len Reden, deren Gegenſtand er war.
Elſie Venner.
Epiſode aus dem amerikaniſchen Leben.
(Fortſetzung.)
IX.
Es fehlte in Rockland nicht an Leuten, welche den Stein auf Dudley Venner warfen, wenn von den Eigen⸗ thümlichkeiten ſeiner Tochter die Rede war.
„Sie hat die Herrſchaft über ihn gewonnen und iſt unbezähmbar geworden.— Hätte man bei Zeiten dazu gethan—“
Vielleicht! Aber was ſollten das für Zeiten geweſen
ſein? Ein⸗ oder zweihundert Jahre vor der Geburt des
Kindes wäre vielleicht an ihre zukünftige Erziehung zu den⸗ ken geweſen!
Dudley Venner kümmerte ſich nicht um alle dieſe eit⸗ Sein patrieiſcher
an den Selbſtmord.
Stolz ließ ihn dem„Was werden die Leute dazu
ſagen?“trotzen. Er wurde von ſchweren Sorgen beſtürmt
und hatte ein gewaltiges Kreuz zu tragen. Seine unend⸗ lich glückliche Ehe war durch den plötzlichen und tragiſchen Tod ſeiner Frau getrennt worden und hatte ihn in die finſterſte Verzweiflung verſenkt. Dennoch dachte er nicht Und dann mußte er auch für das Kind leben, das die Todte ihm hinterließ; allein mit welch bitteren Gedanken betrachtete er oft die Kleine!
Es gab Augenblicke, in denen er ſich von Zärtlichkeit ergriffen fühlte, wenn ein Lächeln ihre kleinen roſigen Lip⸗ ven umſpielte. Er ſtreckte die Arme aus, ſie von der Almme zu nehmen, aber plötzlich zogen dann die funkelnden Augen des Kindes ſich zuſammen, ihr Kopf warf ſich zu⸗ rück, und, am ganzen Körper bebend, wagte der arme Vater es nicht mehr, ſeine Lippen auf die Wangen der klei⸗ nen Elſie zu preſſen.
Zuweilen erregte dieſer Anblick in ihm ſolche Gedan⸗ len, daß er aus der Kinderſtube ſtürzte, denn er ſchien nicht mehr Herr ſeiner ſelbſt zu ſein, um, von augenblicklichem Wahnſinn ergriffen, eine verbrecheriſche Hand gegen das Lind auszuſtrecken, welches ihm das Leben verdankte.
An ſolchen Tagen verließ er ſein Haus und ſuchte auf
dem„Berge“ die Einſamkeit und die phyſiſche Erſchöpfung,
deren er bedurfte, um die Aufregung ſeines moraliſchen
Seins zu beſchwichtigen. Er dachte nicht daran, ſich von den ſteilen Felſen her⸗
abzuſtürzen, aber er erſtieg ſie mit verzweiflungsvoller Un⸗
Dritte Folge.
Novellen-Zeitung.
vorſichtigkeit. Zuweilen ging er bis nach der verhängniß⸗ vollen Fläche, bis zu dem verfluchten Ort hinauf, der beſtändig von dieſen furchtbaren Schlangen heimgeſucht wurde. Er drang in ihre Zufluchtsſtätten ein und ver⸗ nichtete hier mit einer Art blinder Wuth alle die Thiere, deren er habhaft werden konnte.
Allmählich milderte die Zeit dieſe Ausbrüche; er ge⸗ wöhnte ſich an die Phyſiognomie und an die Bewegungen ſeiner Tochter. Er legte ſich Zwang auf, ſie oft in ſeiner Nähe zu haben, obgleich er ſich des gemiſchten Gefühls nicht erwehren konnte, in Folge deſſen die Anweſenheit ſei⸗ nes Kindes für ihn ſtets eine Art von Prüfung war.
Er erfüllte heldenmüthig ſeine Vaterpflicht und wurde zum Theil dafür belohnt.
Als Elſie herauwuchs, hatte ſie für ihn die ganze kind⸗ liche Zuneigung, deren ihre Natur fähig war. Nie jedoch zeigte ſie ſich unterwürfig gegen ſeine Befehle; das war ihr nicht möglich. Von Drohungen und Strafen konnte ge⸗ gen ſie nicht die Rede ſein. Ließ man ſich in einen Kampf gegen ihren unbeugſamen Willen ein, ſo bewirkte man da⸗ durch ſolche phyſiſche Veränderungen, daß man ſich ge⸗ zwungen ſah, nachzugeben.
Eine Erzieherin glaubte die Kraft zu haben, die junge Rebellin zu bezwingen, die damals fünfzehn Jahr alt war. Der Kampf begann und währte einige Wochen, nach deren Verlauf die Erzieherin plötzlich erkrankte. Um Mitternacht holte man in großer Angſt den Doctor herbei. Die alte Sophie hatte ihren Herrn bei Seite genommen und ihm einige Worte, über die er erblaßte, in das Ohr geflüſtert. Auf die Andeutungen Dudley Venner's wendete der Doc⸗ tor gewiſſe Mittel an, welche die Kranke erretteten. Aber kaum geneſen, verließ ſie das Haus, mit der freigebigen Zuſagung eines lebenslänglichen Gehaltes.
Bei dieſer Gelegenheit wurden die Theile der Woh⸗ nung, in denen Elſie ſich am häufigſten bewegte, mit großer Sorgfalt durchſucht. Man fand Nichts von dem, was man zu finden erwartet hatte. Allein von dieſem Augenblick an hatte Dudley keinen einzigen Tag vollſtän⸗ dige Ruhe mehr.
Er zog den Doctor über die Frage zu Rathe, ob man Elſie einſperren müßte.
„Sie würde davon ſterben,“ erwiderte der würdige Arzt,„und überdies haben Sie nur Vermuthungen, aber keinen beſtimmten Beweis.“
„Und wenn man ihr Wächter gäbe, die ſie nie aus den Augen laſſen?“
„So würde ſie binnen weniger als einem Monat wahnſinnig ſein.“
Der unglückliche Vater ſprach alle Möglichkeiten und


