nehr
dein,—
Novellen-Zeitung.
Elſie Venner.
1
Epiſode aus dem amerikaniſchen Leben.
(Schluß.)
XVIII.
Der Doctor wurde immer ernſter. Elſie nahm faſt keine Nahrung mehr, und das Fieber allein ſchien ſie zu erhalten, indem es zugleich ihre Kräfte erſchöpfte. Indeß änderte ihr Zuſtand ſich kaum, und man konnte auf eine jener günſtigen Kriſen hoffen, deren Vortheil die Medicin ſich anzumaßen weiß.
Eines Tages indeß holte man den würdigen Arzt. Elſie lag in einem heftigen Delirium.
Ihre Reden waren verworren. Sie ſprach beſtändig von dem„Berge“ und beſonders von einer Höhle, die ſie auf das Genaueſte beſchrieb, ohne Zweifel, wie Helene wenigſtens glaubte, ein Ort der Zurückgezogenheit, an den ſie ſich vor jedem menſchlichen Blick flüchtete.
Als die Kriſis ſich ein wenig gelegt hatte, wollte der Doctor wiſſen, wodurch ſie herbeigerufen worden ſein könnte. Er erfuhr nun, daß die Mitſchülerinnen Elſie's, welche, ſeitdem ſie dieſelbe in Gefahr wußten, zu freundli⸗ chen Geſinnungen bekehrt worden waren, ihr einen Koxb mit Blumen geſchickt hatten, zu welchem jede ihre kleine Gabe beitrug. Bernhard Langdon ſeinestheils hatte einen köſtlichen Zweig hinzugefügt, den der Herbſt mit dem glän⸗ zendſten Purpur färbte. Elſie hatte mit einer gewiſſen
Aufregung dieſen unerwarteten Beweis freundlicher Erin⸗
nerung empfangen und gewünſcht, daß man einen Augen⸗ blick die Blumen, die man ihr mit ſolcher Herzlichkeit ſchickte, auf ihr Bett ſetzen möchte. Kaum war dieſer Wunſch befriedigt worden, als ihre Augen ſich auf den Korb richteten und eine geheime Angſt verriethen. Dann hatte ſie mit dem umherſchweifenden Blick nach der Urſache dieſer plötzlichen Angſt geſucht, und, ſchnell den Korb auf ihr Bette ausleerend, war ſie bei dem Anblick der purpur⸗
othen Blätter, die am Boden lagen, mit einem lauten
3
ttefte—
Schnst zurückgeſunken und in die furchtbaren Kämpfe ver⸗ fallen.
„Bringen Sie mir dieſe Blätter,“ ſagte der Doctor zu Sophie, welche ihm dieſe Mittheilung außerhalb des Zimmers der Kranken machte. Als er ſie geſehen hatte, rief er aus:„Ha, das dachte ich mir!— Sehen Sie nicht, daß es ein Zweig der Mangereſche iſt?“
„Nun, Doctor?“
(lange dauern, wie das Leben ſelbſt.
„Nun, haben Sie nie von dieſem Baume ſprechen hören?“
„Warten Sie, Doctor.— Man ſagt, daß ſie nie dahinkommen, wo dieſer Baum wächſt.— Iſt das wahr?“
Der Doctor antwortete auf dieſe Frage nur durch ein trübes Lächeln und kehrte zu Elſie zurück.
Sie ſchlief. Helene und Dudley Venner betrachteten ſie ſchweigend. Der Letztere gab dem Doctor ein Zeichen näher zu treten und ſagte, indem er auf das Geſicht ſeiner Tochter deutete:
„Sehen Sie ſelbſt. ähnlicher geweſen.“
„Das iſt wahr,“ erwiderte der Doctor, indem er un⸗ willkürlich über dieſe plötzliche Aehnlichkeit erbebte.
„Nun,“ fuhr Dudley fort,„was ſagen Sie dazu? Miß Darley und ich, wir wunderten uns ſchon dieſer Tage über dieſe Umwandlung, die bei meinem Kinde vorgeht. Ihre Züge, der Klang ihrer Stimme, ihre gleichmäßigere und ſanftere Laune, alles iſt dabei betheiligt.— Was dür⸗ fen wir davon hoffen?— Sprechen Sie!— Soll meine Tochter, meine wahre Tochter, mir zurückgegeben werden?“
„Kommen Sie in den Garten,“ ſagte der Doctor, „und ich werde Ihnen ſagen, was ich davon halte.“
Als ſie gegen jedes Lauſcherohr geſichert waren, fuhr der Doctor fort:„Ich glaube, daß dieſes Kind eine dop⸗ pelte Exiſtenz gelebt hat; Sie können jetzt ſehen, was ſie ohne das entſetzliche Unglück geweſen wäre, von dem ſie noch vor ihrer Geburt betroffen wurde. Sie wiſſen, unter welchem fürchterlichen Einfluſſe ſie ſeit achtzehn Jahren lebt; es iſt Ihnen außerdem nicht unbekannt, daß wenige innere Formen des Lebens bei dem menſchlichen Weſen ſo Man konnte daher hoffen,— und Sie haben das gehofft, mein Freund,— daß bei dieſem Kampfe zweier einander entgegengeſetzten Naturen, von denen die eine erblich war, die andere dem armen Kinde gewiſſermaßen eingepfropft,— die minder erhabene mit der Zeit erliegen würde. Das iſt in der That geſchehen; aber ich fürchte,— und wie dürfte ich Ihnen das verbergen? ich fürchte, daß dabei auch die an⸗ dere Natur erſchöpft wurde. Elſie's Puls iſt kaum noch zu fühlen. Kein Stärkungsmittel entreißt ſie ihrer Be⸗ täubung. Das Leben ſcheint ſich langſam zurückzuziehen, und man kann vorausſehen, daß Ihr Kind allmählich in jenen eiſigen Schlaf verſinken wird, aus dem es kein Er⸗ wachen gibt.“
Trug irgend eine unbemerkbare Schwingung der Luft dieſen furchtharen Urtheilsſpruch bis zu dem Lager der jungen Kranken? Man konnte dies glauben, denn wenige
Nie iſt ſie ihrer armen Mutter


