Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
700
Einzelbild herunterladen

700

Hier ſind Klapperer, ſagte ſie;wählen Sie die, welche Ihnen zuſagen.

Und in der That warf ſie auf den Boden einen Knäuel von Schlangen, die ineinander verſchlungen waren. Sie erhoben den Kopf, als ſie das Tageslicht erblickten, aber keine derſelben gab das geringſte Zeichen des Zornes.

Haben Sie den Verſtand verloren, Unglückliche? rief Langdon.Sie werden in einer Stunde ſterben, wenn eines dieſer Thiere Sie verwundet.

Aber die gute Frau hatte keine Ahnung von der Ge fahr. Sie nahm ihreKlapperer, indem ſie die Hände auf die Köpfe derſelben drückte und ſie wieder in ihre Schürze that wie einen Packſtrick.

Noch eine Thatſache war aufzuklären.

Bernhard that daher die Klapperſchlangen in einen ver⸗ gitterten Käfig und ſtudirte mit dem größten Intereſſe ſeine gefährlichen Gefangenen. Es ſchien ihm, als wenn er, ſie betrachtend, die alte Mythe von dem Urſprung des Böſen begriffe, und er bewunderte die umfaſſende und frei⸗

gebige Toleranz der Natur, welche in ihrem mütterlichen

Schooße dieſe Geſchöpfe bereitet, gegen welche der Menſch einen angebornen Haß hegt, ein eigenthümliches und viel⸗ leicht ſtrafbares Gefühl, denn wir dürfen wohl fragen, ob es uns geſtattet iſt, das zu haſſen, was Gott geſchaffen hat, was er leben läßt.

Bernhard wurde bald mit ſeinen Schlangen vertraut und fühlte dadurch keineswegs ſeinen nervöſen Zuſtand ſich verſchlimmern. Er bemerkte im Gegentheil, daß er dieſes ſo wenig gekannte Thier mit einer Art von Reiz ana⸗ lyſirte.

Ruhig, aufmerkſam, ernſt, ohne Zorn, die Embleme des unerbittlichen Geſchickes, beſitzen ſie, gleich dieſem, die kalte Grauſamtkeit, welche die letzte Gelegenheit zu erlauern verſteht. Ihre feſt geſchloſſenen und ſich in ſich ſelbſt zu⸗ ſammenziehenden Lippen bewahren in der Wurzel ihrer runden Zunge den Schatz des Giftes, den ſie ſeit ihrem

Uovellen-Zeitung.

letzten Morde angeſammelt haben. Nie blinzeln ihre Augen, denn ſie haben keine beweglichen Augenlider, und ihr Blick iſt ſtarr, wie der jener beiden Gladiatoren, welche dieſes ſeltenen Verdienſtes wegen durch einen der kaiſerli⸗ chen Tyrannen Roms aus zwanzig anderen Perſonen aus⸗ gewählt wurden, wie dies Plinius der Aeltere mittheilt. Ihre Augen ſprühen nicht Blitze; ſie ſtrahlen einen kalten, ſcharfen Schein aus. Ihre ſtrohgelbe oder mattgoldene Farbe, ihre metalliſche Ruhe, ihre unwandelbare Gleich⸗ gültigkeit machen ihre Anſchauung fürchterlich. Kaum äußert ſich einiges Leben in dem verticalen Schwarz der Pupille, hinter welcher, wie der Bogenſchütze hinter einer engen Schießſcharte, der Tod zu lauern ſcheint. (Fortſetzung folgt.)

Das Waldweib.

Ballade. Aus dem Böhmiſchen des Adolf Heyduk überſetzt von

Alfred Waldau.

Meide ſtets die ſchwarzen Wälder, In den ſchwarzen Wäldern gehet Eine ſchöne Frau, die Waldfei, Die nach jungem Herzblut ſpähet!

Ei, ſie ſpäht? Womit, o Mutter? Mit des Lichtaug's ſchöner Bläue, Und dann ſchwindet ſchuell die Freude,

Und noch ſchneller kommt die Reue.

Haupt verhüllen, wenn ein Polizeidiener naht. Uebrigens genie⸗ ßen die Frauen in Tibet große Freiheit, führen ein arbeitſames

Leben, beſorgen das Hausweſen, haben den Kleinhandel in Hän⸗

den, gehen hauſiren, halten Verkaufsläden und helfen auf dem Lande bei allen Feldarbeiten..

Theater. Moderne Bühnenvirtuoſen.

Der ungenannte Verfaſſer des Sterns von Iſola ſpricht in einem Maskenſcherz eine ſehr treffende, wenn auch ſcharfe Charak⸗ teriſtik der neuen Bravourſchauſpieler aus, welche amüſante Phi⸗ lippika wir hier den Bühnenfreunden empfehlen:

Chedem gab es hier und da einen Schauſpieler, der ſelbſt dachte, der ſo zu ſagen ſtudirte; da war mein ſeliger Freund, der Iffland, dann gibt es noch die Devrients und noch einige Ge⸗ ſinnungsgenoſſen ihrer Art, ſie machten ſich das Leben und uns andern das Handwerk unnöthig ſchwer, denn ſie dachten und den⸗ ken wirklich.

Iſt ein überwundener Standpunkt das. Wer hat noch nöthig, zu denken? Wir ſpielen Komödie, aber wir machen keine. Natur, reine Natur! Die Mehrzahl meiner Collegen von heute ſind Klaviere, auf denen ſie ſelbſt herumtrommeln. Das einzige Erforderniß erſcheint ihnen eine große Lunge und beweg⸗ liche Geſichtsmuskeln; das andere findet ſich dann von ſelbſt. Wenn wir eine neue Rolle erhalten, nehmen wir freilich den Mund voll und ſagen: Wir brauchen ſo und ſo viel Monate, um ſie zu

ſtudiren. Lächerlich der vollkommenſte Schwindel! Faul ſind wir, wie Maulbeerholz, wir lernen nicht gern, denn das iſt die einzige Mühe unſers Berufs aber ſtudiren: koſtbar lächer⸗ lich! Heutigen Tages ſind wir alle geborene Genies, die Kunſt iſt uns wie Waſſer, was wir nie trinken, wenn wir etwas Beſſeres haben; wir waſchen uns höchſtens damit. Wir ſind Künſtler, ſo wie wir ſind, wir ſpielen Natur und keine Studie, das iſt die neue Schule, welche nur Meiſter kennt, und jede Aufführung wie eine Probe, und jede Probe wie etwas Zweckloſes betrachtet.

Sehen Sie einige der bausbackigen Herren dieſer neuen Schule durch die Welt ziehen von Bühne zu Buͤhne, als gemachte Leute. Sie verziehen ihre Geſichter und ſchreien, daß alte Decorationen nicht mehr verwendbar ſind. Was gemacht werden kann, wird ge⸗ macht; ſie haben ihre Rollen, auf welche ſie reiſen wie die Com- mis-voyageurs ihre Häuſer und ihre Waaren. Etwas Anderes kön⸗ nen ſie nicht. Mit zwei bis dreien halten ſie Haus, das ſind die Stückchen, welche ſie auswendig können und abpfeifen wie die Gimpel, und für welche ſie ſich ſo viel bezahlen laſſen, daß manch ein armer Schlucker von der alten Schule ſein ganzes Leben lang genug daran gehabt hätte. Und koſtet ihnen auch der Applaus, die gebräuchlichen Kränze und Blumen und was ſonſt zu einem guten Empfang gehört, ein nettes Stück Geld, ſind auch dle Herren Recenſenten von heute ein verwünſcht begehrliches Volk, was thut's, es bleibt immer genug übrig, um ſich Häuſer zu bauen und den vernünftigen Leuten von Geſchmack vor's Auge zu hal⸗ ten, und zu ſagen:Seht uns an, ſind wir nicht Matadore! Können zwar kaum unſere Namen ſchreiben, und wenn wirs nicht auswendig gelernt haben, bringen wir nicht ein vernünftiges Wort aus unſern Hälſen hervor, aber das und das haben wir verdient,

[VIII. Jahrg.