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708 Sie erinnern ſich wahrſcheinlich an das, was die Al⸗
ten vom Wolfswahnſinn erzählen, einer Krankheit, welche die Menſchen in Wölfe verwandelt, dem Ausſehen und
Uovellen-Zeitung.
dem Inſtincte nach. Altomaris erzählt davon eine Anzahl
Beiſpiele, und Guicelius berichtet, daß 1541 ein Menſch, den man als beſonders gefährlich verhaftet hatte, hart⸗ näckig behauptete, Wolf zu ſein, indem er hinzu fügte: „das Haar des Thieres geht nach innen.“
Man zählt die Tollen nicht mehr, d Kraukheit angetrieben werden, zu beißen und die Hunde.
In Beziehung auf die Eindrücke, welche die Kindheit dem reiferen Alter hinterläßt, kennen Sie die Geſchichte des Königs Jakob und der Verwirrung, welche ein aus der Scheide gezogenes Schwert bei ihm hervorrief, was dem Kenelm Digby beinah theuer zu ſtehen gekommen wäre, als der König ihn zum Ritter ſchlug, denn Jakob wendete dabei den Kopf ab und hätte dem Bewerber beinah das
ie durch ihre zu bellen wie
rechte Auge ausgeſtoßen, wäre Buckingham nicht zu gele⸗
gener Zeit herzugeſprungen, um die Klinge zu ergreifen und auf den richtigen Weg zu führen.
Gaffarel ſpricht von einem jungen Mädchen, welches das Mal eines Fiſches hatte, und ſo oft ſie Fiſche aß, ſchmerzte ſie dieſes Mal.
Der Glaube an den böſen Blick iſt ſo allgemein in Italien(er rührt von dem König Salomo her), daß er auf einige freilich ſeltene, aber dennoch erwieſene Thatſachen geſtützt ſein muß. Zu meiner perſönlichen Kenntniß ge⸗ langte kein Beiſpiel davon.
Der Zauber, den die Schlange ausübt, wird dem Schreck beigelegt, von dem ihre Opfer erfaßt werden.
Ich leſe die Zeitungen nur wenig und gebe nichts auf ihre Geſchichten von Kindern, die mit einer Schlange Freundſchaft geſchloſſen haben. Vielleicht ſind dieſe Wunder unſerer Zeit weiter nichts, als die Wiederholun⸗
ſonderbar?
während wir die Wieſel und die Katzen für unſchuldig er⸗
gen von Anekdoten aus dem ſiebzehnten Jahrhundert und
[VIII. Jahrg. r
von denen Einige, die ich geleſen habe, ſehr unbefangen aame und ſehr unterhaltend geſchrieben ſind. in
Der Anblick gewiſſer Frauen erweckt eine Erinne⸗ ſ rung an die Schlangen, der eines Mannes ſelten oder nie. Gleich vielen andern bin ich von den Schlangenköpfen und Augen ergriffen worden, welche die berühmte Schauſpieled rin Rachel uns zeigte.
Es würde eine große Abhandlung erforderlich ſein, dnr um auf das zu antworten, was Sie hinſichtlich der erbli⸗ ſch chen Neigungen zu wiſſen wünſchen. 4
Ich habe in dieſer Beziehung ſehr wenig orthodoxe Anſichten.
Mir ſcheint, als ob das Verbrechen und die Sünde, 5 ieſe beiden großen ſocialen Inſtitutionen, mit größerer Sorgfalt bewacht werden, wie die fürſtlichen Wälder gegen die Wilddiebe.
Gewiſſe phyſiſche Mängel machen einen Menſchen untüchtig zum Kriegsdienſt; man unterſucht, man beſtätigt ſchd dieſe Mängel und läßt den Menſchen nach Hauſe gehen. Ebenſo erkennt und beweiſt man die geiſtigen Mängel, aber nie denkt man daran, dieſen Unterſchied auch bei der moraliſchen Ordnung zuzugeben. Die Vollkommenheit Ver wird ſtets vorausgeſetzt, ſtets gefordert. Iſt das nicht mal
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Ich begreife, daß man die Urheber des Böſen beſtraft, wie man ein ſchädliches Gewürm vertilgt, aber wo nehmen wir das Recht her, ſie zu verurtheilen? Woher nehmen wir das Recht, die Ratten und Mäuſe zu verdammen, klären, obgleich ſie in keiner Beziehung beſſer ſind?
Die Phrenologie iſt eine falſche Wiſſenſchaft, wie ich Ihnen in meinem Curſus hundert Mal wiederholt habe. 9 Dennoch verdankt das menſchliche Geſchlecht ihr viel, den die Phrenologen ſind die einzigen, welche die Grenzen der n menſchlichen Verautwortlichkeit zweckmäßig beſtimmt haben. f Wenn es ihnen nicht gelang, ſtreng ein Syſtem des Zu⸗
Feuilleton. B
S — SOn
Ein geheimnißvolles Verbrechen.
Unter dieſer Ueberſchrift bringt die engliſche Zeitſchrift„The Spectator“ den folgenden Artikel, der nach mehr als funfzig Jah⸗ ren einiges Licht über ein aller Wahrſcheinlichkeit nach politiſches Verbrechen, das ſeiner Zeit nicht nur in Deutſchland, dem Schau⸗ platze deſſelben, ſondern in ganz Europa ein großes Aufſehen ver⸗ urſachte, zu verbreiten ſcheint. Jedenfalls iſt der Gegenſtand intereſſant genug, um unſern Leſern mitgetheilt zu werden.
Am 25. November 1809 zur Mittagszeit hielt eine Kutſche, worin ſich zwei Reiſende befanden, vor dem Hauſe des Poſtmei⸗ ſters in Perleberg, einer kleinen Stadt im nördlichen Brandenburg an der Straße von Berlin nach Hamburg. Die beiden Reiſenden waren der honorable Benjamin Bathurſt, außerordentlicher Ge⸗ ſandter der engliſchen Regierung, der mit einer geheimen Miſſion am Wiener Hofe betraut geweſen und eben auf ſeiner Rückreiſe nach England begriffen war, und deſſen deutſcher Courier Krauſe. Kaum aus dem Wagen geſtiegen, gab Herr Bathurſt Befehle, um ſeine Reiſe ſogleich fortſetzen zu können, und trat in das neben dem Poſtamte befindliche Gaſthaus, um dort während des Pferdewech⸗ ſels einige Erfriſchungen zu genießen.
92 itn 111 — 8 4; 45. lron Indeſſen verzögerten verſchiedene Umſtände, namentlich die en Verification der Reiſepäſſe, welche auf die Namen„Kaufmann in
Koch“ und„Fiſcher“ ausgeſtellt waren, die Abreiſe bis zu einer ziemlich vorgerückten Stunde. Es war Abends 9 Uhr, als man dem Herrn Bathurſt meldete, daß die Pferde angeſpannt ſeien. Er verließ ſogleich ſein Zimmer und begab ſich auf die Straße, wie um ſich in ſeine Kutſche zu ſetzen. Sein Courier folgte ihm einige Minuten ſpäter und war ſehr überraſcht, ihn nicht darin zu finden. Er wartete auf ihn in der Hoffnung, ihn mit jedem Augenblick zu⸗ rückkommen zu ſehen, doch Minuten und Stunden vergingen, und Herr Bathurſt erſchien nicht. Seit jenem Augenblicke hat man ihn nicht wieder geſehen.
Das geheimnißvolle Verſchwinden des Reiſenden, der nur unter dem Namen„Kaufmann Koch“ bekannt war, machte in Perleberg wenig Aufſehen. Das Land war damals von Marau⸗ deurs aller Nationen— Franzoſen, Polen, Deutſche— bedeckt und befand ſich in einem ſolchen Zuſtande von Desorgani⸗
ſation, und Mordthaten und Diebſtähle waren daſelbſt ſo häufig,
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daß das Verſchwinden eines einfachen Handelsreiſenden beina ganz unbemerkt vorübergehen mußte. Uebrigens gab es damals 1 in Preußen kaum conſtituirte Behörden. Dieſes Königreich, das
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