Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
702
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Und es kam ein neuer Abend.

Und die Mutter küßt der Knabe: Mutter, gute Nacht der Himmel Schenke Dir des Schlummers Labe!

Als ſchon ſanft die Mutter träumte, Und die Stern' zu glüh'n begannen, Sah die ſchöne Frau er wieder, Nah' am Felſen bei den Tannen.

Ja, er ſah ſie und der Hochwald Lauſchte ihrem Sang, ſo prächtig; Und ſie ſchwebte hin zum Felsrand, Und der Knabe folgt' andächtig.

Vorwärts geht's ſchon ſteht der Knabe Hoch am Rand der Felſenzinne

Sie verſchwindet und er ſtürzet Fahre wohl, Du junge Minne!

In der Felſenſchlucht, der ſchwarzen, Liegt der Knab' auf Moosgeſteinen, Während in ſein Todtenantlitz

Die Mondlichter niederſcheinen.

Ach, zum Gram der alten Mutter Nahm das Waldweib ihm das Leben, Weil er's wagte, auch der Mutter Einen Schlummerkuß zu geben!

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Die Frau im Sprüchwort. von Reinsberg⸗Düringsfeld. Fries. 1862.

Die Thatſache, daß ſich die Welt ſtets mit nichts ſo eifrig als mit den Frauen beſchäftigt hat, iſt eigentlich gar nicht auffallend, denn die Frauen bilden ja ſelbſt die größere Hälfte der Welt. Auch haben ſie es, wie billig, nicht daran fehlen laſſen, die Aufmerkſamkeit und den Ein⸗ fluß möglichſt an ſich zu ziehen. Aber auch ganz beſonders iſt in der Literatur durch die Galanterie und die Unſelbſt⸗ ſtändigkeit der Männer das weibliche Geſchlecht und ſein Geſchmack zum leitenden Mittelpunkt gemacht worden. In wie weit dies weiſe und für die Frauen ſelbſt vortheilhaft iſt, über dieſe verfängliche Frage wollen wir uns heut nicht unterhalten. Sie wird ſich überhaupt am beſten durch die Zeit entſcheiden und vielleicht erſt im nächſten Jahrhun⸗ dert mit Wehmuth und Seufzen beantwortet werden.

Aber nicht bloß die gebildete Converſation und die Kunſtliteratur, ſondern auch der geſellige und ſchaffende Geiſt im Volke hat ſich ſehr eifrig den Erſcheinungen und Erfahrungen zugewandt, welche das weibliche Geſchlecht in all ſeinen verſchiedenen Kreiſen und Lebensbeziehungen bietet. So finden wir im Volksliede die Intereſſen des Weibes ſehr berückſichtigt und ſein Inneres in allen Nüan⸗ cen ausgemalt, und ebenſo in der andern noch unmittelba⸗ rer vom Volke als Corporation herrührenden literariſchen Branche, im Sprüchwort. Zwiſchen der Färbung beider, zwiſchen der des Volksliedes und der des Sprüchwortes, aber findet in Bezug auf die Art, wie ſie der Frauen und ihres Weſens gedenken, ein Unterſchied ſtatt. Im Volks⸗ liede, welches viel mehr von einzelnen verſchollenen Dich⸗ tern als vom Volke ſelbſt herrührt, da das Volk oft nur inſofern Theil daran hat, als es den ſchönen Verſen bankelſängermäßig auch triviale hinzufügte, im Volks⸗ liede werden die Frauen mit Rückſicht, ja mit Innigkeit und begeiſterter Verehrung behandelt, und es wird ihnen poſitiv die Stellung und Weihe zuerkannt, welche den beſten unter ihnen mit Recht zukommt. Das Sprüchwort dage⸗

Von O. Freiherr Leipzig, Hermann

gen, welches als ein augenblickliches Product des geſelligen

Verkehrs vom Volke größtentheils ſelbſt gemacht worden iſt und keine verborgen gebliebenen oder verloren gegan⸗ genen Poeten zum Schöpfer hat, äußert ſich über die Frauen mit unendlicher Rückſichtsloſigkeit, ja noch mit viel ſchlimmern Eigenſchaften, welche einer niedrigen Anſchau⸗ ung ihr Daſein verdanken.

Es iſt überhaupt der Charakter des Sprüchworts, kritiſch, zerſetzend, negirend und polemiſch aufzutreten, und ſo arbeitet es nicht mit Verehrung und Neigung, ſondern mit Sarkasmus, mit Mißtrauen, ja ſogar mit bitterer Jronie an ſeinem Gegenſtande herum.

Man darf dabei aber nicht verkennen, daß aus Zweifel und kühlſter Beobachtung, überhaupt aus dem ruhigen Deſtilliren der gemachten Lebenserfahrungen oft am ſchärf⸗ ſten das Treffen der Wahrheit hervorgeht, und ſo bringt denn auch das Volk in ſeinen Sprüchwörtern über die ſchönere Hälfte der Menſchheit manche ſehr werthvolle Bemerkungen zu Tage. Natürlich bleiben ſie in jener Einſeitigkeit ſtehen, welche nicht mit allgemeiner Ueberſicht nach der Summe der Erfahrungen urtheilt, ſondern nur in ihrem eigenen Kreiſe, unzugänglich für alle Idealität, nach der Summe des Gewöhnlichen ihre Ausſprüche fällt.

Der Verfaſſer hat, was er in ſehr verſchiedenen Spra⸗ chen Sprüchwörtliches über Frauen und Frauenweſen fand, hier in ſolchen Rubriken zuſammengeſtellt, wie ſie ſich naturgemäß aus dem Stofſe ergaben.Die Frau; die Schönheit;das Mädchen;die Ehe;die Mut⸗ ter bilden dieſe Abtheilungen und zerfallen wieder in einzelue Epiſoden, wie z. B.:Was iſt die Ehe?Vor und nach der Hochzeit;Weiberregiment und was der peinlichen Dinge mehr ſind.

Damit die Leſerinnen ſehen, wie ungalant das Volt gegen ihr ſanftes liebevolles Herz iſt, wie viel Wahres und Edles es aber auch im Schacht ihrer Seele aufgefunden hat, wollen wir uns einige rückſichtsloſe und gefühlvolle Bemerkungen über die Frauen von verſchiedenen Völkern zurufen laſſen.

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