Gedichte von Auguſt Auch. Erſtes Bändchen. Elberfeld, Verlag der Bädeker'’ſchen Buch⸗& Kunſthandlung(A. Martint& Grüttefien). 1862.
Der Wohlthat⸗Engel.
Wer kennt die Jungfrau in dem Land, Schön wie des Frühlings Luſt? Balſam trägt ſie in ihrer Hand, Mitleid in zarter Bruſt.
Sie wandelt wohl aus ſtillem Haus, Aus Schlöſſern hehr und weit,
Und ſtreuet ihre Blumen aus
Zu heilen Menſchenleid.
Sie läßt den Schleier um ſich weh'n, Spricht: wo der Kummer iſt, Dahin auch will ich liebend geh'n Am Abend des heil'gen Chriſt.
Und eine Mutter bleich und krank Sitzt ſtill im Kämmerlein,
Da ſtehet bei der Arbeitsbank So nah der Tiſch und Schrein.
Da ſcheinet auf die kalte Wand Der Lampe Licht erbleicht,
Da hat die opfernde Mutterhand Den Kindern das Letzte gereicht.
Sie kennen nicht die Sorge ſchwer, Sie kennen nicht den Gram,
Heut' geht vor ihren Blicken her Die Weihnacht wunderſam.
„Laß, Mutter, heut' uns freudig ſein, So lang' das Aug' noch wacht, Erzähle von den Engelein,
Die kommen in heiliger Nacht.
Die kommen in Kleidern ſilberhell, Mit den Locken goldig ſchön.
O Mutter, hätten auch wir zur Stell' Einmal einen Engel geſehn!—
Sie nah'n doch nur geheimnißvoll,
Wenn Alles entſchlummert iſt,
Und bringen, was lieb den Menſchen, wohl In der Nacht des heil'gen Chriſt.
Erzähl', erzähl“, wir horchen ſtill,
Erzähle vom Weihnachtsbaum,
Von den Schäfchen und dem bunten Spiel, Wie wir's geſeh'n im Traum.
O Mutter, warum erzählſt du nicht, So lang das Lämpchen noch ſcheint? Wie biſt du ſtill! ſprich, was gebricht? Und warum haſt du geweint?—“
„Ihr wißt es nicht, o Kinder mein! Vergebens iſt euer Traum;
Bei uns kehrt nicht ein Engel ein, Der ſchmückt den Weihnachtsbaum.
Krank bin ich nun, und lang nicht mehr Mein Tagewerk erſchallt,
Drum iſt der Tiſch, der Schrein ſo leer, Drum iſt die Kammer ſo kalt.
Drum wird entſchwinden euch das Glück Der nahen Freudenzeit.
Drum ſteht vor eurer Mutter Blick
Der Zukunft banges Leid.“
Die Mutter ſchweigt und preßt die Hand Auf's wehbelad'ne Herz,
Als wollt' ſie löſchen drin den Brand, Erſticken darin den Schmerz.
Schaut auf der Lampe bleichen Schein,— Da ſtirbt der letzte Strahl.—
Da aber blickt der Mond hinein
Vom Himmel mit einemmal.
Da flüſtert's draußen wunderbar, Wie Harfenton erklingt.
„O Mutter, iſt das Engelſchaar, Das heut' im Himmel ſingt?“
Da öffnet ſich die Thüre leiſ',
Und in der Kammer Raum
Die Jungfrau kömmt verſchleiert weiß, Gleich einem ſchönen Traum.
Sie neigt ſich zu der Mutter hin;— Sie geht zum leeren Schrein
Und legt mit liebereichem Sinn, Was noth den Armen, hinein.
Und herzt die Kinder inniglich, Und ſpricht zur Mutter bleich: „O lächle,— heute freuet ſich Das Erd⸗ und Himmelreich!
Es ſoll nicht fürder drücken dich Der Sorge arge Pein:
Aus meinem Schloſſe komme ich Gern in dein Kämmerlein.“
Anweht's der Mutter Herz nun wie Ein Frühling liebewarm,
Ihr iſt's, als ob umfangen ſie Vom rettenden Schweſterarm.
Sie ſtammelt laut, ſie weint ſo heiß Des Danks tiefinnig Wort.—
Die Jungfrau in dem Schleier weiß Geht ſegnend wieder fort.
Da reden die Kinder:„o Mutter, ſag’, Wer war die Jungfrau ſchön?“
„O Kinder, Kinder, an dieſem Tag Habt ihr einen Engel geſehn!“.
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