Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
707
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VIII. Jahrg

Nr. 45.]

Dritte Folge.

Novellen-Zeitung.

Elſie Venner. Epiſode aus dem amerikaniſchen Leben.

(Fortſetzung.)

Bernhard hatte an ſeinen Schlangen eine Art von Wohlgefallen gefunden. Er brachte lange Stunden in ihrer Geſellſchaft zu, und ſein Gehirn häufte ſich mit tauſend für ihn neuen Merkwürdigkeiten an.

In jeuer Zeit wechſelten wir zwei Briefe, von denen ich hier einen kurzen Auszug gebe.

Bernhard Langdon an den Doctor****

Sie verſprachen mir, mein theurer Lehrer, mich bei jeder wiſſenſchaftlichen Forſchung, die ich unternehmen könnte, zu unterſtützen. Ich bin jetzt im Kampfe mit ge wiſſen äußerſt kitzligen Gegenſtänden, und da ich nicht weiß, zu welcher andern Aufklärung ich meine Zuflucht nehmen ſoll, habe ich bedacht, daß es nicht unbeſcheiden ſein würde, einige Fragen an Sie zu richten. Sie mö⸗ gen darauf antworten, wenn Sie wollen und wie Sie können.

Hier ſind ſie:

Hat man Beweiſe, daß das menſchliche Geſchöpf die⸗

ſer oder jener Wirkung, dieſem oder jenem Einfall der

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vegetabiliſchen oder animaliſchen Gifte unterworfen ſein kann, welche ſeine Natur verändern und ihm dieſe oder jene Eigenſchaft untergeordneter Weſen verleihen? Sind dieſe Eigenſchaften erblich zu übertragen? Haben alle die Geſchichten von demböſen Blick irgend eine Begründung? Haben Sie perſönlich die Zaubergewalt erfahren, welche, wie man ſagt, gewiſſen Thieren eigen ſein ſoll? Was geben Sie auf die in unſern Zeitungen häufi⸗

gen Mittheiluugen von Kindern, welche eine Freundſchaft an,

b

Inſtincte der untergeordueten Thiergattung freigeſprochen ſind?

Glauben Sie nicht, mit einem Wort, daß es Ver⸗ brechen geben kann ohne Sünde?

Entſchuldigen Sie dieſen Katechismus, er wird mir durch Umſtände dictirt, die wahrlich ſehr außer der Regel ſind, und gegen die ich kämpfe, wie ich es vermag. Ich hoffe indeß, mein Schuljahr ohne Kataſtrophe zu beenden, obgleich rings um mich her Dinge vorgehen, über die viele Leute die Augen weit aufreißen würden.

Begegnete mir irgend Etwas, ſo würden Sie natür⸗ lich davon zuerſt unterrichtet werden; aber ich hoffe, den Zeitungen noch nicht Gelegenheit zu der Mittheilungdes Todes eines Menſchen zu geben, der bei ſeiner Lebzeit ſich als der verpflichtetſte und dankbarſte Ihrer Schüler

nennt Bernhard C. Langdon.

Der Doctor*** an Bernhard Langdon.

Ihre Fragen, mein lieber Freund, ſind gemiſchter Art. Sie gehören wenigſtens ebenſo ſehr der Poeſie, wie der Wiſſenſchaft an. Sie werden wenig Menſchen im Stande finden, dieſelben zu begreiſen, und daher noch we⸗ niger, Ihnen bei der Löſung beizuſtehen.

Ehe die Leute von Geiſt ſich r mit einer intellectuellen Waſchung beſchäftigen, wollen Sie im Voraus die Ver⸗ hältniſſe der Miſchung des Sandes und des Goldes ken⸗ nen. Es gibt Fälle, in denen der geringe Ertrag nicht die Mühe der Arbeit lohnt.

Ich habe Ihnen das Alles ſchon von meinem Katheder herab geſagt, aber haben Sie an jenem Tage nicht vielleicht geſchlafen? Sie ſehen, daß auch ich frage.

Um Ihnen indeß gefällig zu ſein, habe ich nachge⸗ dacht und manche alte Folianten durchblättert, in denen es nicht wenig merkwürdige Geſchichten gibt, die Sie für das nehmen können, was ſie werth ſind.

Wenden Sie z. B. auf Ihre Frage Nr. 1 den Fall den Mizaldus in ſeinen Memorabilien erzählt, von

mit Schlangen geſchloſſen haben, deren Nahrung theilen einem jungen Mädchen, welches mit Gift geuährt worden

und einem geheimnißvollen Einfluß gehorchen, den dieſe Thiere auf ſie ausüben?

Das ſind viele Fragen, und doch hätte ich noch an⸗

dere einer ganz verſchiedenen Art an Sie zu richten. Ich wähle unter dieſen eine einzige, deren Löſung Sie mir viel⸗ leicht geben können:

Glauben Sie, daß es erbliche oder in früheren Zei⸗ ten inoculirte Neigungen geben kann, welche dieſe oder jene Beſchlüſſe der Herrſchaft des Willens eutziehen und ſie, ſcheinbar freiwillig, dennoch von jeder moraliſchen Ver⸗ zurtheilung freiſprechen, in eben dem Grade, wie die

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war, und das der Köuig von Indien in das Lager Alexan⸗ ders des Großen ſchickte. Ariſtoteles, der die Augen dieſes Mädchens funkeln ſah, wie die der Schlange, warnte ſei⸗ nen ehemaligen Zögling vor ihr, und in der That ſcheint es, als ob dieſe junge Dame keine ſehr ſichere Freundin geweſen wäre.

Cardanus ſpricht von einem Menſchen, der von einer Schlange gebiſſen wurde und davon genas, während die Schlange daran ſtarb. Dieſer Menſch bekam eine Tochter, welcher die Schlangen nichts anhaben konnten, die aber über ſie eine tödtliche Gewalt ausübte.