Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
716
Einzelbild herunterladen

Stadt zurückzukehren und ſich der Gnade der Sieger zu überlaſſen.

In dieſer Weiſe wurde die Schreckensnacht von beiden Theilen verbracht. Als das Unwetter mit Aufgang der Sonne ſich gelegt hatte, wurden die Truppen, von denen 30 Mann und eine Menge Einwohner in Folge des Sturmes unter den Trümmern begraben waren, geſam⸗ melt. Aber es blieb nur noch wenig für ſie zu thun. Das Zerſtörungswerk, ſo weit es vom General Roß anbefohlen, war vollendet. Das ſtolze Capitol, welches von einem kleinen Flüßchen beſpült wird, welches die Amerikaner, da⸗ mit es im Einklange mit dem Namen des Senatsgebäudes ſtehe,Tiber getauft haben, der Palaſt des Präſiden⸗ ten, die Docks, die Schiffswerfte und das Arſenal mit ſei⸗ nen eine große Landfläche bedeckenden Magazinen waren verſchwunden. Rauchende Trümmerhaufen bezeichneten die Stätten, wo ſie geſtanden. Selbſt die Brücke, ein ſtatt⸗ licher, faſt eine engliſche Meile langer Bau, war gänzlich zerſtört. Ebenſo raſch wie General Roß die Hauptſtadt nach dem bei Bladensburgh erfochtenen Siege überfallen und zerſtört, ſo zog er auch wieder ab. Am Nachmittage wurde die zerſtreute Mannſchaft nicht ohne Mühe auf der Anhöhe des Capitols geſammelt. Der größte Theil war von Rauch geſchwärzt; viele erſchienen mit verbrannten Kleidern und verletzten Gliedern; die am längſten ſich ver⸗ ſpätet hatten, keuchten unter einer Laſt von Beuteſtücken einher, die ſie aber augenblicklich von ſich werfen mußten, auf Befehl des Generals. Nur Lebensmittel wurden ſta⸗ tuirt, und man ſah deßhalb eine große Menge ſchöner Fleiſchſtücke auf den Bajonneten der Soldaten aufge⸗ ſpießt.

Drei Kanonenſchüſſe gaben das Zeichen zum Abmarſche. Es war Abend geworden, als die Brigade Bladensburgh erreichte. Dort bivouakirte ſie auf dem Schlachtfelde des vorigen Tages. Die Leichen, die aller Kleidungsſtücke, die meiſten ſelbſt des Hemdes beraubt, dicht nebeneinander

[VIII. Jahrg.

auf der Ebene umherlagen, gewährten einen Grauſen erre⸗ genden Anblick. Der während der Nacht fallende Gewit⸗ terregen und die damit verbundene Kälte hatte die Körper zu einer unnatürlichen Weiße gebleicht. Geiſterhaft beſchien der aufgehende Mond die Stätten des Todes.

Die unheimliche Lagerſtatt war wenig geeignet Leben in die Truppen zu bringen, die ſich nach dem ſiegreichen Eindringen in die Hauptſtadt und nach den Anſtrengungen, die das große Zerſtörungswerk gekoſtet, auf vollem Rück⸗ zuge glaubten, weil der Befehl zum Aufbruch nach wenigen Stunden Erholung ertheilt ward.

Indeſſen ſahen ſie ſich am Morgen zu einer neuen Unternehmung auf dem Wege.

Dieſes Mal galt es der reichen Stadt Baltimore, wo General Roß ſich glänzendere Reſultate verſprach, als er ſie mit ſeinen Regimentern in Waſhington errungen. Die Landverbindung mit Newyork wurde dadurch abgeſchnitten.

Aber der unternehmende General fiel ſchon bei dem erſten Angriff an der Spitze ſeiner Truppen.Gott, Dir meine Seele, der engliſchen Nation empfehle ich Frau und Kinder! waren die Worte, mit denen er verſchied.

Weniger der Tod des Generals, als der erwachende

Muth der Amerikaner, hatte den Abzug und die ſchnelle

Wiedereinſchiffung der Engländer zur Folge. Sie verſuch⸗ ten jetzt unter dem Oberſt Brooke ihr Glück noch an meh⸗ reren Punkten; aber faſt überall ſcheiterte die Tapferkeit der Briten an der vaterländiſchen Begeiſterung der feſt⸗ verbundenen Freiſtaaten.

Doch erſt im Januar 1815 an den Ufern des Vaters der Ströme, am Miſſiſſippi, und in den Bayous von New⸗ Orleans ſollte die britiſche Armee, obgleich verſtärkt durch die Veteranen aus der Pyrenäiſchen Halbinſel, erfahren, daß ein Heer der beſtgeſchulteſten Soldaten auf die Dauer nichts vermag gegen ein für den Heerd und für die Freiheit kämpfendes Volk!

Nach vier blutigen Treffen, in denen die engliſche

ſeine Sympathie für den Grafen von Chambord bei dieſer Gele⸗ genheit verrathen hatte, in ſeiner letztern Stellung ſofort einen Nachfolger erhalten hätte. Anhänger der Bourbons oder der Orleans dürfen von Seiten Napoleon's III. auf keine Nachſicht rechnen, und ſicher würde der Kaiſer keinen ſolchen in einer ſo wichtigen Stellung, wie der Oberbefehl über das Heer in Lyon iſt, laſſen. C.

Literatur.

Die Frau in Weiß. Von Wilkie Collins. Engliſchen von Marie Scott. Zweite Auflage. Voigt und Günther. 1862.

Wir haben ſchon einmal mit verdienter Würdigung, aber auch nicht ohne einſchränkende Worte auf dieſen vierbändigen Ro⸗ man hingewieſen, der ſowohl im Original als in der guten Ueber⸗ ſetzung ein ungewöhnliches Glück gemacht hat.

Wenn dieſes Glück beſonders dadurch hervorgerufen wurde, daß es der Autor verſtand, mit einer ſeltenen Realiſtik der Schil⸗ derung den Ton des Geheimnißvollen, Seltſamen zu treffen und die Leſer dadurch auf eine außerordentliche Weiſe zu ſpannen und nervös zu erregen, ſo beweiſt dies allerdings ein namhaftes Ta⸗ lent für die raffinirtere Kunſt des Vortrags. Eine geſunde Rich⸗ tung iſt es aber nicht, der dieſe Begabung dient, vielmehr eine krankhafte und manierirte, die zu ſehr auf eine intereſſante Schür⸗ zung als auf eine kunſtgerechte Löſung des romantiſchen Knotens ausgeht. Verſöhnt wird für die Moral der Culturgeſchichte die⸗ ſer Fehler zum Theil dadurch, daß ſie fühlt, es ſeien hier, gleich⸗ viel ob im rein erdichteten Spiegelbilde oder von der Wirklichkeit

Aus dem Leipzig,

ausgehend, Schattenfalten aufgedeckt, wie ſie factiſch bei⸗ compli⸗ cirten Verhältniſſen der modernen Geſellſchaft exiſtiren. Dieſe

Wirkung iſt eine ſittliche, doch ſie würde nur dann einen recht kla⸗

ren, ſegensreichen Eindruck machen, wenn ſie weniger von ge⸗

NM

ſuchten Unnatürlichkeiten und ſehr äußerlichem Beiwerk geſtört

wäre.

Wohl aber wird man immer die lebendige, ſich ſtets in ihrer Farbe conſequent bleibende Phantaſie bewundern müſſen, mite

welcher eine wirklich ſchaffende Kraft dieſes Beiwerk und dieſen actenmäßigen Gang einer wichtig dargeſtellten Belauſchung my⸗ ſteriöſer Vorgänge feſtgehalten hat. Die Ausſtattung des Wer⸗ kes iſt ungewöhnlich gut. O. B.

Anno 1724. Zur Charakteriſtik der polniſchen Herrſchaft. Von Friedrich Clar. Bromberg, Verlag von Roskowski. 1862.

Es bleibt ein für allemal eine trübe Aufgabe, ein mit hiſto⸗ riſchen Thatſachen vermiſchtes Werk über polniſche Verhältniſſe zu ſchreiben. Was immer es auch für eine Tendenz haben möge, es werden dabei unvermeidlich jene betrübenden Cultur⸗ und Cha⸗ raktermängel hervortreten, von welchen die Vergangenheit Polens ſo voll iſt. Dieſe Schattenſeite würde für das arme Land und ſeine Bewohner noch viel untröſtlicher ſein, wenn ihre deutſchen und ruſſiſchen Nachbarn ſie durch Redlichkeit und Gerechtigkeit im politiſchen Handeln irgend beſchämt hätten. Dieſe Tugend oder beſſer Pflicht iſt bekanntlich vermieden worden, mit Peinlich⸗ keit kann man ſagen, und was man Verwerfliches über die Vor⸗ gänge in Polens Gegenwart mitzutheilen vermag, kann nur eine

Won

tten dchrakti