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llI Jun
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Nr.
Dritte Folge.
Novellen-Zeitung.
Ein Kü Aüſtlerpanr.
Von Stanislaus Graf Grabowshki.
Während der Iegienngsperiede Ludwig's XV., dieſes Pracht und Vergnügen liebenden Fürſten, der das Mark ſeines Volkes ausſog, um das Königthum mit einem Glanze zu umgeben, deſſen Strahlen nur zur zu bald unter einem blutgetüuchten Schleier erlöſchen ſollten, war das Hauptquartier der Stadt Paris, in dem ſich die feine Welt niederließ, der Faubourg St. Germain. Dieſes Viertel hatte ein ganz eigenthümliches, vornehmes Anſehen. Mauern und Gitter ſchloſſen die adligen Hotels weit von der Straße ab,— Adel und Volk ſtanden ſich ja damals auf die ſchroffſte Weiſe gegenüber; der große Geiſt der neuen Zeit, von beſonders befähigten Männern und Den⸗ kern angeregt, hatte ſich in Paris, dem damaligen Central⸗ punkt der europäiſchen Civiliſation, noch nicht Bahn ge⸗ brochen,— wenigſtens wurde damals der letzte Kampf des geſunden Menſchenverſtandes mit dem Vorurtheile verrotteter Geburtsrechte noch immer ausgekämpft.
Der Adel wohnte im Faubourg St. Germain, weil er dort dem Hofe am nächſten war, der den Louvre und die Tuilerien gleich jenſeits der Seine hatte; es gehörte zum guten Ton, ein Hotel, das von außen ſo finſter als möglich ausſehen mußte, im Faubourg St. Germain zu beſitzen.
In der Rue Dominique, wo der Charakter dieſer ſoge⸗ nannten Vorſtadt am deutlichſten hervortrat, war ſeit Kurzem— unſere Erzählung beginnt mit dem Jahre 1773 — ein Haus oder vielmehr eine Art von Palais erſtanden, das bedeutend von ſeinen Nachbarhotels abſtach. Es war,
ſebenfalls durch ein hohes Gitter und einen dahinterliegen⸗
den Raſenplatz von der eigentlichen Paſſage getrennt, ehe⸗
mals ein altadliger Wohnſitz geweſen, düſter und halb
verfallen, über deſſen Hauptthür ein mächtiges Wappen mit der Marquiskrone darüber geprangt hatte; aber die vornehme Famile war ausgeſtorben, oder das letzte ihrer
eſitz, ſelbſt wenn ſich auch altehrwürdige Familien⸗ traditionen daran knüpften,— kurz, eines Tages ver⸗ nd das ſteinerne Wappen über der Thür und wurde durch kein anderes wieder erſetzt; kurze Zeit darauf ſtellten ch ſogar eine Menge Arbeiter ein, begannen niederzurei⸗ ßen und wieder aufzubauen, und zwar letzteres in einem ganz neuen und viel freundlicheren Geſchmacke.
un Ke liebte das klingende Geld mehr als den liegen⸗
Ein adliges Hotel war dieſes Haus nicht mehr, das ſah man deutlich daraus, daß auch die Kronenverzierungen an dem Gitter fortgenommen wurden. Wer hatte von der„bürgerlichen Canaille“ es nun gewagt, ſich in dieſes ausſchließlich dem Adel vorbehaltene Viertel der Haupt⸗ ſtadt einzuniſten?— ſo fragten ſich und Andere ſtirnrun⸗ zelnd die noblen Bewohner des letzteren, wenn ſie in ihren glänzenden Equipagen bei dem neuen Baue vorüber⸗ rollten.
Die kurze Unterhaltung zweier junger Cavaliere vom reinſten Waſſer, die eines Tages hier vorüberritten, wird uns darüber Aufſchluß geben.
Der Eine von ihnen fragte ſeinen Begleiter gerade mit denſelben Worten darnach, die wir ſo eben gebraucht haben.
„Ei, Sie wiſſen das noch nicht, mein theuerſter Vicomte?“ meinte der Andere.„Die Guimard iſt es.“
„Die Guimard?“— und der verdrießliche Blick des Vicomtes hellte ſich ſofort wieder auf.„So, das iſt etwas Anderes! Alſo die Guimard ſchafft ſich ein Hotel im Fau⸗ bourg St. Germain an?“
„Ja, lieber Freund; man kann es ihr nicht verdenken, denn ſie hat viele Bekanntſchaften unter uns; die Herren werden nicht mehr weite Wege zu machen haben, wenn ſie ſich zu ihr begeben.“
„Sie haben Recht, es iſt eine originelle Idee von ihr, aber die Guimard iſt ſtets originell.“
„Und reizend, trotz ihrer dreißig Jahre,“ ſetzte der Andere hinzu.
Die beiden Herren, die ganz befriedigt ſcienen, ſetzten ihren Weg, von der Guimard plaudernd, fort.
Wer war nun dieſe Guimard, der man trotz ihres bürgerlichen Namens ſo bereitwillig das Recht einräumte, ſich inmitten des hohen Adels anzuſiedeln?
Loniſon Guimard war ein Name, den ganz Paris kannte. Seine Trägerin war damals die beliebteſte und wirklich berühmte Tänzerin der großen Oper; es gab in der ganzen großen Hauptſtadt wohl uur Wenige, die ſie nicht geſehen und bewundert hatten; ſie war die Heldin des von Noverre vervollkommneten franzöſiſchen Ballets und in der höhern Geſellſchaft eine ſehr beliebte Dame, die, reich genug, ihre Salons für die avlige Jugend und die Künſtler erſter Größe geöffnet hielt.
Die Guimard war ſchön, geiſtreich und lebensluſtig, ſie behauptete, ſich in der erſten te der zwanziger Jahre zu befinden, obgleich man ihr, eeborener Pariſerin, leicht nachweiſen konnte, daß ſie indeſtens ſchon in der erſten Hälfte der dreißiger Jahre ſtehen müſſe. Sie war und blieb eine höchſt intereſſante Dame, deren Salons zu


