die Tänzerin war unbedingt ſchön, eine jener Schön⸗ heiten, die weniger durch ihre ſanfte Lieblichkeit das Herz feſſeln, als durch ihre Regelmäßigkeit zur Bewunderung hinreißen und durch ihren ſtolzen Ausdruck imponiren. Ihre Geſtalt ging über die weibliche Mittelgröße hinaus, alle Formen waren aber trotz ihrer Ueppigkeit ſo edel und zart gerundet und ſo fein gebaut, daß ſie ein Ganzes von unbeſchreiblicher' Anmuth bildeten. Das ſchwarze Kleid vom ſchwerſten Seidenſtoffe, deſſen eng anſchließendes Leib⸗ chen auf der Bruſt und an den weit herabfallenden offenen Aermeln mit Schleifen von Goldbrokat garnirt war, ließ auf höchſt kokette Weiſe den blendendweißen vollen Hals und meiſterhaft gebildete Arme ſehen, deren Hände jetzt mechaniſch mit einem koſtbaren kleinen Federfächer ſpielten. In dem glänzenden, tief kaſtanienbraunen Haare, das
Guimard ein breites goldenes Diadem von ſehr kunſtvoller Arbeit, das ſich gerade über der Mitte der hohen und rei⸗ nen Stirn zu einer Spitze erhob.
Wir wollen nicht dieſes wunderbar claſſiſche Geſicht der Tänzerin, das ganz Paris bewunderte, in ſeinen ein⸗
Feuilleton.
— 05.o
Eine Fabel.
Eiin indiſcher Philoſoph ſchickte mir eine Eſſenz, ich machte. ſogleich Gebrauch davon, verwandelte mich in einen Ochſen und
ſchloß mich einer eben vorüberziehenden Ochſenheerde an. Wie groß war mein Erſtaunen, als ich in meinem Nachbarn in der
Heerde einen Philoſophen entdeckte! Er war ſanft, geduldig, be⸗
ſcheiden, vorſichtig, er war nicht neugierig nach dem, was ihn nichts anging, er zog das Rützliche dem Glänzenden vor, und alle ſeine Gedanken gingen auf einen praktiſchen Zweck. Und ſo waren⸗ faſt alle Glieder der Heerde.
„Ich erſtaune, meine Freunde,“ ſagte ich zu ihnen,„Ihr ſeid ſtärker als der Menſch, und doch beugt Ihr Euch unter ſein Joch, Ihr arbeitet für ihn.“
„Und warum nicht?“ antwortete mir mein Nachbar.„Die Arbeit iſt kein Uebel; ſie erweckt Appetit, unterhält die Stärke und Geſundheit. Und weiter: Zwiſchen uns und den Menſchen
iſt Alles gegenſeitig; wenn wir für ſie arbeiten, ſo arbeiten ſie hin⸗
wiederum für uns; ſie leiten uns auf die beſten Weiden, ſie be⸗ ſchützen uns, ſie bauen uns Stallungen und ſammeln Vorrath für uns auf die Winterszeit.“
„Ihr ſeid ſehr einfältig,“ antwortete ich.„Glaubt Ihr denn, daß der Menſch alle dieſe Sorgen aus Liebe zu Euch über⸗ nimmt? Er ernährt Euch nur ſeinetwillen.“
„Das mag ſein,“ ſagte mein Nachbar,„ein Jeder ſieht bei ſeinen Handlungen nur auf ſich ſelber, aber man muß darüber hinwegſehen. Warum ſoll ich ſo ängſtlich über das Motiv nach⸗ grübeln, wenn eine Handlung meinem Vortheil dient? Das hießer doch nur der Undankbarkeit Thür und Thor öffnen und das ſchöne gegenſeitige Verhältniß ſtören.“
„Aber die Freiheit!“ ſagte ich.
„O, die Freiheit!“ antwortete der Ochſe,„Ihr, die Ihr aus der menſchlichen Geſellſchaft kommt, Ihr habt Urſache, viel von der Freiheit zu reden.— Ich ſehe hier in Aſien Millionen Men⸗ ſchen als Sclaven eines feinzigen Menſchen, elende Splelzeuge ſeines Eigenſinnes, beklagenswerthe Opfer ſeiner Leidenſchaften. Während unſer Hirt für uns ſorgt und ſich hütet, uns Hungers ſterben zu laſſen, nimmt ein harter Regent der Menſchen ihnen oft ihr Brod und kümmert ſich nichts um die Hungernden. Und— was das größte Uebel iſt— er führt zuweilen die ſtärkſten ſeiner Sclaven an, daß ſie andere Sclaven ködten, welche ſie nie belei⸗ digt haben, ja ſie nicht einmal kennen. Uns hat man doch nie zu
(VIII. Jahrg.
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