(VIII. 2 Jahe„„
Srimme
Nr. 47. T
Novellen
Elſie Venner. Epiſode aus dem amerikaniſchen Leben.
(Fortſetzung.)
XIII. Bei dem erſten Ruf war der Doctor auf den Beinen. Er war ſolches nächtliche Erwecken gewöhnt. Wenige Worte genügten, ihn von dem, was ſich zugetragen hatte,
in Kenntniß zu ſetzen.
„ Sehen wir den Arm!“ ſagte er als praktiſcher Arzt. „Aber“— ſagte Abel—„wollen Sie den Portugie⸗ ſen losbinden?“ „Iſt er nicht entwaffnet?— Uebrigens geht die Hei⸗ lung Allem vor.— Einfache Verrenkung,“ ſagte er darauf.
—„Eine Serviette, Abel.— Ich bitte, leiſten Sie mir
3 Beiſtand.— Ziehen Sie!— Ziehen Sie noch ſtärker!“
Der Arm war wieder eingerenkt.
„Was denken Sie nun zu thun?“ fragte der Doctor ſeinen Patienten.
„Und Sie?“ erwiderte Richard.
„Das kommt auf Ihre Entſcheidung an.“
„Nun gut! Ich verlange weiter nichts, als mich zu eutfernen.“
„Um nur zurückzukehren?“
„Niemals,— dafür bürge ich Ihnen!“
„Und ich glaube Ihnen.— Was auch ein Dudley nerden möge, ſo beſitzt er doch wenigſtens den Stolz ſeines Geſchlechts.— Soll ich Herrn Langdon um ſeine Mei⸗ nung fragen?— Uebrigens wird er erſt in einer oder wei Stunden überhaupt eine haben können, und ich weiß im Voraus, daß er mir zuſtimmt.— Abel, Sie
könnten Caſſia an das neue Cabriolet ſpannen.“ Der Gehülfe ſah ſeinen Herrn mit erſtauntem We⸗ ſen an; aber er vertraute demſelben und vollzog den Be⸗ fehl.
Caſſia that in dieſer Nacht Wunder; ſie legte in einem Trabe die vierzig Meilen von der Wohnung des Doctors bis zu der Grenze des Staates zurück.
Die beiden Reiſenden hatten kein Wort gewechſelt.
Im Begriff ſich zu trennen, fragte der Doctor:
„Brauchen Sie Geld?“
„Nein,“ erwiderte Dick;„ich habe meinen Gürtel.“
„Und wohin ſoll Ihr Gepäck geſchickt werden?“
Dick nannte ihm den Hafen, wo er ſich nach Südame⸗
Dritte Solge 739
Zeitung.
rika einzuſchiffen gedachte. Als der Doctor dann im Be⸗ wiſf ſtand, ohne ein Wort zu ſagen, wieder in ſein Cabrio⸗ let zu ſteigen, gehorchte Richard einem jener plötzlichen Antriebe, welche in dem ſüdlichen Temperament liegen,
eilte auf ihn zu, preßte ihn an die Bruſt, küßte ihn auf
beide Wangen und vergoß heiße Thränen.
„Nun, nun,“ ſagte der Doctor, indem er ſich aus der heftigen Umarmung losmachte,—„ich glaube, die Lehre wird nicht verloren geweſen ſein.“
Als der Doctor nach Hauſe zurückgekehrt war, ſagte er zu dem treuen Stebbins:
„Herr Langdon hat ſich erholt, nicht wahr?“
„So ziemlich,“ entgegnete Abel.
„Kennt er den Namen ſeines Feindes?“
„Ja. 34
„Weiß er, was ich that?“
„Ja.
„Glaubt er, daß ich Unrecht hatte?“
„Nein.“
„Was iſt während meiner Abweſenheit geſchehen?“
„Wir haben das Pferd geholt.“
„Wozu?“
„Um es wie einen Chriſten zu beerdigen.— Ein ſon⸗ derbarer Einfall!“
„Wer hatte ihn?“
„Ich nicht.— Aber ich habe den Sattel bekommen, — einen ganz mit maſſivem Silber beſchlagenen Sattel.“
Dudley Venuer, dem Abel das eigenthümliche Ereig⸗ niß dieſer Nacht zu erzählen den Auftrag erhielt, war zu⸗ erſt furchtbar überraſcht und gedemüthigt.
Nach der erſten Aufregung dachte er an den Kummer, den dieſe Nachricht Elſie verurſachen würde. Sie hegte, aller Umſtände ungeachtet, einige Freundſchaft für ihren Vetter, für den Gefährten ihrer Kindheit. Er behielt ſich daher vor, ihr ſelbſt mitzutheilen, was ſich zugetragen hatte. Die Dienerſchaft erhielt den Befehl zu ſchweigen.
Endlich kam das junge Mädchen in das Cabinet ihres Vaters herab. Sie war noch etwas bleicher als gewöhn⸗ lich. Als ſie einige gleichgültige Worte gewechſelt hatten, ſagte ihr Vater mit ſehr ruhiger Stimme:
„Theure Elſie, Dein Vetter Richard hat uns ver⸗ laſſen.“
Elſie's Bläſſe ſteigerte ſich.
„Jſt er todt?“ fragte ſie.
Dudley konnte ſich nicht enthalten über den eigenthüm⸗ lichen Ton dieſer Frage zu erbeben.
„Todt für uns, obgleich noch am Leben,“ erwi⸗ derte er.
Seine Tochter fragte nicht weiter.


