Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
738
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Uovellen-Zeitung.

Hermann Allmers.

Nachtſegen.

Dämmrig wird's auf allen Fluren, Dunkel wird's im Buchenhain, Alle Waldesvögel ſchlafen

Unter leiſem Singen ein.

Alle Tagesſtimmen ſchweigen, Aus den Wieſen ſteigt der Duft, Und der braune Käfer ſurret Durch die laue Sommerluft;

Und die bleichen Nachtphalänen Flattern leiſ' ohn Unterlaß, Und des Thaues Wonnethränen Sinken ſtill ins hohe Gras.

Doch die tiefgeheimſten Stimmen, Die der laute Tag verſchlang, Flüſtern, murmeln, rauſchen, ſingen Ihren wunderſamen Sang.

Und viel zage Menſchenherzen, Hat der Tag ſie arm gemacht, Arm an Glauben, arm an Lieben, Macht ſie reich die ſtille Nacht.

In den Trümmern der Kloſterkirche zu Hude.

Sind auch ohne Dach die Reſte Dieſer mächtigen Abtei, Buchenlaub und Tannenäſte Sorgen, daß es ſchattig ſei.

Wallen keine Weihrauchwolken Vom Altare durch die Luft, Hauchen doch die alten Fichten Ihren würz'gen Waldesduft.

Meßgeläut und Mönchschoräle

Schwiegen in den Mauern lang; Dafür dringt aus friſcher Kehle Luſt'ger Vöglein Waldgeſang.

Sonnenlicht und Wolkenſchatten Spielen wechſelnd um's Geſtein, Und von oben ſtrahlt der blaue

Himmel durch's Gezweig herein.

Hoch auf Mauern, tief im Grunde, Hier im Schiffe, dort im Chor Ringt ein reiches Pflanzenleben Freudig ſich zum Licht empor;

Und ein ſelig ſtilles Träumen Iſt's im eingeſchloßnen Grün, Wo aus alten heil'gen Räumen Wieder junge Lieden blühn.

Dichtungen von Hermann Allmers.

Die alte Spinnerin.

Nacht iſt's und kalter Winter,

Still ſchlafen die Felder im Schnee; Im Traume ächzen die Bäume,

Als hätten ſie tiefes Weh.

Am dunklen Waldesrande, Da ſteht ein Hüttchen klein, Da ſitzt in niedrer Stube

Ein freundlich Mütterlein.

Die Alte ſitzt und ſpinnet, Ein kleines, dünnes Licht Beleuchtet mit trübem Scheine Das alte, gute Geſicht.

Und was ſie geliebt, das ruhet Im Grabe, ihr Mann, ihr Kind; Sie ſpinnt nach alter Gewohnheit, Denkt nicht, für wen ſie ſpinnt.

Sie denkt an vergangene Zeiten, Durch ihre Seele zieht Auf einmal ſüß und ſchmerzlich

Ein längſt vergeßnes Lied.

Und mit leiſer, mit bebender Stimme Singt ſie's, indem ſie ſpinnt,

Und heiß ihr von der Wange

Die Thräne niederrinnt.

Willkommen, du liebe, du ſchöne,

Hochwonnige Pfingſtenzeit!

Zum Wald wir wollen wandern, Ja wandern!

Mein Lieb, mach' dich bereit!

Viel tauſend Waldblümelein blühen

Alldort im grünen Gras;

Viel tauſend Waldvögelein ſingen, Ja ſingen

Alldort ohn' Unterlaß.

Und die Taube, die gurrt im Laube,

Hoch oben der Kuckul ſchreit,

Wir aber halten uns ſtill umfaßt, Still umfaßt

Vor Freud' und Seligkeit.

So ſinget die Alte und weinet, Ihr Spinnrad nicht mehr ſchwirrt, Doch tief in ihrem Herzen

Es wieder Frühling wird.

Und draußen Nacht und Winter, Still ſchlafen die Felder im Schnee, Im Traume ächzen die Bäume, Als hätten ſie großes Weh.

Bremen, J. G. Heyſe's Verlag. 1861.

[VIII. Jahrg.

Er

Nr.

2

Wor in K