Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
690
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Uovellen-Zeitung.

AEBWM

Hans Hopfen.

Jung Heinrich.

Der dritte Heinrich wurde müd',

Nah treten hört' er das Ende,

Drum ſchallt er, daß durch's weite Reich Man nach den Fürſten ſende. 8

Nun flogen die Boten, aufſaßen die Herr'n, Und glitzernd im Sonnenſcheine

Wallten die Banner von nah und fern Nach Köln am grünen Rheine.

Der Kaiſer ſprach:Ihr lieben Herr'n, Es geht mit mir zum Sterben; Klein Heinrich hier, mein lieber Sohn, Der ſoll mein Reich erwerben;

Soll herrſchen vom Rhein bis Ungarland, Soll herrſchen von Meere zu Meere,

Er ſoll euch halten Recht und Gericht Und führen eure Heere;

Er ſoll im ganzen deutſchen Reich Ein Herr und König ſchalten, Italien, Lothringen, Burgund In ſeinen Händen halten;

Slaven und Wenden ſollen ihn Als ihren Herrn betrachten, Frankreich und Dänemark

Nach ſeiner Freundſchaft trachten!

O Herr, dein Heinrich iſt ein Kind Mir kleinen, ſchwachen Händen, Wie ſoll er halten das große Reich, Und Noth und Feinde wenden?

Wie ſoll er ſchalten mit Recht und Gericht Und herrſchen von Meeren zu Meeren? Wie ſoll er die Fürſten bändigen

Und ſich der Pfaffen erwehren?

Wie ſoll er vollendend weiter bau'n An deinen mächtigen Werken? O Herr, dein Heinrich iſt ein Kind, Sag' an, was ſoll ihn ſtärken?

Wohl iſt mein Heinz ein kleines Kind, Doch müßt ihr das euch merken:

Es ſoll die alte deutſche Treu'

Den deutſchen König ſtärken!

Dann wird er vollenden das alte Werk Und wird vollenden das neue,

Und Gott gibt ſeinen Segen dazu, Den Segen der deutſchen Treue!

Die Fürſten ſchwuren, dem Sohne ward Die Königskron' erworben.

Drauf zogen ſie wieder ins Land hinaus; Der Kaiſer iſt geſtorben.

Ein Münchner Dichterbuch. Herausgegeben von Emanuel Geibel.

Kümmerniß ging durch's weite Reich, Und jammerte tauſendtönig;

Der vierte Heinrich ſtieg zu Thron, Der deutſchen Treue Koͤnig.

Nun ſollſt du künden mir, mein Lied, Von Mären, wunderalten,

Wie man dem kleinen Heinrich hat Die deutſche Treu' gehalten.

Da war der Erzbiſchof von Köln, Anno, der finſtere Pfaffe,

Der ſann und grübelte früh und ſpät, Wie er Macht und Reichthum erraffe.

Ihr Fürſten, der Freiheit Erben ihr, Denkt doch der Kraft des Alten,

Wie er mit ſtraffen Zügeln euch

In Furcht und Frommen gehalten.

Wird Heinrich in der Mutter Zucht Nach ſeinem Vater ſchlagen,

Dann iſt's vorbei für alle Zeit Mit der Freiheit goldnen Tagen;

Dann gibt's ein einig deutſches Reich, Einen Herrn, dem alle weichen; Das taugt uns nun und nimmermehr, Drum ſoll man's nie erreichen.

Der Pfaff, ein Herzog und ein Graf Die traten nun aus der Mitte;

Der zweite Otto von Nordheim war, Des Königs Vetter der dritte.

Die wollten vor Macht und Einigkeit Das deutſche Reich bewahren,

Drum kamen ſie gen Kaiſerswerth An's Hofgelag gefahren.

O Lebensluſt, zur Pfingſtenzeit

Am Rheine hinzugehen,

Wenn rings in prangendem Frühlingsglanz Die Rebenhügel ſtehen!

Da ſchwelgt das Herz im Sonnenſchein

Und will es nimmer glauben, Daß ſelbſt in der heiligen Maienzeit Die Menſchen verrathen und rauben.

Die Inſel Kaiſerswerth im Rhein Lag einſt in Stromes Mitten, Doch damals iſt die deutſche Fluth Verachtend ſeitab geſchritten.

Wo einſt in rauſchendem Wechſelgruß Die plaudernde Welle gelandet

Iſt nun in Sumpf und Waſſerkies Der Ort vermodert, verſandet.

Stuttgart, Verlag von A. Kröner. 1862.