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ſchon bis zu Ihren Ohren gelangt.— Ich perſönlich habe Ihnen Nichts zu ſagen, als: ſeien Sie ſehr geduldig gegen
dieſes junge Mädchen,— ſehr geduldig, aber überwachen
Sie ſie genau.— Man darf nicht wünſchen, von ihr ge⸗ liebt zu werden;— aber(hier ſenkte der Doctor die Stimme) man muß fürchten, von ihr gehaßt zu werden.— Kennen Sie von ihr eine Neigung für irgend eine andere Perſon, als Miß Darley?“
Dieſe unmittelbare Frage, bei welcher die Brille des Doctors ſcharf auf Bernhard gerichtet war, verwirrte die⸗ ſen ein wenig; allein ſchnell faßte er ſich, entſcheidend und aufrichtig zu antworten.
„Ich habe Urſache zu glauben,— es ſcheint mir we⸗ nigſtens,— daß dieſes Kind— Nun, nun, Doctor, keine Zurückhaltung!— Ja, ich glaube, daß Elſie Venmer eine entſchiedene Vorliebe für Jemand hegt,— und daß dieſer Jemand ich bin, weil Sie es doch durchaus wiſſen wollen.“
Der Doctor, der bisher voller Zurückhaltung in ge— heimer Augſt geweſen war, erhob ſich plötzlich freude⸗ ſtrahlend:
„Herr Langdon— Bernhard, will ich ſagen,— Sie ſind mein Mann.— Wie Sie zu mir geſprochen haben, ſo will ich zu Ihnen ſprechen.— Fühlen Sie Neigung für Elſie?— Es iſt keine eitle Neugier, ſondern ein aufrich⸗ tiges Wohlwollen, welches mir dieſe Frage dictirt.“
„Elſie flößt mir ein eigenthümliches Intereſſe ein,“ erwiderte der junge Mann, ohne zu zögern.„Ihr Cha⸗ rakter hat einen gewiſſen milden Duft, der ſie von allen Geſchöpfen unterſcheidet, die ich bisher kennen lernte.— Sie trägt den Stempel des Genies; des poetiſchen oder dramatiſchen, das weiß ich ſelbſt nicht recht.— Neulich las ſie uns in der Claſſe Verſe von Keats ſo vor, daß ſie ihr junges Auditorium ganz verwirrte. Ich ſelbſt wußte nicht recht, wie mir war;— ſeit einiger Zeit iſt mein ganzes Nervenſyſtem außerordentlich reizZbar,— und Miß Darley
V
[VIII. Jahrg.
wurde von einem plöͤtzlichen Zittern ergriffen, ſo daß ſie gezwungen war, auf ihr Zimmer zu gehen.— Ueberdies habe ich Mitleid mit dem jungen Mädchen.— Sie iſt ſo iſolirt. Ihre Gefährtinnen fürchten oder verabſcheuen ſie; ſie machen ſie zum Gegenſtande tauſend böswilliger Mit⸗ theilungen, ſie geben ihr einen Namen, deu kein menſchli⸗ ches Geſchöpf ſich zuziehen ſollte. Sie behaupten, ſie trage
beſtändig ein Halsband, um ein Zeichen zu bergen, das ſie
am Halſe habe. Keine von Allen, die nicht ſo thut, als wagten ſie es nicht, ihr in die Augen zu ſehen.— Ich hege daher Mitleid mit ihr, Doctor, aber ich liebe ſie nicht.— Und dennoch würde ich mein Leben für ſie wagen; aber es geſchähe mit kaltem Blute und weil ich dabei weiter Nichts thäte, als eine Schuld zu bezahlen.“
„Bernhard,“ ſagte der Doctor,„Sie ſind jung, und ich bin alt. Ich weiß viel Dinge, die Sie noch nicht ein⸗ mal ahnen. Es iſt mir verboten, ſie Ihnen alle zu offen⸗ baren, nicht aber Sie zu warnen. Ich ſage Ihnen daher, daß Sie in Gefahr ſind. Schließen Sie Ihr Herz, und öffnen Sie Ihre Augen! Wenn das Mitleid, welches Sie für dieſes Kind empfinden, jemals zur Liebe würde, dann ſind Sie verloren!— Verloren, verſtehen Sie wohl?
Wenn Sie auf der andern Seite ſie nicht mit der größ⸗
ten und ängſtlichſten Sorgfalt behandeln, ſind Sie eben⸗ falls verloren. Das iſt noch nicht Alles. Es ſind auf Sie auch noch andere Augen als die Elſie Venner's ge⸗ richtet.— Tragen Sie Waffen bei ſich?“
„Immer,“ entgegnete der junge Lehrer,„hier ſind ſie,“ fügte er hinzu, indem er zwei gewaltige Fäuſte zeigte, von denen er in der That den mörderiſchſten Gebrauch zu machen verſtand.
Der Doctor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, allein ſein Geſicht trübte ſich bald wieder.„Das könnte leicht nicht genügen,“ ſagte er.„Begleiten Sie mich in mein Sanctum.“
Das Sauctum des Doctors war ein kleines, finſte⸗
zunehmen. Dieſer Freund, der ſich zur großen Freude des Bi⸗ ſchofs ſelbſt erbot, ſie zu begleiten, war der Profeſſor Rongton, der berühmte Reiſende, welcher einige Jahre ſpäter in Afrika auf dem Wege nach Tombuktu ſtarb. Madame Bathurſt und ein anderes Familienmitglied reiſte mit demſelben Ende December 1809 nach Deutſchland ab.
Es gelang ihnen das preußiſche Gebiet zu erreichen, ohne auf ein Hinderniß zu ſtoßen, und bei ihrer Ankunft in Perleberg fand ſie die Behörden mit dem Verſchwinden des Herrn Bathurſt und in Folge der ihnen von dem Miniſter des Innern zugegangenen Befehle mit thätigen Nachforſchungen in Betreff jenes Ereigniſſes beſchäftigt. Dieſe Nachforſchungen hatten ſchon zur Entdeckung von ein Paar Beinkleidern in einem Gebüſch in der Nähe der Stadt geführt, von denen man vermuthete, daß ſie dem Ver⸗ ſchwundenen gehört haben möchten.
Madame Buthurſt, der man dieſelben nach ihrer Ankunft ſo⸗ gleich zeigte, erkannte ſie ſofort als einen Theil der Garderobe ihres Gatten an. Sie waren von mehreren Kugeln durchbohrt, aber in einer Unterſuchung von Sachverſtändigen ſtellte es ſich heraus, daß dieſe Beinkleider von den Kugeln durchbohrt worden waren, als ſie leer ausgebreitet auf der Erde lagen, und nicht während ſie ſich an dem Körper einer Perſon befanden.
Dieſe Entdeckung, welche auf die Spur des Verſchwunde⸗ nen zu führen und eine Entführung deſſelben anzudeuten ſchien, verdoppelte den Eifer der Madame Buthurſt und ihrer Begleiter. Sie ließen öffentlich bekannt machen, daß eine Belohnung von 500 Thalern demjenigen bewilligt werde, welcher ihnen etwas Zuverläſſiges über dieſes geheimnißvolle Ereigniß mittheilen
könne; außerdem vertheilten ſie bedeutende Summen an die Poli⸗ zeiagenten, um deren Eifer zu vermehren. Dieſes Mittel war indeſſen nicht gut, wie die Folge es bewies.
Auf die Nachricht, daß reiche Fremde in der Gegend ange⸗ kommen ſeien, die bedeutende Summen für die Entdeckung ihres verſchwundenen Landsmannes böten, eilten alle Landſtreicher und Abenteurer nach Perleberg, und der Hauptmann von Klitzing, Gouverneur der Stadt, wurde mit Anerbieten und Nachrichten überhäuft, die größtentheils unbedeutend oder ganz falſch waren und zu nichts weiter dienten, als das über dieſer Angelegenheit ſchwe⸗ bende Dunkel noch zu vermehren. lang die ſorgfältigſten Nachforſchungen vorgenommen worden waren, ſchien das Geheimniß undurchdringlicher als jeer..
Indeſſen begannen die engliſchen und die franzöſiſchen Jour⸗ nale, welche das Ereigniß erfahren hatten, daſſelbe zu beſprechen. Die„Times“ veröffentlichte vom 20. Januar 1810 in großen Lettern den foſgenden Paragraph, der die Runde durch die ganze engliſche Preſſe machte:
1 ſaesnn ur allzuviel Grund vorhanden zu glauben, daß die Nachricht von dem Tode des Herrn Bathurſt, vormals britiſcher Geſandter beim Kaiſer von Oeſterreich, die in ein Pariſer Jour⸗ nal eingerückt war, in der Hauptſache richtig iſt. Dieſer Artikel, der vom 10. December datirt unter der Rubrik„Berlin⸗ vel⸗ öffentlicht wurde, beſagte, Herr Bathurſt habe bei ſeiner Durch⸗ reiſe durch Berlin Symptome von Wahnſinn gezeigt und in deſſen Folge habe er ſich in der Umgegend von Perleberg mit eigner Hand das Leben genommen. Man hat indeſſen in den letzten Tr. gen Nachrichten erhalten, welche ſehr ſtark zu der Annahme ⸗
rechtigen, daß der Tod oder das Verſchwinden des Herrn Bathurſt
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