Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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Dritte undſiebzig Dollars, die er Miß Darley ſchuldig war, fol⸗ gende Abzüge zu machen: Erſtens, zehn Dollars für eben ſo viele Tage der Abweſenheit; zweitens, fünfundzwanzig Dollars unter dem Titel von Schadloshaltung für die Unterrichtsſtunden, deren das Inſtitut durch die Abweſen⸗ heit der Oberlehrerin beraubt worden war; drittens, ſieben Dollar funfzig Cents oder fünfundſiebzig Cents täglich für gewiſſe Koſten der Wohnung und Nahrung ꝛc.

Kurz, mit Hinzufügung einiger anderer unbedeutender Abzüge, ſchmolzen die fünfundſiebzig Dollars etwa um 60 Procent zuſammen.

Wenn ich gut unterrichtet bin, fügte Silas Peckham hinzu,ſo unterſtützen Sie durch Ihren Gehalt einige hülfsbedürftige Verwandte. Das iſt nicht in der Ordnung. Was ein Frauenzimmer gewinnt, darf nur ſo viel ſein, als ſie zu ihrer Ernährung und ihrer Kleidung bedarf, und dann eine kleine Erſparniß für Krankheitsfälle, oder für einen Todesfall zur Beſtreitung der Begräbnißkoſten. Was mich berechtigt zu glauben, daß Sie bei mir etwas zu viel gewinnen, iſt, daß eine andere junge Perſon, die keine armen Verwandten zu unterſtützen hat, mir anbot, Ihre Stelle für einen bedeutend geringern Gehalt, als ich Ihnen bisher gewährte, zu übernehmen. Ich werde Sie indeß, wegen unſers guten Verkehrs, behalten, wenn Sie ſich einen Abzug gefallen laſſen, den wir noch feſtſetzen wollen.

Helene hörte ihn an, ohne ihn recht zu verſtehen, und die Augen feſt auf die ſonderbare Rechnung geheftet, die der Vorſteher ihr bot.

Herr Peckham, ſagte ſie endlich,auf wen können ſich die Koſten für Wohnung und Nahrung beziehen, die ich hier für die zehn Tage meiner Abweſenheit aufgeſetzt finde?

Ehe der majeſtätiſche Vorſteher auf dieſe peinigende Frage antworten konnte, trat Bernhard Langdon ein und

meldete Herrn Dudley Venner.

Ddieſer Name machte Miß Darley leicht erbeben, und ſie überreichte ſogleich an Bernhard das merkwürdige Do⸗ cument, in welches ſie die erſte Einſicht genommen hatte.

(Er richtete auf daſſelbe einen flüchtigen Blick, dann einen

andern auf Herrn Silas Peckham, der irgend einen Rech⸗ nungsfehler begangen zu haben ſchien, da er einen eigen thümlichen Ausdruck auf dem Geſicht ſeines jungen Lehrers bemerkte.

Erlauben Sie, ſagte er,ich habe mich vielleicht ge täuſcht, aber wir können ja noch einmal addiren.

Gott weiß, welchen Rechnungsunterricht er empfangen haben würde, wäre nicht Dudley eingetreten, der, nebenbei ſei es geſagt, einer von den Aufſehern des Inſtituts war.

Das bot, wie der redliche Silas glaubte, die beſte Ge⸗ legenheit, die Sparſamkeit in das rechte Licht zu ſtellen, die er bei ſeiner Verwaltung überall anzubringen wußte. Es war ebenſo auch eine Gelegenheit, ſeinen Untergeordneten einen grauſamen Schrecken einzuflößen, indem er ihnen zeigte, durch welche ſchwache Bande ſie an das apollineiſche weibliche Inſtitut gefeſſelt waren, und er begann mit einer pomphaften Einleitung über die Umſtände, welche ihm ge ſtatteten, eine Veränderung mit ſeinem Perſonal vorzu⸗ nehmen, als Dudley Venner ihn unterbrach, indem er ſagte:

Sie haben ſich um eine andere Oberlehrerin umzuſehen, denn Miß Darley wird ihren Poſten nicht beibehalten.

Ich habe indeß Miß Darley nichts vorzuwerfen, entgegnete Silas mit ſeinem gewöhnlichen Scharfſinn.

Das glaube ich gern, entgegnete Dudley,aber Miß Helene Darley wird meine Frau. Ich hielt es für paſſend, Sie bei Zeiten davon zu unterrichten, daß Sie ferner nicht auf ſie rechnen dürfen.

Nun, da gibt es eine doppelte Entlaſſung, rief Bernhard Langdon,denn ich werde nicht fünf Minuten

ſende ſüdwärts nach Maryland und Waſhington kommt, ändert ſich dieſer Typus nicht ſehr. Die harte Klugheit des Yankee weicht allmählich der milden und vielleicht artigeren Weiſe des Südländers; aber die Veränderung, die man ſo bemerkt, iſt nicht ſo groß, als die zwiſchen dem Amerikaner der weſtlichen und dem der atlantiſchen Staaten.

In dem Weſten fand ich die Leute finſter und ſchweigſam, ich möchte faſt ſagen mürriſch und verdroſſen. Ein Dutzend ſitzen ſtundenlang um einen Ofen her, ohne eine Wort zu ſprechen. Sie fauen Tabak und wiederkauen ihre Gedanken. Sie nehmen es nicht gerade übel, wenn man ſie anredet, aber es gefällt ihnen auch nicht. Sie antworten einſylbig oder, wenn es ſich thun läßt, mit einer Kopfbewegung. An der Anmuth oder ſoll ich ſagen? an dem Anſtande und der Geſchicklichkeit des Lebens liegt ihnen nichts. Auch ſind ſie ein weſentlich ſchmutziges Volk. Der Schmutz und der Lärm ſcheinen ſie keineswegs unangenehm zu berühren. Man ſieht überall und jederzeit Dinge vor ſeinen Augen thun, die eigentlich hinter dem Rücken anderer Leute geſchehen ſollten.

Wir kommen ohne Zweifel täglich in die genaueſte Berührung ſuit Dingen, welche, wenn man alles dazu Gehörige ſieht, uns mit Scheu und Schauer erfüllen würden. In andern Ländern ſieht man alles dieſes nicht, wohl aber in den weſtlichen Staaten. Ich hade in Beduinenzelten gegeſſen und bin von Türken und Arabern hedient worden, Ich habe in den Wirthshäuſern des alten Spa⸗ ſien und des ſpaniſchen Amerika gewohnt. Ich lebte in Con⸗ kaught und unter Mönchen verſchiedener Nationen. Ich bin, ſo zu ſagen, an Schmutz von Jugend auf gewöhnt und des Abſcheu's karan entwöhnt worden. So weit aber reichte alles das noch nicht, daß ich mich in den weſtlichen Staaten hätte auch nur leid⸗

lich befinden können. Wer das vermag, muß geradezu unverletzlich geworden ſein, dem Gefühls⸗, Geſichts⸗ und Geruchsſinne unzugänglich. Gleichgültigkeit gegen das Ausſehen iſt hier eine Art Stolz, ein ſchmutziges Hemd eine Triumphflagge. Ein Ver⸗ langen nach Seife und Waſſer gilt für Schwäche und gewiſſer⸗ maßen für Feigheit. Und dieſe Gleichgültigkeit oder dielmehr dieſe Aeußerung der Gleichgültigkeit erſtreckt ſich auf Alles. Nie⸗ mand liebt das Geld mehr, als die Männer des Weſtens, aber ſie ertragen auch den Verluſt, wie ein Indianer den Schmerz.

Sie ſind energiſch im Handel und Verkehr und gehen tief in Speculationen da ein, wo etwas zu ſpeculiren iſt, dennoch ſind ſie langſam in ihren Bewegungen und liegen oder bummeln gern müßig herum. Sie ſprechen langſam und ſitzen am liebſten ſchweigend da mit dem Tabak zwiſchen den Zähnen. Sie trinken, man ſieht es ihnen aber ſelten an, daß ſie betrunken ſind. Sie fangen früh am Morgen an, und trinken in feierlicher, mürriſcher, häßlicher Weiſe, während ſie immer am Schenktiſche ſtehen. Sie gießen die Spirituoſen hinunter und ſagen nichts dabei. Sie trinken oft und in großem Uebermaße, immer aber geräuſchlos, ſetzen ſich dann hin und beſchäftigen ſich mit ihren Gedanken und ihrem ewigen Kautabak. Ich glaube, ein Fremder könnte in dem Weſten reiſen, ein Dutzend Hotels beſuchen und ſtundenlang in einer Ecke in der großen Gaſthalle ſitzen, ohne daß ein Menſch ein Wort an ihn richtet. Ohne Empfehlungsſchreiben kann kein Fremder in den weſtlichen Staaten oder überhaupt in den Staa ten reiſen. Es iſt Sitte da, und deßhalb erhält man auch ſolche Empfehlungsſchreiben ſehr leicht. Ohne dieſelben findet man Alles öde und leer, denn in den Staaten Amerikas reiſt man nicht, wie in Europa, um Gegenden zu ſehen oder die Wunder alter

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