Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
686
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Kirchenvorſteher ſeines Kirchſpiels ſterben können, und daß in Folge der Revolution wahrhaft rechtſchaffene Leute ver⸗ ächtliche Weſen geworden ſind.

Was iſt die menſchliche Seele zur Zeit der Revolu⸗ tion? Auf dieſe ſchreckliche Frage ſtößt man nirgends häu⸗ figer als in den Erinnerungen Pasquier's, und nirgends läßt ſich dieſelbe beſſer ſtudiren.

Die größte und beſte Lection, die man aus den Erzäh⸗ lungen Pasquier's aus der Zeit der erſten Revolution ziehen kann, iſt die der Nachſicht und Duldung. Die menſchliche Seele, die in ſolchen aufgeregten Zeiten weder Ballaſt noch einen Compaß mehr hat, läßt ſich von den Stürmen forttreiben. Der Zufall trägt den Sieg über den Menſchen davon, und deßhalb muß man die Menſchen, die in ſolche Stürme gerathen, mit Nachſicht beurtheilen. Dieſe Nachſicht iſt durchaus nicht gewöhnlich. Die Zeit⸗ genoſſen und die Nachwelt ſind nicht geneigt, die Menſchen, welche an den Ereigniſſen einer großen Revolution Theil genommen haben, mitleidig zu beurtheilen. Der Partei⸗ geiſt macht aus ihnen Helden oder Böſewichter; er vergißt, daß es Menſchen ſind, Menſchen, die in außerordentlichen Zeiten gelebt und weniger als Menſchen, die in gewöhnli⸗ chen Zeilen lebten, die Freiheit ihrer guten und ihrer böſen Eigenſchaften gehabt haben.

Pasquier erzählte ein Wort oder vielmehr einen reizen⸗ den Zug von Boiſſy d'Anglas. Dieſer hatte bei dem Aufſtande vom 2. Prairial einen großen Muth gezeigt. Bekanntlich begrüßte er als Präſident des Convents und von den revolutionären Sectionen umgeben, welche eben den Deputirten Ferrand ermordet und deſſen Kopf auf die Spitze einer Lanze geſteckt hatten, dieſes blutige Haupt, das ihm als Schreckbild und zur Drohung vorgehalten wurde, mit einem unerſchrocknen Ernſte. Einige Zeit nach dieſer ſchrecklichen Sitzung zeigte er dem Herrn Pasquier und einigen Freunden den Sitzungsſaal des Convents und er⸗ klärte ihnen an Ort und Stelle die Scene vom 2. Prai⸗ rial. Als wir, ſagte Pasquier, mit ihm auf die Eſtrade geſtiegen waren, wo ſich der Armſeſſel des Präſi⸗ denten fand, bemerkte ich im Hintergrunde derſelben eine Thür, die ich noch nie geſehen hatte.Was iſt denn das für eine neue Thür? ſagte ich zu ihm.

Ja, Sie haben Recht, ſagte Boiſſy d'Anglas ganz laut,ſie iſt erſt durchgebrochen und ſeit wenig Tagen er⸗ öffnet und vielleicht ſehr zum Glück für meinen Ruhm. Denn wer kanu wiſſen, was ich gethan haben würde, wenn ich dieſe Thür hinter mir gehabt hätte, die bereit war, ſich für meinen Rückzug zu öffnen? Vielleicht hätte ich der Verſuchung nicht widerſtanden.

Das iſt, fügte der Kanzler Pasquier hinzu,das Wort eines wahrhaft braven Maunes. Er geſteht ein, daß dem Menſchen die Furcht möglich iſt. Nur diejeni⸗ gen, welche ſich für fähig halten, ſchwach zu ſein, ſind es nicht, und nur ſie ſind nachſichtig für die Schwachen.

Wie ſcharf Pasquier die Menſchen und Ereigniſſe be⸗ obachtete und wie richtig er ſie beurtheilte, zeigt ſich recht deutlich in Folgendem:

Bei einem Frühſtücke, an dem er bei Boiſſy d'Anglas Theil nahm, ſprach man von einigen Conventsmitgliedern, die angeklagt waren, ſich während der Zeit, wo ſie im Be⸗

Uovellen-Zeitung.

ben, und die ſich mit großer Lebhaftigkeit gegen dieſe An⸗ klage vertheidigten. Einer der Gäſte rief:Sie mögen ſich wohl hüten, den Koth wegzuwaſchen, man wird dann das Blut erſcheinen ſehen. Das Wort war treffend und ſchrecklich, doch augenſcheinlich ein Wort der Leidenſchaft. Mir gefallen die Erwägungen, welche Pasquier über die Wärme machte, mit der die Terroriſten ſich gegen den Vorwurf, geſtohlen zu haben, vertheidigten.Ich habe be⸗ merkt, ſagte er,daß ſie weit mehr ſich damit beſchäftig⸗ ten, ihre Acte der Raubſucht und der Erpreſſung zu recht⸗ fertigen, als die von ihnen begangenen Grauſamkeiten, und erkläre mir das in folgender Art. Wenn ſie ſtahlen, ſo geſchah das auf ihre eigene Rechnung, zu ihrem Nutzen, und ſie trugen ſo viel wie möglich dafür Sorge, es zu ver⸗ bergen. Wenn ſie im Gegentheil tödteten, ſo geſchah es vielleicht, wie ſie ſelbſt glaubten oder es wenigſtens ſagten, für ihre Sache und um das Vaterland zu retten. Weit entfernt ſich dann zu verſtecken, waren ſie öffentlich uner⸗ bittlich. Der Menſch iſt ſo gemacht, daß er an ſich ſelbſt ebenſowohl wie an Andern die Gewaltſamkeit mehr liebt als die Gemeinheit; er will lieber ein Mörder als ein Be⸗ trüger ſein; er fürchtet weit weniger den Haß als die Ver⸗ achtung Anderer.

Er hat Recht. Der Fanatismus entehrt weniger als die Habſucht und die Hinterliſt. Das Unglück der Terro⸗ riſten, von dem damals die Rede war, beſtand darin, daß ſie Grauſamkeit und Habſucht in ſich vereinigten. Es kam Pasquier durchaus nicht in den Sinn, den revolutionären Fanatismus rechtfertigen zu wollen, aber ſein Geiſt beob⸗ achtete ijberall die meuſchliche Seele und hob die Unter ſchiede ſelbſt im Böſen hervor. Er gehörte weder zu denen, die unſer Jahrhundert anſchwärzen, noch zu denen, die ihm eine unbedingte Bewunderung zollen, er ſah aber, worin wir beſſer waren als in frühern Jahrhunderten, und es machte ihm Freude, das nachzuweiſen. So war es nur dem 1789 herrſchenden Geiſte der Rechtſchaffenheit und Uneigennützigkeit zuzuſchreiben, daß jene Terroriſten lieber für Henker als für Schurken gehalten werden wollten.

So verglich Pasquier das Verfahren der franzöſiſchen Marſchälle im Jahre 1814 mit der der Generäle der Ligue bei der Throubeſteigung Heinrich's IV., welche Letz⸗ tern ſämmtlich mit Gold erkauft werden mußten. In der Schreckenszeit habe man republikaniſche Generäle als Ver⸗ ſchwörer auf's Schaffot geſchickt, doch nicht deßhalb, weil ſie ſich durch fremdes Gold hätten erkaufen laſſen. Napoleon habe in Fontainebleau und in Sauct Helena von Verrä⸗ thern geſprochen, habe aber nicht von Männern ſprechen können, die ſich für Geld verkauft hätten. Ein Judas habe ſich nicht unter ihnen befunden.

Wir halten dieſe Mittheilungen über den entſchlafenen mit Recht allgemein geachteten Staatsmann für hinrei⸗ chend, um den Wunſch zu rechtfertigen, daß die hiuter⸗ laſſenen Memoiren deſſelben dem Publicum nichi zu lange mögen vorenthalten bleiben, da dieſelben ſicher ſehr ſchätz⸗ bare Beiträge zur richtigen Beurtheilung der Ereigniſſe in Frankreich während der letzten 75 Jahre darbieten werden..

ſitze der Macht waren, ſchwere Erpreſſungen erlaubt zu ha⸗

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