Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
696
Einzelbild herunterladen

696

der großen Stadt zuzubringen, wo ſeiner Angabe nach der Geſchäftsfreund wohnte.

Man muß vermuthen, daß er ein gewiſſes verdächtiges

Ausſehen mit hinbrachte, denn ein Menſch, der um die,

Station umherſchweifte, nahm ſich die Mühe, ihn bis zu dem Hotel zu begleiten, wo er abſtieg, um ſich ſelbſt für vierundzwanzig Stunden einzuquartieren. Dieſer Gentle⸗ men, der ſich unter dem Namen Thompſon hatte einſchrei⸗ ben laſſen, bemerkte bald, daß er ſeine Zeit und ſeine Mühe dabei verlor, über Richard Venner zu wachen, der weder ſeine Frau getödtet, noch eine Banknote verfälſcht hatte. Er erſtattete über ſeinen Irrthum an gehöriger Stelle Bericht und fügte mit einem geringſchätzigen Achſelzucken hinzu:

Es iſt ohne Zweifel irgend ein Sportmann aus dem Süden. Die Wunde an ſeiner rechten Hand und der Schuß, von dem ſein Hals noch das Zeichen trägt, ließen mich ihn anfangs für etwas Beſſeres halten.

VI. Elſie war indeß ſeit der Abweſenheit Dick's und, wie

man erwähnen muß, ſelbſt etwas vor derſelben wieder eine der eifrigſten Schülerinnen des apollineiſchen Inſtituts geworden.

Dieſe berühmte Anſtalt befand ſich nicht ſchlecht bei der Anſtellung Bernyard Langdon's. Mehr als eine Penſio⸗ närin, die ſich früher hier gelangweilt hatte, ſchrieb jetzt an ihre Eltern, daß ſieIntereſſe an ihren Studien finde. Mehr als eine fügte ihrem Kopfputz eine Blume oder ein Band hinzu. Die lieben Seelen! Kaum ahnten ſie den Beweggrund, der ſie ſo handeln ließ. Wiſſen die Vögel im Frühling, weßhalb ihr Gefieder wechſelt, weßhalb ihr Gezwitſcher harmoniſcher wird?

Helene Darley täuſchte ſich nicht über dieſe leichten Symptome. Sie hätte ſagen können, welche ihrer Schü⸗

Uoveillen-Zeitung.

[VIII. Jahrg.

(lerinnen am häufigſten ihre Augen über die Lehrbücher nach dem Sitze des ſchönen Lehrers erhob. Hieß das viel⸗ leicht, daß in ihre lebhafte Dankbarkeit für die Sorgfalt, V die er ihr bewies, für den ſtummen Schmerz, mit dem er ſie umgab und der bereits ſeine Früchte trug, ſich ein zärt⸗ licheres Gefühl miſchte? Streng genommen kann man dies glauben. So viel iſt gewiß, daß ſie ſich oft fragte, ob ſchon irgend eine ge⸗ heimnißvolle Verbindung zwiſchen Herrn Bernhard und jener Brünette mit den Diamantaugen beſtand, die ſtets abſeits von den übrigen ſaß. Konnte ſie ihn durch ihre eigenthümliche Zauberkraft, mit der der Himmel ſie begabt hatte, an ſich locken? Wäre zu fürchten, daß? hier erbebte Helene.

Sie erbebte auch, indem ſie an den fremden Reiter dachte, den man am Abend wie Mephiſtopheles auf einem Geiſterpferde mit langer Mähne, herabgebeugt, vorüber⸗ fliegen ſah, denn dieſer Reiter war der Vetter Elſie's, ihr Verlobter, wie man ſagte, oder wenigſtens ein Bewer⸗ ber um ihre Hand, und ohne Zweifel ein gefährlicher Nebenbuhler.

Bernhard Langdon wußte nichts von den Beſorgniſſen Helene's; er lebte friedlich und heiter unter den verborge⸗ nen Qualen, deren geheime Urſache er war, ohne es zu wiſſen.

Eines Morgens kam er ſpät erſt in den Studienſaal. Indem er den Vixgil ergriff, den er am Tage zuvor an ſeinem Pult hatte liegen laſſen, fühlte er, daß Etwas in dem Bande ſich befand. Er öffnete ihn und fand zwiſchen den Blät⸗ tern eine friſch gepflückte und noch feuchte Blume desBer⸗

ges. Unwillkürlich blickte er nach Elſie hinüber; ſie trug eine ähnliche Blume an dem Leibchen ihres Kleides.

chens, anmuthiges Andenken, weiter Nichts! O nein, gewiß weiter Nichts! Allein eigenthümliches Zuſammen⸗

Da in den perſiſchen Behauſungen weder Wohlſein noch Rein⸗ lichkeit, noch Harmonie herrſcht, dieſelben folglich keine Anzie⸗ hungskraft üben können, da die Weiber weder Lebensgefährtin⸗ nen noch Freundinnen der Männer ſind und daher die Süßigkeit der häuslichen Bande nur ſelten erprobt wird, ſo werden die Fa⸗ milienglieder ſelten durch Liebe aneinander gekettet. Ein gutmü⸗

thiges 23jähriges altes Mütterchen geſtand mir einſt mit einem

ſchlauen Seitenblicke:Mein Mann würde mich längſt verab⸗ ſchiedet haben, verſtände ich mich nicht ſo überaus gut auf die Kochkunſt.

Außer den rechtmäßigen Weibern gibt es eine Claſſe geſetz⸗ mäßiger Concubinen,Sigas genannt. DieSiga indeſſen ſteht mit den Dienenden durchaus auf gleicher Stufe, nimmt nie am Mahle ihres Gebieters Theil, oder gibt auf die Länge ſeine Geſellſchafterin ab.

Im Unglück jedoch ſollen dieSigas ſtichhaltiger ſein, als die rechtmäßigen Weiber. Die Kinder derſelben indeß haben die⸗ ſelben Anrechte an das väterliche Eigenthum, wie die ehelich ge⸗ vornen Kinder.

Wir wollen auch zum Schluß eines wahren und rührenden Ereigniſſes Erwähnung thun, das mit manchem ſoeben Darge⸗ thanen im Widerſpruch zu ſtehen ſcheint. In der That bietet es ein edles und leuchtendes Beiſpiel als Ausnahme der beklagens⸗ werthen Sachlage im Allgemeinen. Der vormalige Premiermi⸗ niſter war mit einer Schweſter des Königs verheirathet. Alle Berichte ſtimmen darin überein, den Emir als einen Mann von höchſt fürſtlicher, ritterlicher Erſcheinung zu ſchildern. Er war im wahren Sinne des Wortes ein Miniſter. Im höchſten Grade

aufgeklärt, erwies er ſich durch ſeine Bemühungen, ſeinem Vater⸗ lande, das er faſt unumſchränkt beherrſchte, zu dienen, als echten Patrioten. Sein Lebenswandel war makellos, ſeine Rechtſchaf⸗ fenheit frei von Verdacht. Großherzig, barmherzig, liberal, will⸗ fährig zum Verzeihen, hat die Geſchichte unter den heutigen Per⸗ ſern ſeinesgleichen nicht aufzuweiſen. 1 Dennoch gab man ihm Prachtliebe ſchuld, wie ſie ſich gar häufig bei hervorragenden Männern. findet. Iſt die Anklage gegen den perſiſchen Premierminiſter gegründet, wie das vielleicht anzu⸗ nehmen ſteht, ſo fragt es ſich immerhin, ob nicht vielmehr Polltik als Prachtliebe dabei im Spiele war. Denn in manchen Ländern, zumal in Perſien, erheiſcht die Norhwendigkeit, vermöge äußeren Pompes den Haufen im Zaume zu halten. Man verfuhr nun ſo: Ein Küchenjunge wurde beſtochen, aus⸗ zuſagen, daß er beſtochen worden ſei, Speiſe für die königliche Tafel zu vergiften. So ward der Emir ſeiner Macht entſetzt und ein Flüchtling und Geächteter. In Folge der Vermittlung der europäiſchen Geſandtſchaft kam er für diesmal mit dem Leben da⸗ von, jedoch erging an ihn der Befehl, die Hauptiſtadt zu meiden. Seine Gemablin, ihm ſo ergeben, wie jung, ſchön und tugendhaft, folgte ihm in die Verbannung. Weder bei Tag noch bei Nacht wich ſie von ſeiner Seite und nahm ſtets an ſeinen Mahlen Theil, denn ſie wußte, daß man ſie Beide nicht vergiften werde, dennoch nährten ſie ſich vorſichtshalber faſt nur von gekochten Eiern. Im⸗ mer noch war er ſeinen Feinden ein Stein des Anſtoßes. Sie be⸗ ſchloſſen ſeinen Tod durch Liſt zu bewerkſtelligen. Eines jene verſchlagenen alten Weiber, die ſteten Unheilſtifter Perſiens ward von ihnen gedungen. Die Alte wußte die hohe Frau in den Garten zu locken, woſelbſt ſie einen Botſchafter des Königs an⸗

Liebenswürdige Aufmerkſamkeit eines jungen Mäd⸗

eine dad nen

ſtart

Elſi

gen

geb