Jahrgang 
27-52 (1862)
Seite
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wäre ich im Stande, daran zu ſterben. Indeß gibt es Geheimniſſe, die ich nicht zu erklären vermag. Sollten Sie es wohl glauben, Herr Langdon, fügte ſie hinzu, indem ſie ihre Blicke durch die Claſſe ſchweifen ließ,daß ein junges Mädchen, eben hier, vor nicht gar langer Zeit einen Diebſtahl beging? Ja noch mehr, eine ihrer Ge⸗ fährtinnen verſuchte es, das Haus in Brand zu ſtecken. Beide waren aus vortrefflicher Familie! Und jetzt er⸗ ſchreckt eine andere meiner Schülerinnen mich in einem ſolchen Grade

Aber die Claſſenſtunde erſchien. Die Thür öffnete ſich, und drei junge Mädchen traten zugleich ein.

Die Eine derſelben, kaum vierzehn Jahr alt, mit run⸗ den Locken, ſchlanker Taille, charakterloſer Stirn, gutem, aber ausdrucksloſem Blick. Ihr Arbeitsbeutel war mit Kuchen angefüllt, den ſie während der Claſſe verſchlang. Hanna Martin war ihr Name.

Die Andere iſt Lätitia Forreſter, eine Brünette mit lebhaften Wangen, auf denen öfters die Röthe ſich zeigt und verſchwindet. Ihre Augen ſchweifen gern umher, aber ſie ſenken ſich häufig. Zuweilen mürriſch, ärgert ſie ſich leicht, und ihr Zorn geht dann weit.

Das hier endlich iſt Charlotte Auna Wood, die ſchon genannte Muſe. Lange blonde Locken, bleiches Geſicht, himmelblaues Auge. Ein zartes Kind, noch nicht erblüht, ſucht ſie die Einſamkeit, lieſt außerordentlich viel, unter⸗ ſtreicht gern die Stellen, die ihr aufgefallen ſind, ſchreibt viele Verſe, ſehr ſchnell, aber incorrect. Sie ſprechen im Allgemeinen edle Gefühle aus. Die Lebhaftigkeit ſteht bei ihr über der Mitte.

Nach dieſen Dreien kamen noch viele Andere herein, einzeln, zu Zweien oder in Gruppen.

Dann hörte man auf dem Gange leichte Schritte.

Die Oberlehrerin blickte nach dieſer Seite. Der junge Lehrer erhaſchte dieſen Blick, und der ſeinige wendete ſich

nach derſelben Richtung.

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Ein junges Mädchen von ungefähr ſiebzehn Jahren trat in den Saal. Sie war groß, ſchlank und hatte jene wellenförmigen, angebornen Bewegungen, die man oft bei gewiſſen ländlichen Schönheiten findet, welche von der Kö⸗ nigin der Grazie reich begabt ſind. zende und finſtere Schönheit. Ihr Kleid war von geſpren⸗ keltem Stoff, hatte einen eigenthümlichen Schnitt, und ihre Schärpe von Ziegenhaar war mit einem launenhaften Sichgehenlaſſen umgeſchlungen.

Als ſie etwas von den Andern entfernt ſich geſetzt hatte, ſpielte ſie, eine ihr eigenthümliche Gewohnheit, nach⸗ läſſig mit ihrer goldenen Kette, die ſie um ihr ſchlankes Handgelenke oder um ihre langen Finger ſchlang und wie⸗ der abwickelte. Einen Augenblick erhob ſie ihre Augen, ſchwarze, durchdringende Augen, aber weder groß noch weit geöffnet. Die Stirne war niedrig, ihre ſchwarzen Haare waren in dichten Flechten um den Kopf geſchlungen. Aber wie ſollen wir das Geſicht beſchreiben, das man zu betrachten gewiſſermaßen ſich gezwungen fühlte und von dem man dann, ſeines beſondern Ausdrucks wegen, den Blick abwenden wollte und indem man ſich durch dieſe Diamantaugen gefeſſelt ſah? Dieſe Augen waren jetzt auf die Oberlehrerin ge⸗ richtet. Dieſe verſuchte, ihre Aufmerkſamkeit auf die jungen, rings umher ſitzenden Schülerinnen zu wenden, allein ſie mußte unwillkürlich immer wieder zu dem finſteren Ge⸗ ſichte zurückkehren, das ſie anzog wie ein Abgrund. Die Diamantaugen ſahen ſie fortwährend an. V

Helene öffnete mehrere Bücher, indem ſie that, als ſuchte ſie eine Stelle aufzufinden, und als ſie ihre Aufre⸗ gung beſiegt zu haben glaubte, richtete ſie einen Blick, einen einzigen, auf ihre wilde Schülerin.

Noch immer waren die Diamantaugen derſelben feſt auf ſie gerichtet.

Schweiß begann auf ihrer Stirn zu perlen, ſie trock⸗

Wir haben uns hier nicht bloß mit dem ausgezeichneten Ge⸗ lehrten, dem Mitgliede der Akademie der Wiſſenſchaften, dem an⸗ erkannten Haupte der franzöſiſchen Agronomie, dem Manne, deſ⸗ ſen Werke, Rathſchläge und Einfluß dem landwirthſchaftlichen Fortſchritt einen bedeutenden Antrieb eingedrückt haben, zu beſchäf⸗ tigen; Andere haben ihm in dieſer Beziehung die gerechteſten Lob⸗ ſprüche zu Theil werden laſſen und werden es noch thun; ſondern Herr de Gasparin hat ſich auch an dem öffentlichen Leben bethei⸗ ligt; er hat an der Leitung der großen Angelegenheiten Frank⸗ reichs mitgewirkt, und wir ſind es uns ſelbſt ſchuldig, die von ihm geleiſteten Dienſte nicht mit Stillſchweigen zu übergehen.

Am glänzendſten von allen iſt ſicher ſein Benehmen während der Inſurrection Lyons im Jahre 1834. Nach dem erſten Auf⸗ ſtande, deſſen trauriges Ende bekannt iſt, hatte der an die Spitze der nach Lyon geſandten Truppen geſtellte Herzog von Orleans den Herrn de Gasparin, der damals Präfect des Iſéredepartements war, herbeirufen laſſen, und über ſeinen Widerſtand triumphirend, hatte er von ihm erlangt, daß er die ſchwierige Miſſion der Ver⸗ waltung des Rhonedepartements übernahm. Herr de Gasparin gab dieſen ehrenvollen Bitten nach; alle Parteien ließen ſeiner Haltung volle Gerechtigkeit zu Theil werden. Er ſah den bluti⸗ gen Kampf voraus; er vernachläſſigte nichts, um ihm vorzubeu⸗ gen; als aber die Inſurrection zum Ausbruch kam, bot er ihr mit einer unbezähmbaren Energie die Stirn. Der in Lyon erfochtene Sieg hatte ſehr wiätige Folgen; er gebot der Bewegung des ſo⸗ cialen Umſturzes, die ſich über das ganze ſüdliche Frankreich aus⸗ zubreiten drohte, Stillſtand.

Herr de Gasparin wurde dann Unterſtaatsſecretair, ſpäter Miniſter des Innern. Wenn er auch an die parlamentariſchen

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Kämpfe nicht gewöhnt war, ſo zeichnete er ſich doch während ſeiner kurzen Wirkſamkeit im Miniſterium durch ſein Talent als Admi⸗

Regime der Gefängniſſe einführte.. Obgleich Herr de Gasparin aufgehört hatte, Miniſter zu ſein bekanntlich übernahm er nur aus reiner Aufopferung in einem

nicht auf, dem Lande ſeine Dienſte zu widmen. Als einflußrei⸗

ches und beliebtes Mitglied der Pairskammer übernahm er alle die man ihm anzubieten ſich herbei⸗

interimiſtiſchen Cabinet zwei Portefeuilles, ſo hörte er doch

unentgeltlichen Functionen, ihm drängte; als Präſident einer Menge wichtiger Commiſſionen ver⸗

ſtand er auch Zeit für ſeine Arbeiten im Cabinet, für die Akademie der Wiſſenſchaften und für die Ackerbaugeſellſchaften zu finden. Bei der allgemeinen Ausſtellung im Jahre 1855 in Paris führte er in der erſten Section den Vorſitz; ihm zur Seite als V Vicepräſident ſaß der ausgezeichnete Mann, welcher jetzt die Stelle als Sprecher(speaker) oder Präſident des engliſchen Unterhauſes bekleidet. Das waren die Lieblingsbeſchäftigungen des Herrn de Gas⸗ parin. Er freute ſich, ſich von dieſen Gelehrten, dieſen Agrono⸗ men umgeben zu ſehen, mit denen ihn ſo viele Bande vereinigten. Als man das Inſtitut in Verſailles gründete, wurde er par accla- mation berufen, ſich an die Spitze der unter ſo vielen Titeln aus⸗ gezeichneten Profeſſoren zu ſtellen, die ſich um dieſe Anſtalt grup⸗ pirt hatten. Im Jahre 1856 drohte ein erſter und bedenklicher Anfall des Uebels, das ſeinem Leben jetzt ein Ende gemacht hat, ſeinem irdi⸗

[VIII. Jahrg.

Sie war eine gländ⸗