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Nr. 41.]
Dritte Folge. 8
Novellen-Zeitung.
Elſie Venner.
Epiſode aus dem amerikaniſchen Leben.
(Fortſetzung.)
IV.
Einige Tage darauf bat der Doctor Kittredge, den wir künftig nur noch den„Doctor“ nennen werden, ſeinen Gehülfen Abel Stebbins, ſeine Stute Caſſia an ſein beſtes Cabriolet zu ſpannen.
Ich ſage„er bat“ ihn, denn Abel würde einen förm⸗ lichen Befehl nicht befolgt haben.
Abel war nicht der Bediente Europa's, ſondern„der Gehülfe“, wie man ſie in Neu⸗England im Allgemeinen und in Neu⸗Hampſhire in's Beſondere findet. Ein Be⸗ dienter oder eine Magd in der Bedeutung, welche die alte Welt dieſen Wörtern noch gibt, iſt in den Staaten des Nordens ein Wunder geworden. Der gemiethete Mann, das gemiethete Weib vertreten ſie; ſie leiſten wohl einige Dienſte gegen eine gewiſſe Geldſumme, bleiben dabei aber in dem Beſitz aller ihrer perſönlichen Rechte und glauben nicht, daß der zwiſchen den beiden Theilen abgeſchloſſene Vertrag die Gemietheten auf eine andere Stufe ſtellt, wie den Miether.
So verſtand Abel ſeinen Dienſt.
Ernſt und ſchweigſam, grüßte er nie, lächelte ſelten, arbeitete oft den ganzen Tag lang und verwendete ſeine Abende darauf, zu leſen. Ueberdies miſchte er ſich in Alles, verſagte keine männliche Anſtrengung und beſchränkte ſich nicht auf den Dienſt des Hauſes, ſondern verlangte über⸗ dies noch den des Gartens, denn dieſer gemiethete Mann liebte die Blumen. Der Garten des Doctors war ſein Gedicht, das Einzige, welches ein Puritaner ſich erlaubt.
Caſſia, ein geduldiges, unermüdliches Thier, verrichtete ſeine Arbeit ungefähr ſo wie Abel, mit derſelben Ernſthaf⸗ tigkeit, demſelben Schweigen, demſelben unerſchrockenen Eifer. Dreißig Meilen in drei Stunden, mit dem Cabriolet
hinter ſich, koſtete ſie nicht einen einzigen Seufzer.
Von dem Haus des Doctors bis zu der impoſanten Wohnung Dudley Venner's aber war es kaum der drei⸗ ßigſte Theil dieſer Strecke und deßhalb die Angelegenheit von fünf Minuten..
Am Fuße des ſüdlichen Abhanges des„Berges“, gegen
Oſten gewendet, erhob ſich am äußerſten Ende eine Allee
von alten Ulmen, und hinter dem terraſſenförmig aufſtei⸗
genden Garten die Wohnung vom Vater Eſſie's; ein wahrer Herrenſitz, obgleich er, ſo zu ſagen, durch die Fel⸗ ſeumaſſen erdrückt wurde, die beinahe unmittelbar hiater ſeinen Mauern ſteil emporſtiegen. Von ferne hätte man glauben müſſen, ſie wären durchaus unzugänglich, aber ein geübtes Auge erkannte da die Zickzackfußpfade, welche die Heerden dieſer Miniaturalpe erkletterten.
Einige hundert Fuß über dem Herrenhaus zeigte ſich ein ſchroffer und tiefer Einſchnitt, in welchem keine Vege⸗ tation leben zu können ſchien, ausgenommen einige⸗einhei⸗ miſche Adamsäpfel mit ihrem blaßgrünen Laubwerk. Eine alte Tradition, die bis zu dem Winter von 1786 zurück⸗ ging, ſagte, daß man hier nach dem Schmelzen des Schnees eine Leiche gefunden hätte, und in Erinnerung dieſer That⸗ ſache wurde die finſtere Schlucht des todten Mannes Höhle genannt.
Noch höhen zeigten ſich dichte Felſenmaſſen, nach allen Richtungen geſpalten, und ſie verbargen, wie man behaup⸗ tete, zahlreiche Höhlen, die für jetzt unbekannt waren, wäh⸗ rend der Bürgerkriege aber oft zum Verſteck für verfolgte Flüchtlinge gedient hatten, denen die Dudley's, damals ſchon Herren des nahegelegenen Sitzes, ihren Beiſtand ver⸗ liehen.
Noch höher endlich, ganz im Weſten, erhob ſich die ge⸗ fürchtete Hochebene, das Klapperſchlangenneſt, wohin ſich nur dann und wann ein junger Wagehals oder ein kühner Naturforſcher wagte, der Letztere in der Hoffnung, hier einen crotalus durissus zu finden, der jung genug wäre, um noch nicht ſeine Zähne zu haben.
In dem großen Gebäude mit den ſchweren Eſſen, den breiten Treppen, den mit Malereien bedeckten Wänden, wohnte Dudley Venner allein mit ſeiner Tochter.
Nur ſelten verließ er ſeine Bibliothek, die am öſtlichen Ende des Erdgeſchoſſes lag. Ausgenommen dieſes Ge⸗ mach und das, in welchem er ſchlief, hatte Elſie das ganze Haus zu ihrer Verfügung.
Von ihrer früheſten Kindheit an flüchtig und eigenſin⸗ nig, begegnete es ihr oft, daß ſie ihre Matratze in eines der zahlreichen unbewohnten Zimmer trug und dann, in ihren Shawl gewickelt, hier die Nacht in einem Winkel zu⸗ brachte. Nichts erſchreckte ſie, und das Spukzimmer, — deſſen zerriſſene Wandteppiche im Winde ſchlugen wie die Flügel von Fledermäuſen,— das Spukzimmer war einer ihrer Lieblingsaufenthaltsorte.
Sie war ſehr ſchwer zu erziehen geweſen. Ihr Vater konnte in gewiſſen Fällen einigen Einfluß über ihren Willen ausüben. Allein daran, ihr zu widerſprechen oder ſie zu beherrſchen, dachte er nicht einmal⸗.
Seine alte Sophie, eine arme Negerin, die in dem


